Syrischer Flüchtling in Deutschland Ich, der Neuling in der U-Bahn

Vielleicht zückt auch diese Frau gleich ein Taschentuch und schneuzt sich, als würde sie eine Handvoll Kichererbsen aus ihrer Nase blasen.

(Foto: dpa)

Busfahrer, die das Geld nicht in die Hand nehmen, Frauen, die sich die Nase putzen: Der Berliner Nahverkehr erfüllt einen Neuankömmling aus Syrien mit Ehrfurcht.

Von Yahya Alaous

Der öffentliche Personennahverkehr in Berlin lässt neue Immigranten nahezu vor Ehrfurcht erschaudern. Zumindest mich. Er ist so vielfältig, akkurat und erschließt die unterschiedlichsten Stadtviertel durch U-Bahn, S-Bahn, Straßenbahnen, Busse und Nachtbusse.

Unter den syrischen Neu-Berlinern finde ich niemanden, der bei dieser Vielfalt nicht wenigstens schon einmal einen Zug in die falsche Richtung genommen hat oder wenigstens an einer falschen Station ausgestiegen ist. Doch mit der Zeit wird es einfacher, mit diesem System klarzukommen, dem effizientesten Transportnetzwerk in Europa.

Wenn man dieses System täglich zur selben Uhrzeit nutzt, gewöhnt man sich an die Gesichter der regelmäßig Mitreisenden, so dass fast so etwas wie Familiengefühl entsteht. Fehlt jemand aus der U-Bahn-Familie, dann kann man raten: Ist er verreist? Oder krank? Diese U-Bahn-Familie lässt mich spüren, dass wir alle die selben Dinge des Lebens teilen, selbst wenn man mit niemandem je ein Wort gewechselt hat.

Yahya Alaous

arbeitete in Syrien als politischer Korrespondent einer großen Tageszeitung. Wegen seiner kritischen Berichterstattung saß der heute 42-Jährige von 2002 bis 2004 im Gefängnis, sein Ausweis wurde eingezogen, ihm wurde Berufsverbot erteilt. Nach der Entlassung wechselte er zu einer Untergrund-Webseite, die nach acht Jahren vom Regime geschlossen wurde. Während des Arabischen Frühlings schrieb er unter Pseudonym für eine Oppositions-Zeitung. Als es in Syrien zu gefährlich wurde, flüchtete er mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern nach Deutschland. Seit vergangenen Sommer lebt die Familie in Berlin. In der SZ schreibt Yahya Alaous regelmäßig über "Mein Leben in Deutschland".

Ich lernte, dem Busfahrer das Geld nicht in die Hand zu geben

Das erste was ich über das Transportsystem lernte, ist, dass man dem Busfahrer das Geld für die Fahrkarte nicht in die Hand drücken darf; ich vermute, das würde als Beleidigung oder als respektlos angesehen werden. Vielleicht darf man ihm das Geld nicht in die Hand geben, weil man infiziert oder kontaminiert sein könnte, oder weil es die Assoziation zu Bestechung weckt? Was auch immer der Grund sein mag, der Fahrgast hat das Geld auf das kleine Tischchen des Fahrers zu legen, damit er es von dort nimmt.

Als ich noch Neuling im Transportsystem war, kam einmal eine bescheiden gekleidete Person, die sehr zurückhaltend und höflich wirkte, in den Zug. Der Mann wirkte auf mich wie ein Eremit, als er leise und ruhig begann, mit den Passagieren zu sprechen. Da ich noch gar kein Deutsch verstand, dachte ich, er spräche über ein besonderes Erlebnis, das ihn zu Gott geführt hätte, oder dass er uns Zitate aus der Bibel vortrug.

Einmal stand eine sehr schöne Frau in der Bahn neben mir

Als er seine kleine Ansprache beendet hatte, bewegte er sich von Fahrgast zu Fahrgast, mit einem kleinen Pappbecher in der Hand. Ich überlegte ob er ein Eucharist sei, der nun das Heilige Wasser kreisen lassen würde, so dass jeder Anwesende davon trinken könnte. Als eine Dame aber Geld in den Becher warf, wurde mir klar, dass es er zu einer - für mich bis dato neuen - Sorte von Bettlern gehörte.

Ein Bettler mit Becher! Denn, natürlich, es hätte ja sein können, dass jemand diesem Mann sein Geld nicht in die Hand geben wollen würde! Ich schmiss Münzen in den Becher und dankte Gott, dass ich nicht der Erste war, dem er den Becher hingehalten hatte. Vielleicht hätte ich automatisch versucht zu trinken und sein Verdienst wäre in meinem Mund gelandet.

Wenn die Deutschen Schlange stehen, verdrücken sich die Syrer

Wenn man anfängt zu suchen, hat man noch Ansprüche: Über die Wohnungssuche in Berlin, die für Flüchtlinge noch schwieriger ist als für alle anderen. Von Yahya Alaous mehr ... Mein Leben in Deutschland

Einmal stand eine sehr schöne junge Frau in der S-Bahn neben mir. Der Duft ihres Parfums reichte mir, um den grauen, kalten Tag kurz zu vergessen. Sie bestieg den Zug und setzte sich neben mich. Im Zug war es sehr leise, niemand sprach. Dann nahm sie sich ein Taschentuch und begann, ihre Nase zu putzen. Ich schreckte auf. Wie konnte aus so einer hübschen Nase nur so ein Geräusch kommen? Sie schien daran zu arbeiten, eine Handvoll Kichererbsen aus ihrer Nase blasen zu müssen. Als sie fertig geschnaubt hatte, war ich für den Geruch ihres verführerischen Parfums immun.