Kalkar, Transrapid - und Stuttgart 21: Wird ein Bau mit nationaler Bedeutung aufgeladen, wenn erst einmal Vokabeln wie "alternativlos, unumkehrbar, symbolhaft" bemüht werden, heißt das: Es steht schlecht darum.
Es ist ein paar Jahrzehnte her, da sollten in Kalkar am Niederrhein Deutschland und die ganze Welt gerettet werden. Zwischen 1970 und 1991 tüftelten dort Ingenieure an einem neuartigen Atomkraftwerk vom Typ "Schneller Brüter". Nur mit dem Bau solcher Anlagen sei die Klimakatastrophe aufzuhalten, warnte damals der Leiter des Kernforschungszentrums Jülich. Der Schnelle Brüter, assistierte die FDP, sei Symbol für die "technologische Zuverlässigkeit und Beherrschbarkeit bei der Durchführung von Großprojekten in der Bundesrepublik". Schon deshalb müsse er ans Netz - also aus prinzipiellen Gründen.
Bild vergrößern
In Stuttgart sind die Fronten zwischen Befürwortern und Gegnern des Bahnprojekts Stuttgart 21 klar. (© dpa)
Anzeige
Nach der Jahrtausendwende ging es dann in Bayern um alles oder nichts: Die Magnetschwebebahn Transrapid sei ein nationales Schlüsselprojekt, sagte Ministerpräsident Edmund Stoiber und verkündete im September 2007 den "endgültigen Durchbruch" bei den Verhandlungen über die Finanzierung: "Die politisch Verantwortlichen werden das nicht mehr stoppen."
Kalkar, Transrapid und jetzt Stuttgart 21 - so unterschiedlich die Großprojekte auch sind: Die Argumente der Befürworter gleichen sich über Jahrzehnte hinweg bis aufs Wort. Zuletzt war es BASF-Chef Jürgen Hambrecht, der vor einer Woche in Stuttgart das Bahnprojekt mit der bewährten Standardfloskel verteidigte: "Ein klares Ja zu Stuttgart 21 ist ein klares Ja zu einem fortschrittlichen Industriestandort Deutschland."
Hambrecht reiht sich damit in die Riege der Lobbyisten aus Politik und Wirtschaft ein, die Stuttgart 21 mit schicksalhafter Bedeutung aufladen. Doch der Blick zurück zeigt: Wenn erst einmal Vokabeln wie "alternativlos, unumkehrbar, symbolhaft" bemüht werden, dann steht es in Wirklichkeit ziemlich schlecht um ein Projekt. Denn solche Begründungen werden stets dann ins Feld geführt, wenn die Analyse der Fakten ergeben hat, dass man im großen Stil Geld rausschmeißt. Oder anders gesagt: Wenn ein Projekt schon keinen Nutzen hat, dann wird es eben im Namen des großen Ganzen vorangetrieben. Baden-Württembergs Ministerpräsident Stefan Mappus glaubt, dass er mit dieser Taktik Entschlusskraft an den Tag legt, zumindest aber sein Gesicht wahrt.
Getreu diesem Prinzip wurde auch der Schnelle Brüter für fast sieben Milliarden Mark fertig gebaut - und dann stillgelegt. Seitdem symbolisiert er Deutschlands größte Industrieruine und beherbergt unter anderem "Kernie's Familienpark". Stoiber hat mit seinem Bekenntnis zum Transrapid tatsächlich ein Vermächtnis hinterlassen: Sein vergeblicher Versuch, den Nutzen der Magnetbahn zu erläutern, ist ein Klassiker auf Youtube.
Was dagegen aus Stuttgart 21 wird, ist noch nicht klar: Ein Verzicht darauf könnte einmal als ein Beispiel für späte Einsicht der Politik gelten. Andernfalls hat Stuttgart 21 gute Chancen, als teuerstes Bahnprojekt in die Geschichte einzugehen. Aber - anders als Kalkar - zumindest nicht als Ruine.
Joachim Gauck weiß, dass seine Israel-Reise eine Prüfung ist, persönlich und politisch. Der Bundespräsident besteht auch noch eine kleine Mutprobe. Seite Drei Jetzt lesen ...
- Thema
- Stuttgart 21 RSS
- Interaktive Grafik zu Stuttgart 21 Wer, was, wo? 27.10.2010
- Stuttgart 21: Who is Who Wortführer und Widersacher 26.10.2010
- Umstrittenes Projekt Stuttgart 21 Geschichte eines Konflikts 07.10.2010
- Polizeieinsatz bei S21-Demos Opposition: Mappus "politisch verantwortlich" 05.11.2010
- Stuttgart 21 Geißler mahnt zur Geduld 04.11.2010
(SZ vom 13.11.2010/wolf)
Reiseknigge: Türkei
Mehr als jene verzweifelten Phrasen, die der Artikel beschreibt, haben Sie natürlich auch nicht zu bieten, El Poste. Nur mehr an Aggression: Argumente für Monsterprojekte wie Kalkar, Transrapid oder eben S21 fehlen völlig, stattdessen kommt ein bisschen reaktionäre Mottenkiste mit "Linksfront", die Beleidigung Geisslers als "senil" (würden Sie ihm das eigentlich auch ins Gesicht spucken oder ist die Hemmschwelle nur hier niedrig genug?) und Diffamierung derer, die tausendmal mehr Demokratie leben als Sie, als "gelangweilt".
Ist das alles, was einem Befürworter von S21 noch einfällt? Falls Sie einer sind. Genieren Sie sich eigentlich gar nicht? Oder werden Sie für diese anonyme Absonderung von Hass bezahlt - im Rahmen der angekündigten und bei PR-Agenturen für viel Geld bestellten 'Kommunikationsoffensive' und tun das nur, weil Sie Ihren Kindern Brot kaufen und dafür nicht putzen gehen wollen? In jedem Fall: Sie dauern mich. Und belegen dankenswerter Weise, dass es eben keine guten Argumente für S21 gibt. Danke dafür.
Deutschland die "Es-geht-nichts-mehr"-Republik. Parlamente werden delegitimiert, dafür treten runde Tische an ihre Stelle.
Größere Infrastrukturprojekte sind in Deutschland nicht mehr durchsetzbar.
Ziviler Ungehorsam ist schick. Gelangweilte Bürger finden neuen Lebenssinn in ihrer Midlife-Crisis, indem sie gegen Atom, Bahnhöfe und alle Großprojekte auf die Straße gehen. Sie frieren nächtelang und lassen sich auf Kosten der Steuerzahler von Polizisten wegtragen. Die Linksfront aus SPD, Grünen, Linkspartei und Gewerkschaftsbetonköpfen macht bei all dem mit und versucht, sich an die Spitze der Proteste zu setzen. Noch unglaublicher ist, dass dann noch ein seniler Attac-Aktivist, der aus unerfindlichen Gründen immer noch CDU-Mitglied ist, zum Schlichter gekürt wird.