Der Bericht der UN ist alarmierend: Demnach sind im Sudan mehr als eine Million Menschen auf der Flucht. Der Regierung werden ethnisch motivierte Verbrechen vorgeworfen.
Im Westen Sudans finden nach Einschätzung der Vereinten Nationen die schlimmsten Menschenrechtsverletzungen der Gegenwart statt. Ein bislang nicht veröffentlichter Bericht des UN-Hochkommissariats für Menschenrechte, welcher der Süddeutschen Zeitung vorliegt, wirft der Regierung Sudans und einer mit ihr verbündeten Miliz Kriegsverbrechen vor.
Tausende vertriebene Sudanesen im Westen des Landes (© Foto: AP)
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"Herrschaft des Terrors"
In der Krisenregion Darfur gebe es eine "Herrschaft des Terrors", es komme zu ethnisch motivierten Massenmorden, Vergewaltigungen und Vertreibungen. Das Regime in Khartum verweigerte bislang den UN den Zugang zu der Region.
Seit Wochen schon warnen Menschenrechtsgruppen wie Human Rights Watch und Vertreter der Vereinten Nationen vor einem drohenden Völkermord. Die sudanesische Regierung betreibe eine "Politik der verbrannten Erde" und "ethnische Säuberung". Mehr als eine Million Menschen wurden seit Januar 2003 bereits vertrieben.
Wie viele Zivilisten getötet wurden, ist unklar. Der Krieg in Darfur, einer Region, die ungefähr anderthalb Mal so groß ist wie Deutschland, begann Anfang vergangenen Jahres, als sich zwei Rebellengruppen gegen die Regierung erhoben. Die "Bewegung für Gerechtigkeit und Gleichberechtigung" und die "Sudanesische Befreiungsbewegung" werfen Khartum vor, die Region Darfur zu vernachlässigen und ihre Bewohner zu unterdrücken.
Die überwiegend schwarzafrikanischen Muslime würden von der von Arabern dominierten Regierung wie Sklaven behandelt und ausgebeutet. Seit Beginn dieses Jahres verschärft sich der Krieg, die sudanesische Armee verstärkte ihre Luftangriffe auf Städte und Dörfer. Unterstützt wird sie durch eine arabische Reitermiliz auf Pferden und Kamelen, die anschließend in die Ortschaften einfällt und sie niederbrennt. Männer werden getötet, Frauen und Kinder vergewaltigt oder entführt.
"Bomben werden auf überfüllte Plätze geworfen"
In dem UN-Bericht heißt es: "Die Bomben werden auf überfüllte Plätze wie Märkte oder Gemeindebrunnen geworfen. Manche Flüchtlinge berichteten, dass sie selbst noch während der Flucht zu Zielen dieser Bombardements wurden." Der Bericht basiert auf Aussagen von Sudanesen aus Darfur, die ins Nachbarland Tschad geflohen sind.
In der dortigen Grenzregion halten sich bereits mehr als 100.000 Flüchtlinge auf, etwa die Hälfte davon sind Kleinkinder. Die Vereinten Nationen warnen vor einer Hungerkatastrophe in Darfur, wo sich mehr als eine Million Vertriebene aufhalten, die nicht versorgt werden können, und auch in den Flüchtlingslagern im Tschad, wo demnächst die Regenzeit beginnt und die Wüstenregion dann in weiten Teilen unzugänglich ist.
Der Krieg in Darfur hat inzwischen auch zu einer heftigen politischen Konfrontation bei den Vereinten Nationen geführt. Die UN-Menschenrechtskommission, die zurzeit in Genf ihre jährliche Tagung abhält, vertagte am Donnerstag auf Verlangen der afrikanischen Staaten eine Entscheidung über eine Resolution über die Lage im Sudan.
Khartum wehrt sich gegen UN-Beobachter
In der Resolution sollten die Menschenrechtsverletzungen angeprangert und die Einsetzung eines UN-Beobachters beschlossen werden. Dagegen wehrt sich vor allem die Regierung in Khartum. Eine Entscheidung soll nun an diesem Freitag fallen. Außerdem kritisierten Menschenrechtsgruppen, dass der Bericht zur Lage im Sudan der UN-Kommission nicht vorgelegt wurde. Er wurde von den Vereinten Nationen nicht veröffentlicht, weil Khartum überraschend signalisierte, dass nun ein UN-Team nach Darfur reisen dürfte.
Der bisherige UN-Sondergesandte für Sudan, der frühere deutsche Minister Gerhard Baum, musste den Posten vor einem Jahr aufgeben, weil eine Verlängerung seines Mandats am Widerstand afrikanischer Staaten gescheitert war. Baum appellierte an die Menschenrechtskommission, die Resolution zu verabschieden. "Ein unabhängiger Beobachtungsmechanismus muss unbedingt eingeführt werden", sagte er am Donnerstag. "Ohne Druck von außen läuft nichts - nicht einmal die humanitäre Hilfe funktioniert." Die Menschen seien einer brutalen Willkür ausgeliefert.
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(SZ vom 23.4.2004)
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