Stuttgart 21 Pro-Proteste, Dialog und zwei neue Projektsprecher

Bewegung im Streit um den Neubau des Stuttgarter Bahnhofs: Befürworter von Stuttgart 21 demonstrieren, die Opponenten wollen sich zusammensetzen und eine wichtige Personalie ist entschieden.

Nach den Massenprotesten gegen den Umbau des Stuttgarter Hauptbahnhofs treten nun auch die Unterstützer von Stuttgart 21 stärker öffentlich in Erscheinung: Mit einem Lauf durch den Stuttgarter Schlosspark und einer anschließenden Kundgebung solidarisierten sich am Donnerstagabend nach Polizeiangaben über 2000 Menschen mit dem umstrittenen Bahnprojekt.

Es war die dritte Veranstaltung zugunsten von Stuttgart 21, zu Beginn der Bewegung waren lediglich einige Hundert Menschen gekommen. Trotz des jüngsten Zulaufs lag die Zahl der Demonstranten bei Aktionen gegen das Großprojekt in den vergangenen Wochen allerdings deutlich höher. Mit Sprüchen wie "Wir sind Stuttgart" zogen die Befürworter durch den Stadtpark - darunter auch der Chef der CDU-Landtagsfraktion, Peter Hauk.

"Wer heute mitgelaufen ist, hat ein eindeutiges Bekenntnis für das Jahrhundertprojekt Stuttgart-Ulm abgegeben", sagte Hauk. Es gelte nun der ganzen Republik klarzumachen, dass Stuttgart "nicht nur aus Protestlern und Zukunftsverweigeren" besteht, so der christdemokratische Politiker.

Während es im Schlossgarten bereits zu einem Aufeinandertreffen von Gegnern und Befürwortern des strittigen Milliardenvorhabens kam - bei dem vereinzelt Pro-Stuttgart-21-Läufer beschimpft wurden - wollen sich die Opponenten an diesem Freitag erstmals zu gemeinsamen Gesprächen treffen. Bei dem von der katholischen Kirche in Stuttgart vermittelten Dialog soll unter anderem über die Einsetzung eines Moderators gesprochen werden.

Bahnchef Rüdiger Grube schloss vor dem Treffen den von den Projektgegnern geforderten Baustopp erneut aus. Das gelte auch für die Dauer der Gespräche, sagte er im Hessischen Rundfunk. "Es wird keinen Baustopp geben. Alle hatten lange genug Zeit, sich an dem demokratischen Prozess zu beteiligen", sagte Grube nach Angaben des Senders. Es gehe schon längst nicht mehr um Stuttgart 21. "Wir sind zwischen die Fronten der Wahlkampfstrategen geraten mit Blick auf die Landtagswahl 2011 in Baden-Württemberg."

Der Initiator des Sondierungstreffens, Stadtdekan Michael Brock, hofft derweil, dass die Begegnung dazu beiträgt, das friedliche Zusammenleben in Stuttgart zu bewahren. Brock hält es für sinnvoll, eine von allen akzeptierte Persönlichkeit als Moderator einzusetzen. Für die Position hatte sich bereits der Stuttgarter Schauspiel-Intendant Hasko Weber ins Gespräch gebracht.

Indes wurde bekannt: Eine Doppelspitze soll künftig das Bahnprojekt in der Öffentlichkeit vertreten. Der ehemalige Stuttgarter Regierungspräsident Udo Andriof (CDU) und der Unternehmensberater Wolfgang Dietrich werden Nachfolger des SPD-Politikers Wolfgang Drexler als Sprecher für Stuttgart 21 und die ICE-Neubaustrecke nach Ulm. Dies gaben Ministerpräsident Stefan Mappus, Landesverkehrsministerin Tanja Gönner (beide CDU), Bahnchef Grube und Regionalpräsident Thomas Bopp in Stuttgart bekannt.

Drexler war in der vergangenen Woche von dem Posten zurückgetreten, weil er seine ehrenamtliche Tätigkeit nicht mehr mit der Haltung der Sozialdemokraten im Land und im Bund vereinbaren konnte. Die SPD tritt für einen sofortigen Baustopp ein, Drexler musste als Projektsprecher die Bauarbeiten am Stuttgarter Hauptbahnhof dagegen verteidigen.

Sein Nachfolger Andriof war von 1989 bis 2007 Regierungspräsident in Stuttgart und in dieser Zeit bereits im Raumordnungsverfahren mit dem Projekt Stuttgart 21 befasst. Mit Massenprotesten, etwa gegen die Landesmesse auf den Fildern, ist der 68-Jährige vertraut. Andriof, der Ende 2007 in Ruhestand ging, hat zuletzt die Expertenkommission der Landesregierung zum Amoklauf von Winnenden geleitet.

Die Proteste gegen Stuttgart 21 haben seit Anfang August mit Beginn der sichtbaren Bauarbeiten an der Fassade des Nordflügels des Stuttgarter Bahnhofs massiven Zulauf bekommen. Der bisherige Kopfbahnhof soll durch eine Verlegung in den Untergrund zu einer Durchgangsstation gemacht werden, außerdem soll in Richtung Ulm eine Schnellbahnverbindung entstehen. Die Gegner kritisieren die Kosten, ökologische Folgen und angebliche Sicherheitsgefahren durch das Bauprojekt. Das Vorhaben soll etwa vier Milliarden Euro kosten und 2019 fertiggestellt werden.