Syrien Die Befreiung vom IS geht auf Kosten der Bevölkerung

In den vergangenen Tagen kamen Beobachtern zufolge mindestens 170 Bewohner der Stadt bei Luftangriffen der US-geführten Koalition ums Leben.

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  • In den vergangenen Tagen kamen Beobachtern zufolge mindestens 170 Bewohner der Stadt bei Luftangriffen der US-geführten Koalition ums Leben.
  • Auf der anderen Seite berichten Überlebende und Augenzeugen von Sprengfallen und Scharfschützen, mit denen der IS alle tötet, die zu fliehen versuchen.
  • Raqqa sei derzeit für Menschen der schlimmste Ort der Welt, heißt es bei den Vereinten Nationen.
Von Dunja Ramadan

Vor sechs Wochen feierten die Iraker den "großen Sieg" über die Terrormiliz Islamischer Staat (IS), nach drei Jahren konnten sie die einstige Hochburg Mossul aus den Fängen der Dschihadisten befreien. Doch bereits kurz darauf hagelte es Kritik am militärischen Vorgehen der Anti-IS-Koalition. Sie hätten in Wohngebieten unverhältnismäßig schwere Waffen eingesetzt und so den Tod Tausender Zivilisten in Kauf genommen, um die Extremisten aus der Stadt zu vertreiben, kritisieren Menschenrechtler.

Ein ähnliches Szenario droht nun auch im nordsyrischen Raqqa. Die inoffizielle Hauptstadt des IS ist die letzte bedeutende Hochburg der Terrormiliz in der Region. Im Juni starteten die Rebellen der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) mit Hilfe der USA den Angriff auf Raqqa. Im südlichen Umland der Stadt griffen russisch-syrische Einheiten des Diktators Baschar al-Assad Stellungen des IS an.

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In den vergangenen Tagen kamen Beobachtern zufolge mindestens 170 Bewohner der Stadt bei Luftangriffen der US-geführten Koalition ums Leben, darunter Frauen und Kinder. Sie hätten Zuflucht in Gebäuden gesucht, die dann unter Beschuss gerieten. Eine Aktivistengruppe namens "Raqqa wird leise geschlachtet", die von Gräueltaten in der syrischen Stadt unter der Herrschaft des IS berichtet, spricht von 77 Luftangriffen in den letzten 48 Stunden.

Die Dschihadisten missbrauchen die Bewohner von Raqqa als Schutzschilde

Die Mehrheit der noch etwa 20 000 in Raqqa verbliebenen Zivilisten kann sich den Extremisten nicht entziehen. Nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Amnesty International werden sie von der Terrormiliz als menschliche Schutzschilde benutzt. Eine Flucht ist kaum mehr möglich. Überlebende und Augenzeugen berichten von Sprengfallen und Scharfschützen, mit denen der IS Fliehende zu töten versucht. Dazu kommen die ständigen Luftangriffe und Artilleriefeuer der US-geführten Militärkoalition, die die Bodentruppen der SDF unterstützt. Am Donnerstag forderten die Vereinten Nationen (UN) in Genf eine Feuerpause in der umkämpften Stadt, um den Zivilisten die Flucht zu ermöglichen. Raqqa sei derzeit für Menschen der schlimmste Ort der Welt, betonte der UN-Hilfskoordinator für Syrien, Jan Egeland. Auch soll es seitens der US-geführten Koalitionstruppen zu Übergriffen gekommen sein. Fliehende Zivilisten könnten zudem versehentlich durch Koalitionstruppen getötet worden sein, als sie versuchten, den Euphrat zu überqueren. Der Fluss begrenzt Raqqa im Süden und bildete einige Zeit die Frontlinie zwischen den SDF und dem IS. Ein US-General hatte Anfang Juli bestätigt, dass auf jedes Boot gefeuert wurde, dass den Fluss zu überqueren versuchte - dabei wurden wohl nicht nur IS-Kämpfer getroffen, sondern auch Zivilisten, die entkommen wollten, sagte der Syrienexperte von Amnesty International in Deutschland der SZ, René Wildangel. "Auch wenn jetzt anscheinend das schnelle Vorrücken der Truppen im Vordergrund steht, gelten menschenrechtliche Standards. Der Schutz von Zivilisten muss an erster Stelle stehen." Es gebe Parallelen zu den Kämpfen in Mossul. Doch auch im Kampf gegen den IS gelte das Völkerrecht, so Wildangel. Wenn bei Angriffen Zivilisten ums Leben kommen, müsse untersucht werden, ob es sich um Kriegsverbrechen handelt.

Die Niederlagen des IS in Syrien und im Irak könnten den Terror im Westen befeuern

Der IS, der einst weite Teile Syriens und des benachbarten Irak unter seiner Kontrolle hatte, befindet sich mittlerweile in der Defensive. Am Mittwochabend veröffentlichte die Terrormiliz ein kämpferisches Propagandavideo. Ein Junge, der als zehnjähriger Yusuf aus den USA vorgestellt wird, wandert durch das zerstörte Raqqa. "Diese Stadt hat die gesamte Welt in Angst und Schrecken versetzt", sagt er. Nun versuchten die USA mit Bomben alles zu zerstören, doch das sei eine Prüfung, bei der man sich geduldig zeigen müsse. "Wenn Gott jemanden liebt, dann prüft er ihn", sagt der Junge. Zum Schluss hat er noch eine Nachricht an US-Präsident Donald Trump: "Diese Schlacht wird nicht in Raqqa oder Mossul enden, sondern in euren Ländern." Damit spricht er aus, was viele Sicherheitsexperten seit Längerem befürchten. Militärische Niederlagen könnten den IS verstärkt zu Anschlägen in westlichen Staaten treiben.

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