Syrische Kinder auf der Flucht Eine ganze Generation - traumatisiert und verzweifelt

Sie fliehen über die Grenze oder harren in überfüllten Notunterkünften in ihrer Heimat aus. Sie werden ausgebeutet oder zwangsverheiratet: Mit drastischen Worten machen internationale Hilfsorganisationen auf die Situation junger syrischer Flüchtlinge aufmerksam. Millionen Kinder drohen in Hoffnungslosigkeit und Leid zu versinken.

Von Hannah Beitzer

"Wir müssen uns alle schämen." Mit drastischen Worten wandte sich Unicef-Exekutivdirektor Anthony Lake an die Weltöffentlichkeit, die - so die Einschätzung des UN-Kinderhilfswerks - gerade Zeuge des größten Flüchtlingsdramas seit dem Völkermord in Ruanda vor fast 20 Jahren wird. Eine Million Kinder, so schreiben Unicef und das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen UNHCR in einer gemeinsamen Erklärung, seien inzwischen aus Syrien in die benachbarten Länder geflohen, 740.000 davon seien jünger als elf Jahre. Die meisten von ihnen befänden sich im Libanon, in Jordanien, der Türkei, im Irak und Ägypten.

"Worum es geht, ist nichts weniger als das Überleben und Wohlergehen einer Generation von unschuldigen Menschen", sagt auch UN-Flüchtlingskommissar António Guterres. "Die Jugend Syriens verliert ihre Heimat, ihre Familien, ihre Zukunft." Selbst wenn sie Zuflucht in einem anderen Land gefunden hätten, so blieben sie traumatisiert und verzweifelt.

"Das schiere Ausmaß an Flüchtlingen ist für die betroffenen Länder und für uns Hilfsorganisationen ein riesiges Problem", sagt auch Rudi Tarneden von Unicef Deutschland. Es mangele an Wasser, Nahrungsmitteln, medizinischer Versorgung. Abseits der grundlegenden Bedürfnisse sei es nun zudem wichtig, geschützte Räume für Kinder zu schaffen, in denen sie sich von ihren Erlebnissen erholen und auch zur Schule gehen können.

Gefahr der Ausbeutung

Viele Jugendliche würden von ihren Eltern allein über die Grenzen geschickt, erklärt Tarneden. Entweder weil die Situation in Syrien zu gefährlich sei, oder weil sie dort auf Arbeit hoffen. Die Kinder heuern dann zum Beispiel auf Farmen jenseits der Grenze an und geraten, so sagt Tarneden, in große Abhängigkeit von ihren Arbeitgebern. "Es besteht eine enorme Gefahr, dass sie ausgenutzt werden."

Mädchen, die in Flüchtlingslagern leben, seien zudem gefährdet, zwangsverheiratet zu werden. "Die Eltern haben das Gefühl, ihre Töchter nicht schützen zu können und verheiraten sie deswegen." Es kommen gezielt Heiratsvermittler und Männer in die Lager, um nach potenziellen Bräuten Ausschau zu halten. Zudem bestehe die Gefahr, dass Minderjährige häufig für die Kämpfe in Syrien rekrutiert würden.

Etwa zwei Millionen Kinder sind nach UN-Angaben innerhalb der syrischen Grenzen auf der Flucht. Sie leben, so erklärt es Tarneden, entweder bei Verwandten oder in überfüllten Notunterkünften. Die Hilfsorganisationen versuchten, auch diese Kinder mit Nahrung und Trinkwasser zu versorgen und sie außerdem regelmäßig medizinisch zu untersuchen. Doch ihre Arbeit ist nicht leicht, Hilfslieferungen würden häufig an Kontrollposten aufgehalten und nähmen deswegen enorme Zeit in Anspruch. "Die politischen Rahmenbedingungen für die Hilfe müssen unbedingt besser werden", fordert er. "Vor allem brauchen die Mitarbeiter Bewegungsfreiheit."

Hilfsorganisationen benötigen Geld

Für die Umsetzung eines regionalen Hilfsplans für syrische Flüchtlinge werden laut UN allein bis Ende des Jahres drei Milliarden Dollar benötigt, um zumindest den akuten Versorgungsbedarf zu decken. Derzeit stünden jedoch lediglich 38 Prozent der Summe bereit. Insgesamt seien mehr als fünf Milliarden Dollar nötig.

Unicef und UNHCR rufen nun zu Spendenaktionen auf. Es sei im Syrien-Konflikt deutlich schwieriger, Menschen zum Spenden zu motivieren als etwa bei Naturkatastrophen, erklärt Rudi Tarneden. "Es handelt sich hier um einen extrem unübersichtlichen Konflikt, der noch dazu von Menschen gemacht ist", sagt er. So entstünde bei vielen der Eindruck, dass zum einen die Menschen selbst schuld an ihrer Misere seien. "Dabei sind gerade Kinder nie selbst schuld, sie können ja nichts dafür, wo sie aufwachsen", sagt Tarneden.

Zudem habe sich bei vielen Außenstehenden der Eindruck verfestigt, dass die Situation derart verfahren sei, dass ohnehin nichts zu ändern sei. Deswegen betonen die Hilfsorganisationen: "Geld ist nur ein Teil der Antwort, die es braucht, um der Not der Kinder gerecht zu werden. Während verstärkte Anstrengungen benötigt werden, eine politische Lösung der Krise in Syrien herbeizuführen, müssen die Konfliktparteien aufhören, Zivilisten zur Zielscheibe zu machen und Kinder zwangsweise zu rekrutieren. Kinder und ihre Familien müssen Syrien sicher verlassen können."