Interview: Matthias Kolb

Mit Hölderlin und Brecht gegen den verhassten Tiefbahnhof: Albrecht Götz von Olenhusen hat in einem Buch die kreativen Plakate, Zettel und Zeichnungen gesammelt, mit denen die Schwaben am Bauzaun gegen Stuttgart 21 protestieren - und Mappus, Grube und Co. ins Visier nehmen.

Albrecht Götz von Olenhusen, Jahrgang 1935, arbeitet als Rechtsanwalt in Freiburg. Er reist regelmäßig nach Stuttgart, wo er an der Journalisten-Akademie unterrichtet. Der bekennende Bahn-Fan hat den Streit um Stuttgart 21 aus nächster Nähe verfolgt. Er selbst lehnt den Bau ab.

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sueddeutsche.de: Herr von Olenhusen, wie entstand die Idee, in einem Buch die Plakate und Slogans des Protests gegen Stuttgart 21 zu dokumentieren?

Albrecht Götz von Olenhusen: Ich bin regelmäßig am Stuttgarter Bahnhof und der Bauzaun mit all den Slogans und Bildern ist der prägnante Ausdruck einer Widerstandsbewegung, die weit über das Übliche hinausgeht. Zudem hat sich privates mit beruflichem Interesse vermischt: Als politischer Mensch verfolge ich die Debatte sehr aufmerksam, aber als Vorstandsmitglied der Landesanstalt für Kommunikation hat mich diese Form des Protests begeistert. Nachdem der Fotograf Gerd Paulus 500 Bilder gemacht hat, haben wir die besten Motive ausgewählt.

sueddeutsche.de: Was hat Sie besonders fasziniert an den Zetteln, Plakaten und Zeichnungen?

von Olenhusen: Es ist eine einmalige Pinnwand des Aufstands der Schwaben, eine Art öffentliches Tagebuch. Diese vergänglichen Collagen und Zeichnungen wollten wir bewahren und der Nachwelt erhalten. Der Bauzaun ist ein großes kreatives Schwarzbrett des Widerstands: Viele Arbeiten sind sehr künstlerisch und professionell, andere sind eher dilettantisch und schnell gemacht. Daneben haben wir kurze Texte von Wiglaf Droste, Klaus Theweleit und Ludger Lütkehaus gestellt.

sueddeutsche.de: Welche Akteure werden denn am heftigsten kritisiert?

von Olenhusen: Das sind natürlich die Protagonisten, also Ministerpräsident Stefan Mappus, Bahn-Chef Rüdiger Grube, Oberbürgermeister Wolfgang Schuster und auch immer wieder Frau Merkel. Diese Absperrung drückt die innere Befindlichkeit der Bürger aus und ist meiner Meinung nach mehr als nur Politkunst.

sueddeutsche.de: Das Besondere am Protest gegen Stuttgart 21 war die Beteiligung des Bürgertums, der klassischen CDU-Wähler. Wie haben die sich am Bauzaun verewigt?

von Olenhusen: Sie finden viele Zitate von Dichtern wie Hölderlin, Lessing, Brecht oder Hebbel. Zudem gibt es Rückgriffe auf historische Ereignisse, etwa die Zerstörung der Innenstädte nach dem Zweiten Weltkrieg oder der letztlich erfolgreiche Protest gegen den Bau eines Atomkraftwerks in Wyhl. Daneben gibt es Anspielungen auf Aktuelles wie "Wir sind das Volk. Stoppt Stuttgart 21." Das ist bemerkenswert und in dieser Form neu.

sueddeutsche.de: Viele Protestierende wollen mit ihren Argumenten ernst genommen werden und belegen ihre Aussagen mit Quellenangaben, etwa in welcher Zeitung sie etwas gelesen haben.

von Olenhusen: Zudem kommt aber auch viel Scherz, Ironie und Satire zum Vorschein. Nehmen Sie die Darstellung von Ministerpräsident Stefan Mappus als Napoleon, der in die Verbannung geschickt werden soll: Das ist eine ästhetische Finesse, die schon erstaunlich ist. Das ist viel mehr als "Marx ist tot, Murks lebt."

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