Syrische Flüchtlinge Frau als Ware

Flüchtlingsschicksal: Ein Mädchen in einem Camp an der syrisch-türkischen Grenze.

(Foto: Bruno Gallardo/AFP)

Mädchen aus Syrien, die vor dem Bürgerkrieg nach Ägypten geflüchtet sind, werden zunehmend in eine Zwangsheirat mit Ausländern gedrängt. Auch wenn arrangierte Ehen in der arabischen Welt keine Seltenheit sind, hat die Brautschau unter den Flüchtlingen weniger mit Zukunftsplanung zu tun als mit Menschenhandel. Oder mit Prostitution.

Von Sonja Zekri, Kairo

Sie dachte, es könnte nicht schlimmer kommen als in Syrien, die Bomben, der Krieg, aber jetzt will sie nur noch zurück: "In Ägypten werden wir verkauft", sagt sie. Das Mädchen ist heute 18 Jahre alt, damals war sie 17, als sie ihren Hilferuf auf Video aufnahm. Sie drückt sich an die Wand eines kahlen Zimmers. Sie ist Syrerin, Flüchtling, und damit in den Augen vieler Männer: billig zu haben. Seit sie in Ägypten angekommen sei, drehe sich jedes Gespräch nur um Heirat. "Wir bekommen nichts mehr zu essen, meinem Vater haben sie Geld angeboten." Er werde wohl darauf eingehen: "Unsere Lage ist entsetzlich."

Aufgenommen wurde das Video von einer Menschenrechtsaktivistin in einer der Trabantenwüstenstädte bei Kairo. Hier leben besonders viele Syrer, hier treiben sich Kuppler und Schlepper und ihre Schläger herum, auch Pseudo-Scheichs, die die Familien warnen, die Jungfräulichkeit ihrer minderjährigen Töchter sei unmöglich zu schützen, man müsse sie verheiraten. "Die Familien werden schon am Flughafen abgefangen", sagt der syrische Bürgerrechtler Rasem al-Atasi in Kairo: "Die Kriminellen geben ihnen anfangs eine mietfreie Wohnung, Essen, Kleidung. Aber wenn die Familie ihre Töchter nicht hergibt, entziehen sie ihnen das Essen, drohen mit Rausschmiss."

Flüchtlinge sind billig

Atasi weiß in Ägypten von mindestens 500 Beschwerden über Zwangsheiraten, 200, so schätzt er, betreffen Minderjährige. Wie nah diese Zahl an der Wirklichkeit ist, ist schwer zu sagen: Viele Familien leben isoliert, die kriminellen Netzwerke sind gewaltbereit. Angebot und Nachfrage werden über informelle Makler geregelt, über Internetseiten, Anzeigen.

Der Ägypter Aschraf el-Masri, Mitte 40, höherer Angestellter einer Ölfirma in Kairo, sucht eine neue Frau über eine Webseite. Die Ehe mit seiner ersten Frau ist nach 20 Jahren und vier Kindern gescheitert. Nun braucht er etwas Neues. Und Flüchtlinge sind billig. Wie viel genau El-Masri für eine syrische Braut zahlen würde, sagt er nicht, aber Atasi, der Bürgerrechtler, spricht von umgerechnet 600 Euro Vermittlungsgebühren pro Heirat.