Syrien Der verdrängte Krieg

In der Altstadt von Aleppo, Syrien

(Foto: REUTERS)

Der Bürgerkrieg in Syrien ist eine bittere Lehre für den Westen: Wer einen Diktator stürzen will, kämpft nicht immer für eine Demokratie. Die Dinge sind meist komplizierter. Dass der Krieg in der westlichen Wahrnehmung von den Entwicklungen in der Ukraine so sehr verdrängt wurde, ist deshalb doppelt tragisch.

Von Markus C. Schulte von Drach

Der Bürgerkrieg in Syrien geht ins vierte Jahr. Aus der öffentlichen Wahrnehmung ist er weitgehend verschwunden. Nur gelegentlich erinnern Medien und Hilfsorganisationen daran, welche Tragödie sich dort täglich abspielt, wie viele Opfer die Kämpfe unter der Zivilbevölkerung fordern, wie viele Menschen auf der Flucht sind.

Das Sterben und Leiden ist so alltäglich geworden, dass sich die Nachrichtenlage fast immer mit "nichts Neues" zusammenfassen lässt. Wer dabei an einen bestimmten Buchtitel denkt, liegt richtig. Und diesmal ist die Assoziation absolut berechtigt:

Ein Dutzend weitere Tote erregt kaum noch Aufmerksamkeit, sind doch inzwischen weit mehr als 140 000 Syrer - darunter 10 000 Kinder - gestorben. Niemand erwartet von Verhandlungen zwischen den Aufständischen und der Regierung von Baschar al-Assad etwas anderes als ein Scheitern. Die jüngsten militärischen Erfolge des Regimes in Damaskus betonieren das Patt zwischen den Gegnern. Selbst etwas wirklich Neues erregt kaum noch Aufmerksamkeit. So war das Interesse dafür, dass die Kurden im Norden Syriens unlängst einen eigenen Teilstaat Rojava ausgerufen haben, nur gering.

Es ist mit Syrien so ähnlich wie mit dem Irak nach dem Abzug der alliierten Truppen und mit Libyen nach dem Tod Muammar al Gaddafis. Schlagzeilen macht es schon längst nicht mehr, wenn dort Dutzende Menschen durch Bombenanschläge sterben und religiöse Extremisten ganze Städte erobern.

Ermüdende Frustration

Doch die Syrien-Müdigkeit ist auch verständlich. Sie ist eine Folge von Frustration. Seit dem Ende der Sowjetunion konnte der Westen eine zunehmende Demokratisierung ehemaliger Ostblock-Staaten beobachten. Das hat die Hoffnung genährt, Demokratie und fundamentale Menschenrechte würde sich in weiteren Ländern durchsetzen. Der arabische Frühling wurde in dieser Richtung interpretiert, der Aufstand in Libyen, die Demonstrationen in Syrien.

Diese Hoffnung wurde in den vergangenen Jahren immer wieder enttäuscht. So mussten Europäer und Amerikaner erleben, dass der Sturz von Hosni Mubarak in Ägypten nicht zu den erhofften Veränderungen führte. In Libyen kämpfen mehr als zwei Jahre nach dem Sturz Gaddafis bewaffnete Gruppen - darunter al-Qaida - um die Vormachtstellung.

Durch diese Erfahrungen vorsichtig geworden, wurden die anfänglich überwiegend demokratisch gesinnten, friedlichen Proteste gegen Syriens Diktator im Westen zwar begrüßt. Es war aber schnell klar, dass hier, anders als in Libyen, keine Luftunterstützung der Aufständischen durch Nato-Flugzeuge möglich ist.

Dazu sind einerseits die Beziehungen des Assad-Regimes zu den verschiedenen Staaten der Welt zu heikel. Während der Diktator für den Westen inzwischen kein Handelspartner mehr ist, sondern ein Staatsterrorist, sehen die russische und die iranische Regierung in ihm weiterhin einen Verbündeten. Eine Zustimmung des UN-Sicherheitsrates zu Militäreinsätzen wie in Libyen war deshalb von vornherein ausgeschlossen.

Außerdem musste sich der Westen bald eingestehen, dass neben Demokraten und Nationalisten auch sunnitische Islamisten und Gotteskrieger gegen die syrischen Soldaten kämpfen. Letztere werden vor allem von Katar und Saudi-Arabien unterstützt. Assad dagegen erhält militärische Hilfe durch Angehörige der schiitischen Hisbollah-Miliz aus dem Libanon.

Es geht in Syrien also nicht darum, ob ein Unrechts-Regime beendet wird und die Menschen sich dort frei für ein politisches System entscheiden können. Es handelt sich vor allem um einen Konflikt zwischen Schiiten, Sunniten und Alawiten.

Auf dem Rücken der Syrer werden weitere Interessenkonflikte ausgefochten: Es geht zum Beispiel um das Streben der arabischen Öl-Staaten einerseits und der Iraner andererseits nach der Vormacht am Persischen Golf. Die EU, die USA, Russland und China nutzen sowieso jede Gelegenheit, um ihre Einflusssphären auszuweiten oder zu festigen. Sie beäugen sich dementsprechend misstrauisch und blockieren sich in der Regel eher gegenseitig, statt gemeinsam Konflikte zu lösen.

Demonstranten in der Ukraine als willkommene Hoffnungträger

Es ist eine bittere Lehre für den Westen, dass jene, die einen Diktator stürzen wollen, nicht unbedingt für eine Demokratie kämpfen. Und dass es manchmal besser ist, sich mit zusammengebissenen Zähnen aus lokalen Konflikten militärisch herauszuhalten, um noch schlimmere Konflikte zu vermeiden.

Vielleicht war es der Frust über die Hilflosigkeit der Syrien-Politik, die im Westen die Euphorie über die pro-westlichen Demonstrationen in der Ukraine angefeuert hat. Das Land wurde von vielen bereits als enger Partner und sogar als zukünftiges EU-Mitglied betrachtet. Die Hoffnung, die Proteste gegen das korrupte Regime würden zu besseren Verhältnissen in einem Nachbarland der EU führen, waren groß. Die Auseinandersetzungen in Kiew entwickelten eine dramatische Dynamik. Das führte dazu, dass die schrecklichen Berichte über Syrien fast vollständig von den aufregenden Nachrichten aus Kiew verdrängt wurden.

Allerdings hatte der Westen die Lehren, die aus den Bürgerkriegen in Syrien, Libyen sowie dem Arabischen Frühling gezogen werden konnten, offenbar wieder vergessen. Die heiklen Verhältnisse in der ukrainischen Bevölkerung mit ihrem großen Anteil an Russen und die besonderen Beziehungen zu Russland wurden in Kiew und im Westen jedenfalls nicht ausreichend beachtet.

Die daraus entstandene Krim-Krise und die Diskussion um die völkerrechtswidrige Annexion der Halbinsel durch Russland hat die syrische Tragödie weiter aus unserer Wahrnehmung verdrängt. Das Sterben in Syrien aber geht weiter.