Optimismus gehört für US-General James L. Jones dazu. So kann er sich - trotz Anschlägen der Taliban und der Macht von Warlords - ein Scheitern der Isaf-Friedensmission in Afghanistan nicht vorstellen.

Amerikas oberster Marine glaubt, dass Demokratie und Wiederaufbau in Afghanistan gelingen.

James L. Jones

James L. Jones (© Foto: AP)

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Niemals mehr, so der 60-jährige Nato-Oberbefehlshaber - mehr werden Taliban und al-Qaida am Hindukusch eine Rolle spielen.

Um dies zu gewährleisten, sollen jedoch auch die bald 8500 Nato-Soldaten die afghanische Präsidentschaftswahl am 9. Oktober notfalls mit Waffengewalt schützen.

Interview: Christian Wernicke

SZ: General Jones, Taliban-Kämpfer kehren scharenweise aus Pakistan zurück, hochgerüstete US-Verbände an der afghanischen Grenze können sie nicht aufhalten. Die Islamisten wollen die Präsidentschaftswahl sprengen . . .

James L. Jones: Es stimmt, wir können diese Grenze nicht so sichern, dass kein Taliban durchkommt. Nichts ist perfekt, niemals. Aber verglichen mit der Lage in Afghanistan noch vor zwei Jahren muss ich sagen: Heute ist diese Bedrohung ein Bruchteil so groß wie damals.

Sicher, es gibt hier und da Explosionen, vereinzelt auch regelrechte Angriffe. Nur, wir alle wissen aus Erfahrung: Diese Kräfte versuchen, mit solchen Aktionen vor Großereignissen wie Wahlen Eindruck zu schinden.

Wir dürfen nicht nur darauf starren, nicht in Pessimismus verfallen. Die Taliban werden weder die Regierung von Präsident Hamid Karsai stürzen. Noch werden sie die Wahlen verhindern.

SZ: Manche Beobachter befürchten, dem Westen drohe in Afghanistan so etwas wie ein neues Vietnam.

Jones: Nein. Ich war als junger Soldat ja in Vietnam. In den Augen der Afghanen entdecke ich, was ich damals in Vietnam eben nicht gesehen habe: den Willen, den Preis dafür zu zahlen, dass man frei ist.

Es gibt niemals genügend Geld oder Soldaten, um Freiheit von außen zu verordnen. Das muss von innen kommen. Und trotz aller Drohungen und Morde der Taliban haben sich inzwischen fast zehn von etwa 10,5 Millionen wahlberechtigten Afghanen in die Wählerlisten eintragen lassen. Das ist enorm.

SZ: Sie klingen, als habe Afghanistan schon gewonnen . . .

Jones: Jedenfalls wage ich zu sagen: Einen Aufstand der Art, wie wir ihn jetzt im Irak erleben, wird es hier in Afghanistan nicht geben!

Andere Gefahren kann ich nicht ausschließen - etwa, dass sich bei einer Veränderung der Machtverhältnisse einige Warlords erheben und einen Bürgerkrieg anzetteln. Aber auch das sehe ich eigentlich nicht.

Nur, mit Blick auf den radikalen islamischen Fundamentalismus weiß ich: Dass al-Qaida und die Taliban in diesem Land wieder erstarken - das ist vorbei!

SZ: Bei der Präsidentschaftswahl werden Warlords zu den Verlierern zählen. Ist die Nato vorbereitet, falls sie losschlagen?

Jones: Alles ist möglich, wir rüsten uns für viele Worst-Case-Szenarien. Dafür sind militärische Planer und Hauptquartiere schließlich da. Schöner wär's, es passiert nichts dergleichen. Aber ich möchte mir niemals die Frage stellen müssen 'Warum haben wir daran nicht gedacht?'.

SZ: Wird die Nato zum Schutz der Wahlen auch zur Waffe greifen?

Jones: Eine unserer Aufgaben als IsafTruppe ist es, diesen Prozess zu unterstützen. Wenn wir dabei angegriffen werden, werden wir mit Gewalt antworten. Das ist schlicht und einfach ein entscheidender Teil von dem, was wir tun.

SZ: Oft hat die Nato beim Afghanistan-Einsatz mehr mit sich selbst zu kämpfen: Ihren Job als Oberbefehlshaber, der den 26 Bündnisnationen die nötigen Soldaten, Hubschrauber oder Lazarette abringen muss, haben Sie umgetauft - zum Amt des Obersten Bittstellers . . .

Jones: Ja, das stimmt. Ein Grund dafür ist die Art und Weise, wie die Nato bisher ihre Truppen zusammenstellt. Dabei fehlt gewissermaßen die Verbindung zwischen dem erklärten politischen Willen, einen Einsatz zu übernehmen, und dem Willen, anschließend dafür auch zu bezahlen.

Diese Lücke im System macht meinen Job - die Planung und Umsetzung beschlossener Missionen - schwerer. Nicht unmöglich, aber schwerer.

SZ: . . . und den Einsatz für die Soldaten gefährlicher.

Jones: Ja, auch das. Denn oft stellen die Regierungen ihre Soldaten nur unter bestimmten Bedingungen bereit. Diese Vorbehalte verbieten dann den einen dies, den anderen das - und erschweren die Zusammenarbeit.

Künftig werde ich eher auf solche Soldaten verzichten als diese Auflagen zu akzeptieren. Aber all das ist eine Folge des fundamentalen Umbaus der Nato.

Das Bündnis ist dabei, sich nach Ende des Kalten Kriegs auf die Herausforderungen des 21.Jahrhunderts, auf Einsätze fern der eigenen Grenzen, einzustellen. Es dauert, einen solchen Tanker auf neuen Kurs zu bringen.

SZ: Wann ist die Nato denn so weit, endlich ihr Versprechen einzulösen, auch im Nordwesten Afghanistans für mehr Sicherheit zu sorgen?

Jones: Wir wollen das so schnell wie möglich schaffen. Aber jetzt müssen wir erst einmal die Wahlen im Oktober absichern. Und irgendwann wird es auch keinen Sinn mehr machen, in ein und demselben Land zwei getrennte Einsätze zu fahren . . .

SZ: . . . die Isaf-Schutztruppe und daneben die Anti-Terror-Mission "Enduring Freedom" unter Führung des USA.

Jones: Genau. Diese beiden Einsätze stehen doch nicht in Konkurrenz, die ergänzen sich. Die Führungsmacht der Anti-Terror-Koalition - die USA - gehört zur Nato. Eine solche Trennung ist langfristig ineffizient.

SZ: Ist die Nato überfordert? Afghanistan, Balkan, Irak - zu viel auf einmal?

Jones: Die Nato hat eigentlich genügend Mittel - Soldaten, Schiffe, Kampf-Jets. Aber wir müssen diese Fähigkeiten nutzbar machen.

Bisher gilt ja der Grundsatz: Die Einsatz-Kosten fallen bei jener Nation an, die jeweils die Truppen stellt. Da müssen wir neue Wege finden, die Lasten zu verteilen - und Teile unserer Missionen gemeinsam bezahlen.

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(SZ vom 16.8.2004)