Suche nach Atom-Endlager Unterirdische Geschäfte

Früher Atom-Manager, heute Gorleben-Gutachter: Die Karriere von Bruno Thomauskes als Leiter der Kernkraftsparte von Vattenfall endete mit Pannen in Atomkraftwerken. Jetzt spielt er eine nicht unwichtige Rolle bei der Sicherheitsanalyse des Salzstocks in Gorleben.

Von Michael Bauchmüller

An Bruno Thomauskes Sympathien für Gorleben besteht wenig Zweifel. In Vorträgen und Aufsätzen hat sich der Physiker immer wieder dafür starkgemacht: Der Salzstock im Wendland sei für ein Atommüllendlager erste Wahl, wenn nichts Triftiges dagegenspricht. Schließlich habe Salz entscheidende Vorteile, die "bis heute unwiderlegt" seien, schließlich sei auch der Standort sorgfältig auserwählt worden und der einzige Garant dafür, dass sich in absehbarer Zeit ein brauchbares Endlager finde.

Das sah Thomauske schon so in jenen 20 Jahren, in denen er für das Bundesamt für Strahlenschutz die Lösung des Atommüllproblems vorantrieb, und erst recht in seiner Zeit als Vattenfall-Manager: Von 2003 bis 2007 leitete er die Kernkraftsparte des Stromkonzerns, dann endete seine Karriere dort mit den Pannen in den Atomkraftwerken Krümmel und Brunsbüttel. Seinem Einfluss auf die Zukunft Gorlebens hat das keinen Abbruch getan. Ganz im Gegenteil.

Nach Informationen der Süddeutschen Zeitung ist Thomauskes Rolle bei der Entscheidung über Gorleben größer als bislang gedacht. Thomauske, mittlerweile Professor für "nuklearen Brennstoffkreislauf" an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) Aachen, ist auch an der "vorläufigen Sicherheitsanalyse" des Salzstocks Gorleben beteiligt.

Es ist jenes Gutachten, das bis Ende 2012 darlegen soll, ob das Endlagerprojekt Zukunft hat oder nicht. Schon im vorigen Sommer waren entsprechende Aufträge erteilt worden, das Bundesumweltministerium lobte Thomauske seinerzeit als "einen der größten Wissensträger über diesen Standort". Zusammen mit anderen Professoren der Aachener Uni werde er sich mit der Eignung des Salzstocks befassen.

So ähnlich liest sich auch die jüngste Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Grünen. Demnach zählt zu den Unterauftragnehmern für die Sicherheitsbewertung auch eine Aachener Firma namens "international nuclear safety GmbH (nse)", laut Auskunft der Bundesregierung ein "Zusammenschluss mehrerer Institute der RWTH Aachen".

Aufträge im Umfang von mehr als 800 000 Euro sind demnach an die nse gegangen, sie betreffen die Bewertung zentraler Fragen rund um die Eignung Gorlebens. Nur die Sache mit dem Instituts-Zusammenschluss stimmt nicht ganz: Denn alleiniger Gesellschafter der nse, so verrät es das Handelsregister, ist kein Geringerer als Thomauske selbst.

Ein hochsensibles Terrain

Das Unternehmen wurde demnach am 22. Juni 2010 gegründet, nur wenige Wochen, ehe der Auftrag an die nse GmbH vergeben wurde. "Die Firma ist nicht nur zu diesem Zweck gegründet worden", beteuert nse-Geschäftsführer Frank Charlier, nebenbei auch Mitarbeiter am Lehrstuhl Thomauskes. "Aber die Zeitähnlichkeit ist natürlich auffallend." Im Grunde handele es sich um eine Ausgründung der Hochschule. Was auch erklären mag, warum zwar unter der Telefonnummer der nse niemand abhebt, der Anruf jedoch nach einigem Klingeln umgeleitet wird: ins Vorzimmer von Professor Bruno Thomauske.

Was aber dieser nun konkret mit der nse GmbH zu tun hat, das will Thomauskes Mitarbeiter respektive Geschäftsführer nicht verraten. Solche Fragen berührten ein "hochsensibles Terrain", sagt er. "Die gehen mir zu weit."

Tatsächlich hat die Berufung des Physikers in das Expertengremium bisher fast nur Ärger verursacht. "Mit Thomauske ist die Analyse so ergebnisoffen wie die Lottozahlen von gestern", sagt die Grünen-Atompolitikerin Sylvia Kotting-Uhl. "Er muss abgezogen werden." Das verlangen auch die Bürgerinitiativen im Wendland. "Es geht Thomauske nur um die Realisierung von Gorleben", sagt Wolfgang Ehmke von der regionalen Anti-Gorleben-Initiative. "Er gehört zu denen, die in diesem Geschäft nichts mehr verloren haben."

Ohnehin hegen Gorleben-Gegner wenig Vertrauen in die Unabhängigkeit der neun Millionen Euro teuren Sicherheitsanalyse. Neben Thomauskes Firma hatte die Kölner Gesellschaft für Reaktorsicherheit, die für das Umweltministerium die Analyse erstellen soll, auch die Beratungsfirma DBE tec mit Aufträgen eingedeckt. Die wiederum ist eine Tochter der Gorleben-Baufirma DBE, die ihrerseits zum Großteil mittelbar in Händen der vier großen Stromkonzerne liegt.

Letztere dürften durchaus Interesse daran haben, dass die Erkundung Gorlebens nicht an Vorbehalten der Wissenschaft scheitert - schließlich haben sie fast 1,5 Milliarden Euro in das Bergwerk gesteckt. Und nicht nur das, auch die Wissenschaft fördert die Branche: unter anderem auch einige mit der Atomkraft befasste Lehrstühle der RWTH Aachen.