SZ-Interview mit Vaclav Havel "Die größte Gefahr für Europa ist Europa selbst"

SZ: Heute geht es um vergleichbare Fragen. Russland wehrt sich vehement gegen die Pläne der USA, in Polen Raketen und in Tschechien eine Radarstation zu installieren. Was ist Ihre Meinung?

Der damalige Dissident und Theaterautor Havel im Dezember 1989 auf dem Prager Wenzelsplatz, nach der Bildung der neuen tschechoslowakischen Regierung.

(Foto: Foto: afp)

Havel: Ich bin eindeutig der Meinung, dass dieser Radar bei uns zu stehen hat. Ich habe eine ganze Reihe von Gründen dafür. Mir scheint, dass das Projekt zu einer Festigung der Sicherheit beiträgt. Unser Land ist zwar Mitglied der Nato-Allianz, was unter dem Aspekt der Sicherheit sehr gut ist, aber es ist sicherheitsmäßig noch nicht völlig verankert. Das Projekt Radarschirm ist für die Sicherheit des Staates sehr gut, es ist ein sehr guter Schutz gegen mögliche Bedrohungen. Überdies kostet es uns nichts, und es stärkt die tschechisch-amerikanischen Beziehungen. Es ist immer gut, wenn Amerika ein bisschen in Europa verankert ist. Denn die größte Gefahr für Europa ist Europa selbst. Seien wir uns immer dessen bewusst, welche Weltkriege hier in Europa ausgebrochen sind, und die Amerikaner haben dann immer die Situation gerettet. Mir scheint, dass deren Anwesenheit im ganzen auch für Europa gut ist, zumal wenn es um Systeme geht, die durch und durch der Verteidigung und nicht dem Angriff dienen.

SZ: Aber es gibt in Tschechien starken Widerstand dagegen.

Havel: Wenn sich heute bei uns Stimmen dagegen erheben, sind das durchaus unglaubwürdige und heuchlerische Stimmen, weil im vorgesehenen Stationierungsgebiet 20 Jahre lang ganze Divisionen ausländischer Truppen eines totalitären Staates standen, und niemand hat einen Laut von sich gegeben. Und wenn die Menschen Freiheit haben, dann beginnen sie zu meckern gegen eine Radarkugel im Brdy-Gebirge. Mir kommt das so tschechisch-kleinkariert vor, so heuchlerisch und miefig. Jeder möchte jetzt darüber reden, ob diese Raketen auch die anderen Raketen treffen, die sie treffen sollen, und wieviel das die Steuerzahler kostet und ob dieses ganze System nicht überflüssig ist. Sie machen sich Sorgen, ohne dafür auch nur eine Krone zahlen zu müssen. Dieses System wird jetzt seit 15 Jahren entwickelt, und wenn die Amerikaner dafür ihre Milliarden ausgeben, dann hat das ja wohl Hand und Fuß. Aber mehr als diese fachliche Seite interessiert mich die moralische Seite dieser tschechischen Haltung, dieser Tradition - ob wir die sein werden, die immer abwarten, wie eine Sache ausgeht, oder ob wir uns an einer gemeinsamen Sicherheit und Verteidigung beteiligen wollen. Und interessanterweise bringen einige Politiker das halbgare Argument vor, sie würden zustimmen, wenn das Radar ein Bestandteil der Streitkräfte der Allianz wäre. Es sei aber nur eine bilaterale Angelegenheit, sodass sie nicht zustimmen könnten. Nun, das ist eine technische Sache, dass das derzeit ins Nato-System nicht eingegliedert werden kann. Aber vor allem amüsiert mich, dass das Leute sagen und sich auf die Nato hinausreden, die früher gegen unsere Mitgliedschaft waren. Und jetzt ist sie ihnen wieder recht.

"Morde an Journalisten müssen offen angesprochen werden"

SZ: Die Europäer sind im Moment sehr bemüht, die Russen bei Laune zu halten in dieser Angelegenheit. Halten Sie diese Rücksichtnahme für übertrieben?

Havel: Ein freundlicher Umgang ist nie ein Fehler, aber man darf nicht lügen. Man darf es nicht verbergen, wenn einen Morde an Journalisten und solche verschiedenartigen merkwürdigen Dinge beunruhigen. Das ist etwas, das man offen ansprechen muss, wenn auch mit menschlichem Gesicht. Und da wäre vielleicht zu sagen, dass es zwar nett ist, wie wunderbar sich Bundeskanzler Schröder mit den Putins angefreundet hat, aber ich gestehe gleichzeitig, dass mir Bedenken kommen wegen der Rohrleitung durch die Ostsee, die Polen umgehen soll. Das kann in diesem ganzen Teil Europas Unruhe hervorrufen oder zumindest zur Unruhe beitragen.

SZ: Sie haben vor dem Irak-Krieg sehr stark auf die amerikanische Karte gesetzt. Es gab da einen Brief von acht Staats- und Regierungschefs, die sich im Gegensatz zu ihren Kollegen in den anderen Ländern Europas für den Krieg aussprachen. Das hat Irritationen hervorgerufen. Haben Sie heute eine andere Haltung zum Irak-Krieg als damals?

Havel: Prinzipiell habe ich immer den Sturz Saddam Husseins gebilligt. Man kann nicht endlos zusehen, wie jemand in unserer Nähe Völkermord begeht. Hier stellt der Mensch irgendwie einen höheren Wert dar als die staatliche Souveränität. Also war ich nicht gegen den Einsatz an sich. Alle anderen Zusammenhänge hielt ich für unglücklich: das Timing, die ungenügende Vorbereitung und eine unzureichende Vorstellung davon, was nach dieser Invasion passiert, und so weiter. All diese Einwände habe ich rechtzeitig Herrn Präsident Bush vorgebracht, ich bin also kein General, der nach der Schlacht klüger ist. Aber damals, als es hieß: entweder - oder, da schien es mir richtig, dass wir auf der Seite unserer Alliierten stehen. Ich habe es eher als eine Demonstration der Zusammengehörigkeit im Bündnis betrachtet und weniger als eine Identifikation mit diesem Unternehmen, das tatsächlich nicht gut durchgeführt wurde und vor allem nicht gut begründet war. Es wurde mit etwas ganz anderem begründet als dem, worin zumindest ich persönlich den richtigen Grund sehe.