Südostasien Auf dem Meer verlassen

Tausende Migranten, die in Schlepperbooten nach Indonesien, Malaysia oder Thailand wollten, treiben hilflos vor den Küsten.

Von Arne Perras, Singapur

Die Leute auf dem Schiff sehen Land, es ist nicht mehr weit bis zur malaysischen Küste. Aber sie können ihr Boot nicht steuern, der Kapitän hat sich abgesetzt, den halben Motor ausgebaut, und die etwa 350 zurückgelassenen Flüchtlinge an Bord haben seit drei Tagen kein Wasser und kein Essen. So erzählte es ein verzweifelter Migrant, als er am Dienstag einen Notruf an eine Hilfsorganisation absetzte und um Rettung flehte. Chris Lewa, Direktorin von "Arakan Project", hat am Dienstag von diesem Anruf berichtet, sie dokumentiert das Schicksal der Rohingyas, einer verfolgten muslimischen Minderheit aus Myanmar. Seit Jahren fliehen Angehörige der Volksgruppe aus ihrer Heimat. Und nicht selten fallen sie in die Hände von Schleppern, die sie mit Versprechungen locken, aber tatsächlich noch tiefer ins Verderben ziehen.

Solche Boote tauchen jetzt überall auf vor den Küsten im nordöstlichen Indischen Ozean, zum Beispiel auch an der Nordspitze der indonesischen Insel Sumatra. Schiffe, vollgepackt mit Migranten. Schlepperbanden haben sie in diese Gewässer gesteuert. Wäre alles wie immer, so hätten die skrupellosen Banden ihre Ware Mensch längst in Thailand an Land gebracht, in einem ihrer Lager versteckt und dann, gegen Bezahlung einer horrenden Summe, ausgelöst. Doch nichts ist mehr so, wie es war. Das Geschäft mit geschleusten Menschen in Südostasien ist unter Druck geraten. Mit dramatischen Konsequenzen für die Flüchtlinge in Booten, die nun nicht mehr landen können.

Die International Organisation of Migration (IOM) schätzt, dass etwa 8000 Menschen vor den Küsten in Booten dümpeln. Die meisten kommen aus Myanmar oder Bangladesch, sie suchen Arbeit oder fliehen vor Not und Verfolgung in ihren Ländern. Darin ähneln sie den Flüchtlingen und Migranten im Mittelmeer, die ihre Heimat im Nahen Osten oder Afrika verlassen. In der Inselwelt Südostasiens geraten viele Migranten in die Falle der Zwangsarbeit, sei es auf Fischereikuttern, in Fabriken oder auf Plantagen.

So haben sich im Laufe der Jahre auch in Südostasien Menschenströme im Verborgenen entwickelt, geleitet von kriminellen Netzwerken, die damit in ganz Asien laut UN zwei Milliarden Dollar pro Jahr verdienen. Doch jetzt herrscht Unruhe, weil Thailands Militärregierung, unter Druck der Amerikaner und Europäer, einen Feldzug gegen die Menschenschlepper ausgerufen hat. Die Schiffe haben jetzt kein Ziel mehr, das sie ansteuern können, der Süden Thailands ist für sie zu riskant geworden.

Kein Land der Region will mit dem schmutzigen Geschäft in Verbindung gebracht werden

Wer immer die Schiffe lenkt, wagt sich dort nicht mehr an Land, so irren die Boote auf hoher See umher, suchen Auswege, weil thailändische Soldaten den Wald nach Verdächtigen durchkämmen. Angesichts der wachsenden Not hat Thailand nun angekündigt, es könnte offizielle Lager anstelle der illegalen Camps einrichten, wie Polizeichef Somyot Pumpunmuang in der Bangkok Post  ankündigte.

Indonesiens Militär schickte eines der Schiffe mit etwa 400 Menschen an Bord wieder auf die offene See hinaus. "Die Passagiere waren am Leben und in guter Verfassung", erklärte ein Sprecher der Marine. "Sie baten um Hilfe und wollten nicht nach Indonesien. Sie wollten nach Malaysia. So haben wir sie wieder auf den Weg geschickt, nachdem wir ihnen Essen, Wasser und Medizin gaben." So geht die Irrfahrt der Migranten, mit offizieller indonesischer Unterstützung, weiter. "Schockierend" nannte ein Sprecher von IOM die Berichte. "Diese Leute müssen an Land gehen", sagte er dem britischen Sender BBC. Am Wochenende war in der indonesischen Provinz Aceh bereits ein Boot mit 500 Menschen gestrandet. Und im benachbarten Malaysia, auf der Insel Lankawi, kamen mehr als 1000 Flüchtlinge an. Es wird nun deutlich, dass der Staatenverbund Asean kaum gewappnet ist, um mit diesen grenzübergreifenden Problemen fertigzuwerden. Rufe nach einem Flüchtlingsgipfel sind laut geworden, doch die Interessen der einzelnen Staaten streben weit auseinander. So verweigert etwa Myanmar den Rohingyas das Staatsbürgerrecht, dort leben diese Menschen als Geächtete. Viele Myanmarer wollen sie in ihrem Land nicht sehen. Das erhöht den Druck. Andererseits gibt es in den Zielländern genügend skrupellose Geschäftemacher in der Schattenwirtschaft, die darauf warten, Migranten mit niedrigsten Löhnen oder gar als Zwangsarbeiter ausbeuten zu können. Doch kein Staat der Region möchte jetzt mit dem schmutzigen Milliardengeschäft in Verbindung gebracht werden, das meist nur funktionieren kann, wenn die Schlepper Komplizen haben in lokalen Behörden oder Sicherheitsapparaten. Thailand zumindest gibt sich nun entschlossen. Der vom Militär eingesetzte Premier, General Prayut Chan-ocha, hat erklärt, er werde Schlepperei nicht mehr dulden.