Syriens Diktator Assad Einsamer Herrscher in der Parallelwelt

Syriens Diktator Baschar al-Assad gibt sich gelassen, fast stoisch - als ginge ihn das blutige Gemetzel in seinem Land nichts an. Doch in den Reihen des Regimes dürften es ihm manche als Schwäche auslegen, wenn er tatsächlich alle Chemiewaffen vernichten sollte.

Von Sonja Zekri, Kairo

Die Frage ist doch: Meint er es ernst? Und wenn ja, was folgt daraus - für ihn, Baschar al-Assad, Kriegsherr und Präsident Syriens - für sein Land? Syrien hat den russischen Vorschlag angenommen und ist bereit, seine Chemiewaffen unter internationale Kontrolle zu geben, sagt der syrische Außenminister Walid al-Muallem.

Ganz Eilige sprechen schon vom Wendepunkt, vom Durchbruch für die syrische Leidensgeschichte. Gewiss, Assad leugnet in der Regel, dass er überhaupt Chemiewaffen besitzt, geschweige denn, sie angewendet hat, zuletzt tat er dies im Interview mit Charlie Rose für den amerikanischen Sender CBS. Darin drohte er außerdem mit schwersten Konsequenzen im Falle eines Militärschlages - "erwarten Sie jede Art von Aktion". Und auf die Frage nach Obamas "roter Linie" entgegnete er ziemlich unhöflich: "Welche rote Linie?" Aber nun, so lässt er durchblicken, könnten die Dinge in Bewegung kommen.

Nach bisherigem Kriegsverlauf müsste er nichts tun: Er hat in den vergangenen Monaten Gewinne gemacht, auch wenn die Rebellen Damaskus gefährlich nahekamen, was möglicherweise den Chemieangriff provozierte. Außerdem will Assad vielleicht nur Zeit schinden. So sieht es die Opposition. Die Nationale Syrische Koalition kritisiert, es reiche nicht, dass "der Täter nur die Tatwaffe aushändigt".

Andere warnen vor einer Falle: Assad könne Tonnen Sarin verstecken, die kein Inspekteur je finden würde. Schon jetzt sind Chemiewaffen abtransportiert worden. Und überhaupt: Was ist gewonnen, wenn der Einsatz von Chemiewaffen ausgeschlossen ist, aber alle Beteiligten weiter mit konventionellen Waffen kämpfen? Die ersten 100.000 Opfer starben nicht durch Chemiewaffen, die nächsten 100.000 womöglich auch nicht.

Drohpotenzial auf Knallerbsenniveau

Hinzu kommt für die Aufständischen, dass US-Außenminister John Kerry mit seiner Formulierung eines "unglaublich kleinen" Einsatzes das Drohpotenzial ohnehin auf Knallerbsenniveau herabgesetzt hat. Die Aufständischen hatten gehofft, selbst eine begrenzte Intervention für eine Offensive gegen die Regimetruppen nutzen zu können, vielleicht sogar in der Provinz Homs im Herzen Syriens.

Gelänge es, einen Keil bis zur libanesischen Grenze zu treiben, wäre der Nachschub wieder besser gesichert, wäre Zentralsyrien, also Assads Herrschaftsbereich, geteilt. Und viel mehr Territorium kontrolliert Assad ja nicht mehr: Die Schneise von der jordanischen Grenze an Libanon vorbei bis zum Siedlungsgebiet der Alawiten, seiner schiitischen Sekte, vielleicht 60 Prozent der Bevölkerung auf 30 Prozent des Territoriums - das ist alles, was Assad nach zweieinhalb Jahren Aufstand geblieben ist. Assad, der Ein-Drittel-Präsident.

Russland, Assads Schirmherr und Waffenlieferant, hat Syrien zur Zustimmung genötigt, Iran gibt sich kompromissbereit. Beide haben kein Interesse an einem US-Militärschlag. Beide sind mit den Hunderten Sarin-Opfern nicht glücklich. Aber dient ihnen ein chemisch abgerüstetes Syrien, oder spielen auch sie auf Zeit?

