Von Peter Münch

Taliban-Chef Mullah Omar hat sich selbst zum "Führer der Gläubigen" gemacht und gründet darauf seine uneingeschränkte Macht

(SZ vom 19. September 2001)

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Wer in Afghanistans Hauptstadt Kabul etwas zu sagen hat, der ist an zwei Dingen zu erkennen. Er fährt einen japanischen Jeep oder gar eine Mercedes-Limousine, und er hat stets ein Funkgerät zur Hand. Das Kommunikationsnetz des Landes ist ein Opfer des zwei Jahrzehnte währenden Bürgerkrieges geworden, doch die Machthaber wissen sich mit dem Walkie-Talkie zu helfen. So verwalten sie von Kabul aus das Land mit harter Hand.

Doch für viele Menschen in der Hauptstadt sind die wichtigen Männer mit den schwarzen Turbanen so etwas wie eine Besatzungsmacht. Denn die Taliban haben, von Süden kommend, Kabul vor fünf Jahren erobert. Ihr Ursprung liegt in der Stadt Kandahar, und dort ist auch immer noch das Zentrum ihrer Macht.

Kabul - eine Stadt mit ungefähr 1,8 Millionen Einwohnern, die größtenteils in Ruinen hausen - beherbergt zwar die Regierung. Doch in der Provinzstadt Kandahar mit ihren 200000 Einwohnern residiert Mullah Mohammad Omar, der Günder und Führer der Taliban. Alle wichtigen Entscheidungen werden von ihm getroffen, und weil Mullah Omar nicht gerne reist - in Kabul soll er erst zweimal gewesen sein - müssen seine Kabuler Statthalter regelmäßig zum Rapport nach Kandahar.

Luftlinie sind das etwa 450 Kilometer, die von wichtigen Männern auch mit den Maschinen der Fluglinie Ariana zurückgelegt werden können. Auf den holprigen und zerschossenen Straßen dauert die Fahrt zwischen 15 und 20 Stunden.

Das ist mühsam, doch an Kandahar führt für die Kabuler Machtelite kein Weg vorbei. Besucher werden Berichten zufolge von Mullah Omar auf dem Bett sitzend empfangen und haben auf dem Teppich Platz zu nehmen. Auch das Geld soll der Mullah selbst verwalten. Bei Bedarf, so ist überliefert, greift er in eine Box neben dem Bett. Gefüllt wurde diese Staatskasse in den letzten Jahren vor allem aus Drogengeldern. Afghanistan war unter den strenggläubigen Taliban paradoxerweise zum weltweit größten Produzenten von Opium und Heroin geworden.

Seine uneingeschränkte Herrschaft gründet Mullah Omar, der äußerst zurückgezogen lebt und für außenstehende wie ein Phantom die Fäden zieht, auf einen kühn usurpierten Titel. Er ist der "Amir ul-Mumenin", der Führer der Gläubigen.

Dazu machte sich Omar mit einer denkwürdigen Tat am 4. April 1996: Da erschien der Einäugige auf einem Dach im Zentrum der Stadt, gehüllt in einen Umhang, der als Mantel des Propheten Mohammed verehrt und in einem Schrein in Kandahar aufbewahrt wird. Omar maßte sich damit eine Art Statthalterschaft des Propheten an. Ein Jahr später wurde das Land umbenannt zum Islamischen Emirat Afghanistan.

Profan allerdings beruht Mullah Omars Macht auf der Kraft der Taliban-Truppen. Die waren 1994 als neue, vom pakistanischen Geheimdienst erfundene und von der CIA gepäppelte Kriegspartei auf dem afghanischen Schlachtfeld erschienen, eroberten zunächst die Provinz Kandahar und rollten das Land von Süden her auf.

In die Metropole Kabul trugen sie die mittelalterlichen Regeln des paschtunischen Dorflebens und setzten sie mit Gewalt durch. Heute beherrschen die Taliban 90 Prozent des Landes. Nur im Nordosten leistet noch eine Allianz früherer Mudschaheddin-Gruppen Widerstand.

Die Taliban-Herrschaft stützt sich auf die Volksgruppe der Paschtunen, die 40 Prozent der 25 Millionen Einwohner Afghanistans stellen. Militärisch wichtig und politisch einflussreich sind auch ausländische Gruppen, die über den Saudi Osama bin Laden ins Land kamen. Mindestens 6000 Kämpfer aus arabischen Staaten soll es in Afghanistan geben. Die werden gebraucht für die Kriegführung.

Doch schon vor der akuten Bedrohung durch einen amerikanischen Militärschlag soll deren Einfluss unter nationalistisch gesinnten Taliban für Unmut gesorgt haben. Mullah Omar aber ist bin Laden eng verbunden. Er soll eine von bin Ladens Töchtern zur Frau genommen haben, und in Kandahar liegen ihre zweistöckigen Wohnhäuser in unmittelbarer Nachbarschaft.

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