SZ-Besuch bei Julian Assange "Wikileaks hat Reserven"

Er will in England bleiben und nicht mehr mit der schwedischen Staatsanwaltschaft kooperieren: Die SZ hat Wikileaks-Gründer Julian Assange auf dem Landsitz getroffen, auf dem er nach seiner Haftentlassung Zuflucht gefunden hat.

Julian Assange redet viel - über Wikileaks, "erbärmliche, radikale Feministinnen" und seine Zeit in Haft. Stefan Klein von der Süddeutschen Zeitung konnte den Gründer der Enthüllungsplattform in seinem britischen Refugium besuchen.

Der Wikileaks-Chef will nicht mehr mit den schwedischen Behörden kooperieren, die Assange Vergewaltigung vorwerfen. Das sagte Assange der SZ auf dem englischen Landsitz seines Freundes und Förderers Vaughan Smith. Er fürchte, dass eine Auslieferung nach Schweden nur ein erster Schritt für eine Überstellung in die USA sei. Dort bereite man nach Angaben seiner Anwälte eine Anklage wegen Spionage vor. Es gebe sogar Gerüchte, dass diese Anklage schon vorliege.

Die schwedischen Ermittlungen gegen ihn hält Assange für fehlerhaft und politisch manipuliert. Dass Dokumente der schwedischen Justiz internationalen Zeitungen zugestellt wurden, sei "der bewusste Versuch, das Recht zu beugen". Der schwedischen Staatsanwaltschaft, so Assange, wolle er daher nicht mehr helfen.

Er hätte darauf gehofft, berichtete Assange dem SZ-Reporter, dass jemand aus der schwedischen Staatsanwaltschaft seiner Organisation Wikileaks Informationen zuspielen würde, die eine Zusammenarbeit zwischen Schweden und den Vereinigten Staaten belegen. Doch diese Hoffnung wurde enttäuscht.

Larssons Schweden

Ohnehin sei das Bild vom sozialdemokratischen Musterland falsch. Schweden käme in Wahrheit der düsteren Welt voller Seilschaften und und finsterer Machenschaften näher, die der verstorbene Thriller-Autor Stieg Larsson in seinen Büchern beschrieb.

In Großbritannien fühle er sich sicherer, sagte Assange, denn das britische Common-Law-System sei sehr viel offener, da sei es auch wahrscheinlicher, dass sich der wahre Hintergrund des Auslieferungsverfahrens offenbare.

Assange hatte auch eine Botschaft für all jene, die seit seiner Verhaftung um Wikileaks fürchten und für jene, die auf dessen Bankrott hoffen: "Es gibt keinen Grund zur Beunruhigung. Wikileaks hat Reserven." Im Gegenteil, sagte Assange weiter. Während seiner zehntägigen Haft sei Wikileaks von einer Welle der Unterstützung und Hilfsbereitschaft überrollt worden.

Seinen eigenen Einfluss beim Enthüllungsportal wollte dessen "Gründer und Chefphilosoph" jedoch nicht geschmälert wissen und schob im SZ-Gespräch schnell nach: "Was natürlich nicht heißt, dass die Organisation in dieser Zeit nicht gelitten hätte."

Unterdessen arbeitet Assange weiter an den Enthüllungen durch seine Internet-Plattform Wikileaks. Nach der Zwangspause von neun Tagen in britischer Haft kann er seit dem vergangenen Donnerstag wieder uneingeschränkt im Internet operieren. Er steht lediglich unter Hausarrest, trägt eine elektronische Fußfessel und muss sich täglich bei der Polizei melden.

Lesen Sie die ganze Begegnung von SZ-Reporter Stefan Klein mit Julian Assange heute exklusiv in der Süddeutschen Zeitung.