Stuttgart 21 Eng, schmutzig und sehr laut

Erstmals spüren die Menschen die unmittelbaren Folgen von "Stuttgart 21": An allen Ecken und Enden wird gebaut.

Von Josef Kelnberger

Eine Wand, zehn Meter hoch, sechzig Meter lang, mitten durch ein Stuttgarter Innenstadtviertel. Ende 2015 soll sie stehen, mehrere Jahre soll sie bleiben, um die Anwohner vor Baulärm zu schützen. Ein Monstrum, ein Schandfleck? AfD-Stadtrat Eberhard Brett schlug bereits vor, an der Wand sollten sich "dissoziale Menschen" austoben. Er meinte "unsere Graffiti-Freunde". Die naheliegende Idee der Grünen: begrünen. Da erhob der Technik-Experte der Deutschen Bahn bei der Gemeinderatssitzung Einspruch: Es könnten sich Tiere in der Wand ansiedeln. Möglicherweise dürfe man sie dann nicht mehr abreißen.

Das war als Gag gemeint. Aber es ist schwer, Leute zum Lachen zu bringen, wenn es um Stuttgart 21 und den Tiefbahnhof geht. S 21 bewegte Deutschland jahrelang als Exempel dafür, wie der Staat ohne Rücksicht auf Verluste Großprojekte durchpeitscht. Nach wie vor versuchen die Gegner, den Bau mit Bürgerentscheiden zu stoppen. Die regierenden Grünen halten das Projekt seit dem Volksentscheid ohne große Begeisterung zumindest für politisch legitimiert. In diesem Sommer nun merken alle, auch Befürworter der ersten Stunde, was S 21 für Stuttgart bedeutet. Es wird eng, schmutzig und vor allem laut.

An allen in der Stadt geplanten Tunneln wird gearbeitet. Sieben Kilometer sind gebohrt, bis zum Jahresende sollen zehn von insgesamt 60 Kilometern geschafft sein. Wenn nun ein Sprecher der Projektgesellschaft sagt, es entfalte sich gerade der Charme des innerstädtischen Bauens, so bittet er, den Begriff in Anführungszeichen zu setzen: "Charme des innerstädtischen Bauens". Die Bürger sollen sich ernst genommen fühlen. Der Austausch mit den städtischen Gremien wurde intensiviert, eine Beschwerde-Hotline ist rund um die Uhr besetzt. Aber der Bahn schlägt trotz der Charme-Offensive weiterhin Misstrauen entgegen. Zumal sich die Lärm-Prognosen als falsch erweisen. Sehr viel mehr Anwohner als geplant erhalten deshalb Schallschutzfenster. An mehreren Baustellen entstehen Schallschutzdächer, eines davon wird fast so groß wie ein Fußballfeld sein. Auch die zehn Meter hohe Wand im Kerner-Viertel wurde spontan geplant. Um Ruhe zu schaffen, werden außerdem mehrere Hundert am Bau beteiligte Fahrzeuge umgerüstet. Ihr Piepen beim Rückwärtsfahren, als Warnsignal gedacht, geht Anwohnern gewaltig auf die Nerven. Deshalb piept es nun nicht mehr auf den Baustellen von S 21. Es schnarrt.

Wer nun denkt, es handele sich bloß um lokale Stuttgarter Probleme, ganz weit weg, den hat gerade Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann eines Schlechteren belehrt. Hermann stellte grimmig klar, wegen der Tunnelarbeiten in Richtung Flughafen sei auf der ohnehin staugeplagten A8 mit erheblichen Behinderungen zu rechnen. Auch wer an Stuttgart vorbei will, steckt möglicherweise bald in S 21 fest.

Reine Freude an dem Projekt können derzeit nur Archäologen haben. In der Baustelle am Hauptbahnhof buddelte man im vergangenen Herbst Reste eines römischen Hofes aus, auch Spuren von alemannischer Besiedlung fanden sich. Seither wacht ein Archäologe über die Grabungen. Er entdeckte am vergangenen Wochenende drei Gräber mit Skeletten aus der Jungsteinzeit. Mal sehen, welche Leichen diese Stadt noch in ihren Kellern hat.