Syrien-Krieg Putins Falle

Zwei Männer in einem Raum, die sich absolut nichts zu sagen haben: Barack Obama und Wladimir Putin beim G-8-Gipfel im nordirischen Enniskillen im Jahr 2013.

(Foto: REUTERS)

Putin und Obama können sich nicht ausstehen. Nun will der russische Präsident mit den USA zusammen in Syrien eingreifen. Sein Plan würde den Krieg eher verlängern.

Kommentar von Hubert Wetzel

Barack Obama und Wladimir Putin können sich nicht leiden. Und das ist noch untertrieben. Tiefe gegenseitige Verachtung - damit beschreibt man das Verhältnis zwischen dem amerikanischen und dem russischen Präsidenten besser. Putin hält Obama für einen schwadronierenden Schwächling, Obama hält Putin für einen kriminellen Straßenschläger. Beste Voraussetzungen also dafür, dass die beiden sich Ende des Monats am Rande der UN-Generalversammlung in New York zusammensetzen und darüber reden, wie das nahöstliche Höllenloch Syrien befriedet werden kann.

Putin hat dieses Treffen angeregt. Er will, zumindest sagt der russische Präsident das, Obama für einen gemeinsamen Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) gewinnen - und zwar an der Seite von Syriens Diktator Baschar al-Assad, einem Verbündeten Moskaus, den der Kreml mit Waffen päppelt. Die Vereinigten Staaten dagegen führen derzeit eine Art Koalition der Willigen aus etwa 60 Ländern gegen den IS an, die zwar die Terroristen bombardieren, die aber ebenso Assad zum Teufel wünschen.

Angesichts dieser Gemengelage ist es verständlich, dass Obama zögert, einem Syrien-Gipfeltreffen mit Putin zuzustimmen. Doch Zu- oder Abneigung können in der Diplomatie kein Kriterium dafür sein, ob ein Staatschef den anderen trifft und mit ihm spricht. Die humanitären und sicherheitspolitischen Folgen des syrischen Gemetzels sind inzwischen für den Nahen Osten wie für den Westen so gravierend, dass jedes Gespräch geführt werden muss, das vielleicht dazu beitragen könnte, den blutigen Strudel anzuhalten. Das gilt (zumindest in der Theorie) übrigens auch für Gespräche mit dem Giftgasmörder Assad.

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Die entscheidende Frage ist daher nicht, ob man mit Putin über Syrien reden sollte oder nicht. Wichtiger ist: Kann und will Putin etwas dazu beitragen, damit das Sterben und Töten in Syrien endet?

Sicher ist, dass Putin etwas beitragen könnte. Er könnte Assad die Unterstützung entziehen. Er könnte aufhören, Assads Truppen mit Waffen zu beliefern. Die syrische Regierungsarmee tut sich derzeit eher darin hervor, unbewaffnete Zivilisten mit Fassbomben und Chlorgas zu beschießen, als die IS-Milizionäre zurückzudrängen. Assads Terror gegen die eigene Bevölkerung treibt immer noch mehr Menschen in die Flucht als jener der Islamisten. Zugleich ist die Brutalität des syrischen Gewaltherrschers - in den Augen der sunnitischen IS-Anhänger ein schiitischer Ketzer - eines der wirkungsvollsten Argumente der Islamisten, um neue Rekruten zu gewinnen.

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Es geht also, anders als Putin es darstellt, für den Westen weniger darum abzuwägen, welches das größere und welches das kleinere Übel ist - der IS oder das Assad-Regime. Es ist eher so: Beide gehören zusammen. Der IS ist zweifellos ein Monster. Doch es mästet sich an den Untaten eines anderen Monsters. Solange Assad herrscht, wird der IS gedeihen. Vor diesem Hintergrund erscheint Putins Angebot an die USA, gemeinsame Sache mit Assad gegen die Islamisten zu machen, geradezu absurd; ebenso wie seine Strategie, Assad mit russischen Waffen und russischen Truppen unter die Arme zu greifen. Statt zu einem Ende des Kriegs trägt Russland so zu dessen Verlängerung bei.

Ganz neu ist dieses Verhalten Putins nicht. Man kennt es aus der Ukraine. Und man versteht es auch nur, wenn man das eigentliche Ziel dahinter sieht. Es geht Putin nicht darum, das Leben von Syrern zu retten. Wollte er tatsächlich in erster Linie den IS bekämpfen, die USA nähmen ihn jederzeit mit Freude und Pomp in ihre Koalition auf. Dass sich die Interessen Amerikas und Russlands an diesem Punkt decken, räumt das Weiße Haus ja ein.

Doch es geht Putin um anderes. Zum einen will er den russischen Einfluss im Nahen Osten absichern oder ausbauen, jetzt, da der amerikanische schwindet. Vor allem aber will er "Anerkennung" und "Respekt" für die angeblich gedemütigte Weltmacht Russland. Wie schon in der Ostukraine verschärft Putin deswegen in Syrien ein Problem, indem er Waffen und Soldaten schickt, nur um sich dann dem Westen als Teil der Lösung für eben dieses Problem anzubieten - sofern sich der Westen auf seine Bedingungen einlässt. Der Präsident der anderen Weltmacht soll gefälligst um Hilfe bitten, er soll sich mit Putin zusammensetzen, unter Gleichen, auf Augenhöhe.

Nun könnte man sagen: na und? Statt Syrer (oder Ukrainer) für Putins verletzten Stolz bezahlen zu lassen, soll er doch sein Treffen mit Obama bekommen. Und vermutlich wird Obama in New York mit seinem russischen Kollegen reden. Aber er sollte nicht glauben, er säße da jemandem gegenüber, der Frieden sucht.

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