Syrien Der Rest Hoffnung

Rückkehr in Ruinen? Warum ein syrischer Flüchtling sein zerbombtes Haus in Damaskus nicht aufgeben will.

Von Jan Bielicki

Das Haus war mal sein Stolz, Abdallah hat es seit fast fünf Jahren nicht mehr gesehen. Auf seinem Laptop schaut er sich manchmal an, was davon übrig geblieben ist. Kurze Videoschnipsel zeigen die Einbauküche, die Handykamera wackelt eine Betontreppe hinauf, richtet sich durch einen Türrahmen ohne Tür in den nächsten Raum. "Das Schlafzimmer", sagt Abdallah und seufzt. Auf den Bildern scheint die Sonne durch eine riesige Bresche, wo einst Wand und Decke waren, auf graue Ziegeltrümmer und Betonbrocken. Aus dem aufgeplatzten Stein eines Pfeilers, der einst das Dach trug, quellen die Eisenstäbe der Armierung. Irgendwann in diesen vergangenen Jahren des Krieges hat wohl auch in Abdallahs Haus eine Rakete eingeschlagen.

Abdallah klickt die Videos durch, in allen Zimmern zeigen sie ähnliche Verwüstungen, geborstene Spiegel, zertrümmerte Schränke. Männer, Frauen und Kinder staksen zwischen kniehohen Schutthaufen umher. Es sind Verwandte Abdallahs. Die Behörden haben ihnen erlaubt, in diesen lange umkämpften Vorort der syrischen Hauptstadt Damaskus zurückzukehren, jetzt, da die Soldaten des Regimes von Präsident Baschar al-Assad die Rebellen hinausgebombt haben. Aber die Familie darf nicht bleiben, nur unter dem strengen Blick von Sicherheitsbeamten für ein paar Stunden nach dem Haus schauen - "aber nichts mitnehmen, nicht einmal ein Glas", erzählt Abdallah.

Er mag nicht glauben, dass das ein gutes Zeichen sein könnte. Dafür, dass der Krieg vorbei sein und er zurückkehren könnte in seine Vorstadt, deren Name hier nicht genannt wird, um dem Regime keine Rückschlüsse auf seine Identität zu erlauben. Auch Abdallah heißt in Wirklichkeit anders, dabei würde er gerne unter seinem eigenen Namen auftreten "als Zeuge gegen Assad und seine Verbrechen". Aber das würde seine Verwandten in der Heimat gefährden. Und seine Erfahrung mit dem Regime lässt ihn befürchten, dass die Besuchserlaubnis nur ein zynischer Akt in einem Prozess sein könnte, der den Geflohenen nun womöglich auch noch ihre zurückgelassenen Häuser nimmt - und damit jede wirtschaftliche Basis, jemals in die Heimat zurückkehren zu können.

Anfang April hat der Präsident ein Gesetz unterschrieben, das die Nummer zehn des laufenden Jahres trägt. Oberflächlich liest es sich wie ein technokratisches Regelwerk, das den Lokalverwaltungen den Wiederaufbau kriegszerstörter Stadtgebiete erleichtert. Doch eine Bestimmung lässt viele Flüchtlinge Schlimmes erahnen: Sobald eine Gemeinde einen Aufbauplan hat, müssen sich Hausbesitzer innerhalb von 30 Tagen bei den Ämtern melden und dort belegen, dass ihr Haus ihnen gehört. Nicht nur Abdallah und andere Flüchtlinge, sondern auch die Bundesregierung in Berlin vermuten darin einen Kniff des Regimes, sich der Immobilien von Geflohenen zu bemächtigen. Auf den Chat-Seiten syrischer Exilanten rasen die Gerüchte: Braucht Assad die Häuser seiner Gegner, um seine Hilfstruppen aus Iran und deren Familien anzusiedeln? Zu belegen ist das nicht.

"Ich kann nicht zurück, schon am Flughafen würden sie das hier mit mir machen..." Abdallah legt seine Handgelenke überkreuz wie ein Gefesselter, dann fährt er sich mit der Handkante in schneidender Bewegung über die Kehle. Zu viele Bekannte sind verhaftet worden und nie mehr wieder aufgetaucht.