In Assads eigenen Reihen dürften nicht alle begeistert sein, sollte er tatsächlich alle Chemiewaffen vernichten. In einer Region, in der Stärke bereits als Strategie gilt, könnte ihm dies als Schwäche ausgelegt werden. Damit flackert jene Frage wieder auf, die ihn seit Beginn seiner Herrschaft verfolgt: Hat Assad das System im Griff? Oder hat das System ihn im Griff?

Bis jetzt, das geben selbst seine Gegner zu, hat er sich als erstaunlich zäh erwiesen. Er regiert einen Rumpfstaat, aber er regiert. Sorgfältig orchestrierte Auftritte pflegen das Bild eines Staatschefs, dem nichts ferner liegt als Panik, der weiterhin mit seinen drei Kindern und seiner schönen Luxus-Gattin Asma, die sich unlängst mit einem teuren Fitness-Armband zeigte, in einem eleganten Vorort von Damaskus lebt - allen Fluchtgerüchten zum Trotz.

Assads Schwester Buschra hat sich inzwischen an den Golf abgesetzt. Ihr Mann, Vizeverteidigungsminister Asef Schaukat, kam im vergangenen Jahr bei einem Anschlag ums Leben. Der Elite-Kommandeur Manaf Tlass lief zu den Rebellen über. Der Krieg hat Assad viele Vertraute gekostet. Von Anfang an hofften viele auf eine Implosion des Systems, und einige tun es bis heute: Die Kostgänger des Systems, die Alawiten, aber auch die reichen sunnitischen Familien, die Christen, müssten doch irgendwann einsehen, dass Assad zum Sicherheitsrisiko geworden ist. Der Präsident fürchte Anschläge aus seinem eigenen Sicherheitsapparat mehr als westliche Luftschläge, hat ein Cousin gesagt. Aber bis jetzt hält er sich und verbreitet schwer begreifliche Zuversicht.

Nicht nur im Interview mit CBS gibt er sich so freundlich lispelnd ungerührt, als spiele sich die Tragödie seines Landes auf einem anderen Stern ab. Berichte beschreiben einen isolierten Machthaber, den Herrscher einer Parallelwelt. Assad zeigt sich nicht nur mit seinen Soldaten, sondern gern auch in der Moschee. Nach zwei Jahren Bürgerkrieg hat er den Appeal des Bürgers und Zivilisten nicht verloren.

Er galt als modern und hörte Phil Collins

Das Militärische wurde ihm ohnehin erst zum Amtsantritt nahegebracht. Sein älterer Bruder Basil, in den Augen von Vater Hafis der natürliche Nachfolger, war mit einem Mercedes in den Tod gerast. Assad, der Augenarzt in London, wurde zum Herrschen nach Syrien beordert. Er galt als modern, hörte Phil Collins und leitete den Syrischen Computer-Verband, als noch flächendeckend gefaxt wurde. Junge Syrer, Intellektuelle und Demokraten setzten große Hoffnungen auf ihn. Sie zerschlugen sich schon Jahre vor dem Aufstand. Die Rückkehr zum alten Polizeistaat mit neuer wirtschaftsliberaler Dekoration, begleitet von Korruption und Verarmung war einer der Gründe für die Wut der Syrer.

In einer seiner abgründigeren Reden hat Baschar al-Assad die Niederschlagung des Aufstands einmal mit einer Operation verglichen. Auch einem Chirurgen mache niemand Vorwürfe, obwohl er Blut an den Händen habe: die Rebellen, ein Geschwür an Syriens nationalem Leib, Assad, der Augenarzt, als nervenstarker Retter. Nach dieser Lesart wird Syrien nicht durch einen Bürgerkrieg zerrissen - er, Assad, beschütze das Land vor einer im Ausland geschmiedeten Kabale, vor fremd finanzierten Terroristen. So sieht er es heute, so sah er es von Anfang an. Kompromisse hat er ausgeschlossen. Nur die Vernichtung der Gegner könne Syrien wieder Frieden bringen.

Assad, so hat es eine US-Diplomatin vor Jahren geschrieben, sehe sich als Philosophen-König, als "Perikles von Damaskus". Andere sehen ihn als Schlächter. An diesem Mittwoch wird er 48 Jahre alt.