Syrien Die Türkei marschiert in Nordsyrien ein

Mit der Türkei verbündete Rebellen auf syrischer Seite der drei Meter hohen Mauer, die Ankara im Grenzgebiet hat errichten lassen.

(Foto: Omar Haj Kadour/AFP)
  • Die Türkei marschiert in Nordsyrien ein - offiziell zur Aufklärung.
  • Doch in einer Rede sprach der türkische Staatspräsident Erdoğan davon, keinen "Terrorkorridor" an seiner Grenze dulden zu wollen.
  • Der Einsatz könnte sich nicht nur gegen eine islamistische Miliz richten, sondern auch gegen die syrischen Kurden.
Von Moritz Baumstieger

Spätestens, als vergangene Woche immer mehr türkische Soldaten in sozialen Netzwerken Nachrichten aus der Grenzregion zu Syrien posteten, waren sich Beobachter sicher: Ein Einsatz in dem von Rebellen gehaltenen Gebiet um die Stadt Idlib im Nordwesten Syriens steht unmittelbar bevor.

Am Sonntag entfernten Kräne Elemente der Grenzmauer, mit der sich die Türkei von Bürgerkriegsflüchtlingen und einsickernden Islamisten abzuschotten versucht. Panzer und andere Militärfahrzeuge rollten los, am Montag verkündete die Armeeführung in Ankara offiziell den Beginn der Operation.

Das Gebiet um Idlib ist das größte und bedeutendste, das noch unter Kontrolle der Gegner von Syriens Machthaber Baschar al-Assad steht. Hierher waren viele Kämpfer und Aktivisten mit ihren Familien gebracht worden, wenn Rebellen Gebiete nach Verhandlungen mit dem Regime aufgaben - etwa die Aufständischen, die Ende 2016 noch in Ost-Aleppo ausharrten.

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Als sich im Mai 2017 der einstige Assad-Gegner Türkei mit den Assad-Verbündeten Russland und Iran auf die Errichtung von vier sogenannten Deeskalationszonen einigte, sollte eine davon auch die Rebellenhochburg Idlib umfassen. Die letzten Details für den Plan dürften der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan und sein russischer Kollege Wladimir Putin Ende September besprochen haben, als sie sich zum siebten Mal in diesem Jahr trafen.

Auch Krankenhäuser und Zivilschutz wurden bombardiert

Weite Teile der Provinz werden von der Miliz Hayat Tahrir al-Scham beherrscht, die Deeskalationszonen ablehnt und von der angestrebten Waffenruhe ausgenommen ist. Die Miliz wird von der al-Qaida-nahen Nusra-Front dominiert und gilt als Terrororganisation.

Im August griff Hayat Tahrir al-Scham andere Rebellengruppen an und verdrängte sie aus der Region. Die Beliebtheit, die die Gruppe einst wegen ihrer Kampfkraft gegen das Regime besaß, schwand, als sie die von ihr propagierte islamistische Gesellschaftsordnung immer rigider durchzusetzen versuchte: "Früher liebten die Leute al-Nusra, heute hoffen sie auf die Ankunft der türkischen Armee, um der Gruppe ein Ende zu setzen", zitiert die Agentur AFP einen ein Aktivisten in Idlib.

In den vergangenen Wochen griffen die syrische und die russische Luftwaffe mit heftigen Luftschlägen vor allem den Süden der Provinz an. Nicht alle Bomben galten militärischen Zielen, auch Krankenhäuser und Stützpunkte des syrischen Zivilschutzes, die sogenannten Weißhelme, wurden bombardiert. Nach Angaben ziviler Beobachter soll es Hunderte tote Zivilisten gegeben haben.

Die Türkei sieht das Autonomieprojekt im Osten als Bedrohung

Dass die Türkei nun mithilfe einiger verbündeter Rebellengruppen alles daran setzen wird, die Hayat Tahrir al-Scham-Miliz in einer Bodenoffensive zu zerschlagen, ist nicht gewiss. Manche Experten erwarten, dass türkische Soldaten und islamistische Kämpfer versuchen werden, sich aus dem Weg zu gehen. Als das türkische Militär den Beginn des Einsatzes verkündete, sprach es nur von einem "Aufklärungseinsatz" und davon, Beobachtungsposten errichten zu wollen. Die Islamisten drohten aber mit markigen Worten: "Wer immer seine Kinder zu Waisen machen will, der soll einen Fuß nach Idlib setzen."

Andere Beobachter vermuten, dass die türkische Operation vor allem ein zweites Ziel verfolgen soll: Als Erdoğan am Samstag in einer Rede den Einsatz in Idlib andeutete, sprach er davon, keinen "Terrorkorridor" an seiner Grenze dulden zu wollen. Terroristen sind für ihn vor allem auch die syrischen Kurden, die enge Verbindungen zur in der Türkei verbotenen PKK unterhalten.

Im Osten schließt sich an die Provinz Idlib der Kanton Afrin an; das Autonomieprojekt, das die syrischen Kurden dort zu realisieren versuchen, sieht die Türkei als Bedrohung ihrer nationalen Einheit. Im August 2016 marschierte sie deshalb in das Gebiet um die Stadt Jarablus ein und verhinderte, dass die Kurden ein sich von Syriens Westen bis in den Osten erstreckendes Gebiet beherrschen. Mit einem Erfolg in Idlib hätte die Türkei den Kanton Afrin komplett umstellt.

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