Wegen der Raketen zog Abdallah aus seinem Viertel in eine Wohnung im Zentrum

Er selber, seine Frau und seine vier Kinder haben das Haus verlassen, als der Krieg in die Vorstadt kam. 15 Raketen habe er allein an einem Freitag - dem islamischen Tag des Gebets - vor fast fünf Jahren in seinen Heimatort einschlagen sehen. Er mietete eine kleine Wohnung im Zentrum von Damaskus. Dort, wo die Armee des Regimes die Kontrolle innehat, fallen keine Bomben. Dafür sind die Mieten "teuer, teuer, teuer", sagt Abdallah, denn Zehntausende suchen Obdach in den ruhigeren Vierteln der Stadt. "Innerstaatliche Fluchtalternative" nennen deutsche Politiker, die Flüchtlinge aus Syrien loswerden wollen, solche Gegenden. Nur: Für Leute wie Abdallah ist es auch dort gefährlich.

Einmal haben sie ihn auf der Straße kontrolliert und in seinen Papieren seine Heimatadresse gelesen. "Ach so, du kommst aus der Vorstadt, da kommen doch die Terroristen her, du bist bestimmt auch so einer", schildert Abdallah sein Erlebnis. Stundenlang habe er in der Polizeikaserne ausharren müssen, dann die Ansage eines Offiziers: Gib mir 200 Euro und du kannst gehen! Was mit denen passiert, die nicht zahlen können? Wieder streicht Abdallahs Handkante über die Kehle.

"Assads Leute stehlen alles, wie die Mafia", sagt er. Er hatte ein kleines Speditionsgeschäft mit drei Lastwagen. Ein Laster und dessen Fahrer kamen von einer Tour nicht wieder, Abdallah erkundigte sich bei der Polizei: "Hau ab und sei still!", so hätten sie ihm gedroht. Den zweiten Laster beschlagnahmten Soldaten mit vorgehaltenem Gewehr an einer Straßensperre. Sie brachten ihn sogar wieder zurück, jedoch als kaum noch fahrtaugliches Wrack. Seinen dritten Lastwagen verkaufte er, die 5000 Dollar gab er den Schleusern, die ihn und einen seiner Söhne nach Deutschland brachten. Drei Jahre ist das her.

Als Flüchtling ist er hier längst anerkannt, eine Wohnung hat er aber nicht. Abdallah lebt in einem Wohncontainer, den eine Gemeinde im Speckgürtel Münchens neben dem Wertstoffhof aufgestellt hat. Ein Bett für sich, eines für den 13-jährigen Sohn, ein Tisch, drei Stühle und ein Schrank, auf dem sich Koffer stapeln. Toilette, Bad und Küche teilen sich Vater und Sohn mit etwa fünf Dutzend anderen Bewohnern der Containeranlage. Es ist sicher hier, aber kein Zuhause. Doch in der Hochmietpreisregion München eine Wohnung zu ergattern, ist für Flüchtlinge schwer.

Daheim hatte er zwei Häuser, "jedes 100 000 Euro wert", sagt er. Was aus ihnen wird? Vielleicht kann seine Frau den Besitzanspruch anmelden, nach dem Wortlaut von Assads Gesetz können das mit entsprechender Vollmacht Verwandte bis zum vierten Grad tun. Aber seine Frau und sein jüngster Sohn dürfen vielleicht schon in paar Monaten per Familiennachzug zu ihm nach Deutschland ziehen (seine volljährigen Töchter nach den strengen deutschen Nachzugsregeln allerdings nicht). Und werden die syrischen Behörden die Papiere anerkennen, ohne Bestechungsgeld, das seine Familie längst nicht mehr bezahlen kann? Abdallah bezweifelt das.

Auf dem Handy zeigt er ein Video von seinem Heimatort, wie er vor dem Krieg aussah: die grünen Palmen an der Hauptstraße, der blumengeschmückte Platz vor dem Rathaus. "Wenn ich wieder heimkomme", singt ein Sänger mit klagender Stimme. Dann sind nur noch Bilder von brennenden Häusern und verkohlten Baumstümpfen zu sehen. Heimkehr? "Ich habe keine Hoffnung mehr", sagt Abdallah.