Eine Flucht des Al-Qaida-Anführers bin Laden nach Pakistan würde Präsident Musharraf in große Bedrängnis bringen.
(SZ vom 19.11.2001) - Ein Gerücht frisst sich durch: Osama bin Laden, so wird mittlerweile aus verschiedenen Quellen berichtet, soll sich nach Pakistan abgesetzt haben. Die Regierung in Islamabad dementiert nach Kräften, denn schließlich hat Präsident Pervez Musharraf auch so schon genug Probleme mit dem in seinem Land äußerst unbeliebten Anti-Terror-Krieg.
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Gab es denn nicht auch alle möglichen anderen Hinweise? Zu den Tschetschenen soll er geflüchtet sein, bei den Uiguren in China könnte er unterschlüpfen oder sogar in Somalia auftauchen. Doch bei realistischer Betrachtung liegt für den derzeit arg bedrängten Terror-Paten - zumal nach dem nun auch bestätigten Tod seines Stellvertreters Mohammed Ataf - nichts näher als Pakistan - vorausgesetzt, er wollte sein afghanisches Refugium tatsächlich verlassen.
Pakistan und Afghanistan verbindet nicht nur eine 1.400 Kilometer lange Grenze, die kaum vollständig zu sichern ist. Die Verbindung schaffen vor allem die Paschtunen, die zu beiden Seiten dieser Grenze siedeln. In Afghanistan waren sie in der Schreckensgestalt der Taliban an der Macht, und auf pakistanischem Gebiet genießen sie heute noch zum Teil erhebliche Freiheiten.
In den beiden Grenzprovinzen North-West-Frontierprovinz und Belutschistan sind für sie so genannte Stammesgebiete ausgewiesen, in die der Arm der Staatsmacht kaum reicht. Hier könnte bin Laden auf Sympathie zählen und wie schon in Kandahar vom paschtunischen Ehrenkodex profitieren, der das Gebot des "Nana Vati" beinhaltet, also die Pflicht, Bedrängten Schutz zu bieten.
Allerdings hat die Regierung in Islamabad inzwischen 3.000 Soldaten zur Grenzsicherung abkommandiert. Sie gibt sich sicher, dass niemand durch diesen Riegel hindurchschlüpfen kann. Überdies wäre die Flucht nach Pakistan für bin Laden auch mit einem erheblichen Risiko verbunden. Schließlich wird er sich außerhalb der afghanischen Grenzen kaum im Schutz seiner mehrere Tausend Mann starken arabischen Brigaden bewegen können.
Und jenseits ihres Ehrenkodexes sind die Paschtunen in den Stammesgebieten auch für ihren Geschäftssinn bekannt. Es dürfte auch ihnen nicht verborgen geblieben sein, dass die USA 25 Millionen Dollar auf die Ergreifung des Al-Qaida-Anführers ausgesetzt haben.
Doch hinter der Angst, dass sich bin Laden nach Pakistan absetzen könnte, steckt für die Regierung in Islamabad ein noch viel größeres Problem: die Gefahr einer "Talibanisierung" Pakistans. Die meisten Taliban-Führer und ein Großteil ihres Fußvolkes stammen aus den Flüchtlingslagern und den Koranschulen im pakistanischen Grenzgebiet.
Nun könnte es sie angesichts ihrer militärischen Niederlagen wieder zurücktreiben, womöglich schwer bewaffnet. Dies würde unweigerlich zu einer Destabilisierung Pakistans führen, wo zwei Millionen afghanische Flüchtlinge leben. Der Ruf nach Paschtunistan, einem eigenen Paschtunen-Staat, könnte wieder lauter werden.
Daran hat Musharraf gewiss kein Interesse. Er ist schließlich vollauf damit beschäftigt, neue Koordinaten für die pakistanische Außenpolitik zu finden. Derzeit gehört er paradoxerweise gleichzeitig zu den Siegern und zu den Verlierern.
Auf der Siegerseite steht er, weil er sich nach den Terroranschlägen vom 11. September ohne Wenn und Aber auf die Seite der USA gestellt hat und das Taliban-Regime fallen ließ. Aus heutiger Betrachtung war das sehr klug, denn er gewann dadurch amerikanische Finanz- und Militärhilfe. Zu den Verlierern aber zählt er, weil Pakistan durch die Niederlage der vom Geheimdienst ISI aufgebauten Taliban seinen Einfluss im Nachbarland verloren hat.
Die nun in Kabul eingerückte Nordallianz steht nicht nur den Pakistanern ablehnend gegenüber, sondern wird auch noch vom Erzfeind Indien unterstützt.
Sandwich-Bedrohung Pakistans
Strategisch bringt das Islamabad in Bedrängnis. Es wächst die Furcht vor einer Sandwich-Bedrohung durch Indien im Osten und Afghanistan im Westen. In den politischen Zirkeln Islamabads und in den Zeitungen wird also diskutiert, wie man einen diplomatischen Kanal zur Nordallianz graben könnte. Verwiesen wird auf Verbindungen aus alter Zeit.
So waren während des Kampfes der Mudschahedin gegen die Sowjetunion in den achtziger Jahren heutige Führer der Nordallianz - wie zum Beispiel der jetzt nach Kabul zurückgekehrte Präsident Burhanuddin Rabbani - von Pakistan unterstützt und beherbergt worden. Mitte der neunziger Jahre allerdings hatte Pakistan alles auf die Taliban gesetzt und damit auch die Nordallianz gegen sich aufgebracht.
Das Vordringen der Nordallianz nach Kabul könnte Musharraf jedoch auch innenpolitisch weiter in Bedrängnis bringen. Denn der Putsch-Präsident hatte sich auf eine Absprache mit den USA verlassen, dass die von Tadschiken dominierten Taliban-Gegner vor den Toren der Hauptstadt Halt machen würden, um so einer multiethnischen Lösung unter Einbeziehung der Paschtunen Raum zu geben.
Dass diese Absprache nicht hielt, könnte Musharraf als Niederlage angelastet werden und die Unzufriedenheit im Militär und im Geheimdienst steigern. Daraus könnte die Gefahr erwachsen, dass von dort aus auf eigene Rechnung der Guerillakrieg der Taliban unterstützt wird. Musharraf also hat schon genug Probleme. Bin Laden in Pakistan wäre das Letzte, was er gebrauchen könnte.
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