Syrien und der Westen Verhandelt mit Assad!

Szene aus dem zerstörten Aleppo: Der Westen muss mit Baschar al-Assad verhandeln.

In Syrien haben religiöse Fanatiker das Lager der Rebellen übernommen. Al-Qaida ist die größere Gefahr als das alte Regime. Der Westen ist mitverantwortlich dafür, dass aus einem Terroristenhaufen eine schlagkräftige Armee wurde.

Ein Gastbeitrag von Jürgen Todenhöfer

Inzwischen dämmert es selbst führenden westlichen Politikern, dass sie sich in Syrien verrannt haben könnten, wie in Afghanistan, im Irak, in Libyen, ja fast überall im Nahen und Mittleren Osten. Der syrische Diktator Assad hatte wohl doch mehr Rückhalt im Volk, als die meisten westlichen "Experten" vorausgesagt hatten. Deshalb ist er, allen Prognosen zum Trotz, bis heute auch nicht gestürzt. Und die Rebellen kämpfen seit Langem mindestens genauso erbarmungslos, wie Assad das tut. Nach Auffassung des christlichen Patriarchen von Damaskus geht mindestens die Hälfte der Todesopfer auf ihr Konto, wie in den meisten Bürgerkriegen.

Der Westen hatte es ja angeblich gut gemeint, als er die anfangs unbestreitbar demokratischen Demonstranten in Syrien unterstützte. Verständnisvoll hatte er nach dem brutalen und unklugen Eingreifen des Regimes die Waffenlieferungen Saudi-Arabiens und Katars an die Aufständischen durchgewinkt. Dass die Demonstranten recht schnell von Extremisten beiseitegeschoben wurden, die dann ihrerseits von noch radikaleren Al-Qaida-Kämpfern verdrängt wurden, taten westliche Ferndiagnostiker als Verschwörungstheorie ab, zumindest aber als maßlose Übertreibung.

Syrien zerfällt

Inzwischen ist das Desaster jedoch unübersehbar. Syrien, einst Symbol des friedlichen Miteinanders der Religionen, zerbricht. Al-Qaida aber wird täglich stärker. In Afghanistan gab es 2001 gerade einmal einige hundert Al-Qaida-Kämpfer, im Irak 2006 waren es kaum mehr als tausend. In Syrien aber kämpfen inzwischen mehr als 25.000 Al- Qaida-Terroristen ihren unheiligen Krieg. Sie kämpfen nicht nur gegen Assad, sie kämpfen auch gegen andere Rebellengruppen und gegen Teile des Volkes.

In Afghanistan und im Irak war al-Qaida eine äußerst umstrittene, meist geächtete Minderheit. In Syrien jedoch stellt al-Qaida mit "Jabhat al Nusra" und "ISIS" inzwischen die mächtigsten, effektivsten und bestbezahlten Rebelleneinheiten. Respektiert werden sie wegen ihrer Kampfkraft und ihres Todesmutes, gefürchtet wegen ihrer grenzenlosen Brutalität.

Lawrow kritisiert Iran-Ausladung als "Fehler"

Kehrtwende kurz vor der großen Syrien-Konferenz: Zuerst lädt UN-Generalsekretär Ban Ki Moon Iran überraschend zu den Gesprächen ein, weniger als 24 Stunden vor Beginn der Gespräche zieht er die Einladung wieder zurück. "Ein Fehler", sagt Russlands Außenminister Lawrow. Teheran vermutet hinter der Ausladung "politischen Druck". mehr ...

Ihre Kämpfer verachten jede Form westlicher Demokratie. Sie streben eine Diktatur religiöser Fanatiker an, die sie in völliger Verkennung der arabischen Geschichte islamisches Emirat oder Kalifat nennen. Welch ein groteskes Ergebnis des westlichen Versuchs, einen säkularen Diktator zu stürzen! Die wirre westliche Politik hat mitgeholfen, dass aus einem wilden Terroristenhaufen eine schlagkräftige, mit schweren Waffen, sogar Panzern ausgerüstete Armee wurde, die über die Grenzen Syriens hinaus Kriege führen kann.

Notwendigkeit, mit Diktatoren zu verhandeln

Der Westen muss diese absurde Politik beenden. Er muss hierzu, ob es ihm gefällt oder nicht, auch direkt mit dem syrischen Präsidenten verhandeln. Die Genfer Konferenz, die an diesem Mittwoch beginnen soll, ist ein guter Ansatz, aber sie wird den Konflikt nicht lösen können. Der Westen kann sich die pharisäerhafte Haltung, Assad müsse erst einmal zurücktreten, bevor man mit ihm sprechen könne, nicht länger leisten. Politik ist kein Wunschkonzert.

Ronald Reagan und Willy Brandt waren sich nie zu schade, mit Diktatoren zu verhandeln, wenn dies dem Frieden diente. Sie ließen sich notfalls dafür auch diffamieren. Das unterschied sie wohltuend von all den Sofastrategen, die lieber in der warmen Stube sitzen und Kriegslieder singen, wie Goethe die Haltung von Kriegsbefürwortern in der sicheren Heimat einmal voller Verachtung beschrieb.