Syrischer Flüchtling in Deutschland Die wichtigsten Dinge, die ich aus Syrien mitgebracht habe

Mit der Zeit legt man alte Gegenstände ab, die Erinnerung aber bleibt.

(Foto: Stephan Rumpf)

Was nimmt man mit, wenn man sein altes Leben zurücklassen muss? Wovon trennt man sich? Unser syrischer Kolumnist über seine wertvollsten Erinnerungsstücke.

Von Yahya Alaous

Jedes Mal, wenn ich ein Ding, das ich aus Syrien nach Berlin mitbrachte, wegwerfen möchte, dann spüre ich, dass ich wieder eine kleine Bindung in meine Heimat kappe. Also lasse ich mir mit dem Entsorgen viel Zeit, auch wenn ich den Gegenstand oder das Kleidungsstück längst nicht mehr benutze oder trage.

Mit der Zeit werden die wertvollen kleinen Erinnerungen ein wenig angekratzt oder gehen kaputt; sie bleichen aus, wirken auf mich alt und irgendwie - unangemessen. Wie zum Beispiel meine alten Schuhe aus Syrien, eine Hose oder die Wollmütze, die mir meine Mutter einsteckte, als ich Syrien im März letzten Jahres in Richtung Norden verließ.

Nun ersetzen neue Dinge die alten. Meist in schöneren Farben, immer von besserer Qualität. Aber irgendwie, so scheint es mir, passt alles nicht so recht zusammen. Den Dingen fehlt die Wärme, die sie durch Erinnerungen bekommen.

Yahya Alaous

arbeitete in Syrien als politischer Korrespondent einer großen Tageszeitung. Wegen seiner kritischen Berichterstattung saß der heute 42-Jährige von 2002 bis 2004 im Gefängnis, sein Ausweis wurde eingezogen, ihm wurde Berufsverbot erteilt. Nach der Entlassung wechselte er zu einer Untergrund-Webseite, die nach acht Jahren vom Regime geschlossen wurde. Während des Arabischen Frühlings schrieb er unter Pseudonym für eine Oppositions-Zeitung. Als es in Syrien zu gefährlich wurde, flüchtete er mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern nach Deutschland. Seit Sommer 2015 lebt die Familie in Berlin. In der SZ schreibt Yahya Alaous regelmäßig über "Mein Leben in Deutschland".

In Deutschland friert einem die Nase ab

Jedes Mal, wenn ich mit meiner Mutter telefoniere, besteht sie darauf, mir warme Kleidung schicken zu wollen. Ich sage dann, dass es hier wunderbare Schutzkleidung gegen die Kälte gibt. Sie betont immer wieder, dass sie wisse, wie bitterkalt Deutschland sei. Schließlich habe eine Nachbarin ihr berichtet, dass Menschen hier vor Kälte sogar die Nase abfallen könne!

Um meine Mutter zu beruhigen, habe ich ihr bereits viele Fotos von mir in verschiedenen dicken Winterjacken geschickt. Trotzdem bin ich mir noch unsicher, ob diese Methode funktioniert, um ihr die Sorgen zu nehmen. Sie soll aber sicher sein, dass es mir gut geht, sich nicht sorgen und mühen, einen Transportweg zu finden. Niemand würde die Geschenke meiner Mutter über die Ägäische See bringen.

Natürlich ist der Gedanke, warme Kleidung von seiner liebenden Mutter geschickt zu bekommen, ein wunderschöner. Selbst wenn es nur ein billiges Teil aus China wäre (wir hatten in Syrien sehr viel billige Kleidung aus chinesischer Produktion). Trotzdem bedeuten mir die Sachen, die ich mitgebracht habe, viel; sie sind eine Verbindung mit meiner Vergangenheit, zu anderen Zeiten und ganz anderen Orten. Es ist nur meine Vorstellungskraft und der Geruch, der irgendwelchen Alltagsgegenständen so eine Bedeutung verleiht.

Ich brauche keine Integration, ich habe eine Satellitenschüssel

Nicht alle Flüchtlinge wollen sich in Deutschland integrieren. Und nicht alle finden den richtigen Weg. Echte Integration beginnt mit dem Abbau von Vorurteilen - vor allem in der Liebe. Von Yahya Alaous mehr ... Mein Leben in Deutschland

In Syrien wurde Kleidung an die Brüder weitergegeben

Viele Flüchtlinge in Deutschland nehmen, nach Jahren des Hungerns in Flüchtlingslagern oder in den von Assad belagerten Städten, Gewicht zu. Viele nehmen aber auch ab, zum einen, weil sie mit dem deutschen Essen nicht zurechtkommen, zum anderen, weil sie in permanenter Sorge um ihre Angehörigen im Krieg oder in Camps sind.

In Syrien haben Brüder ihre kleinen Besitztümer, Spiele oder natürlich auch Kleidung, immer untereinander zirkulieren lassen. Wie schön es war, wenn der kleine Bruder sich über etwas freute, aus dem man herausgewachsen war! Nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen - auch wenn das der Hauptgrund für diese Tradition ist - sondern auch, weil der ältere Bruder normalerweise ein Idol für den jüngeren ist. Und jedes von diesem Vorbild abgelegte Stück brachte den neuen Träger auf seinem Weg, ein Mann zu werden, wieder ein wenig weiter.