Neuer Streit um Stuttgart 21: Die Südwest-CDU lehnt eine Änderung der Verfassung ab, die ein Referendum zu dem Bahnhofsneubau erleichtern würde. Auch Schlichter Heiner Geißler schaltet sich ein.
Die CDU im baden-württembergischen Landtag sperrt sich dagegen, die Hürden für einen Volksentscheid zu senken. "Es gibt dafür gar keinen Anlass", sagte CDU-Fraktionschef Peter Hauk nun in Stuttgart.
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Künftiger Regierungschef von Baden-Württemberg: der grüne Winfried Kretschmann (© REUTERS)
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Grüne und SPD hatten zuvor erklärt, mit der CDU über eine Senkung der Hürden für einen Volksentscheid reden zu wollen. Die Landesverfassung kann nur mit einer Zweidrittelmehrheit im Landtag geändert werden. Dazu wäre die Zustimmung der CDU als der stärksten Fraktion notwendig.
Die künftige grün-rote Landesregierung unter dem designierten Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann (Grüne) müsse ein Referendum über das Milliarden-Bahnprojekt Stuttgart 21 auf der Grundlage der geltenden Verfassung abhalten, forderte Hauk: "Wer Volksabstimmung plakatiert, muss sie einfach umsetzen."
Ein Gesetzentwurf ist in der Volksabstimmung bislang dann erfolgreich, wenn die einfache Mehrheit der abgegebenen Stimmen zustimmt, mindestens aber ein Drittel aller Wahlberechtigten. Dies wären etwa 2,5 Millionen Bürger. Die Grünen, die das Bahnprojekt strikt ablehnen, befürchten, dass das Quorum nicht erreicht wird.
Auch der Stuttgart-21-Schlichter und ehemalige CDU-Generalsekretär Heiner Geißler äußerte sich zu der Causa. Zur kniffligen Frage der hohen Hürden für eine Volksabstimmung über das Bahnprojekt sagte Geißler: "Die Quoren müssten sehr niedrig sein oder völlig wegfallen, damit die Menschen sich nicht hintergangen fühlen." Im Gegenzug könnten die Hürden für die Volksbegehren, die zu einer Volksabstimmung führen, höher gesetzt werden.
Geißler: Bahn muss S21-Gegner in Stresstest einbeziehen
Geißler forderte die Bahn zudem auf, die Kritiker des Milliarden-Bauvorhabens in den Stresstest für den geplanten Tiefbahnhof einzubeziehen. "Das nicht zu tun, ist grob fahrlässig. Der Stresstest ist Bestandteil der Schlichtung, deshalb müssen auch alle Teilnehmer der Schlichtung an dem Stresstest beteiligt werden", sagte Geißler. "Der Stresstest hat keinen Sinn, wenn er nicht im Konsens durchgeführt wird, denn dann wird das Ergebnis nicht akzeptiert werden", fügte er hinzu. Er habe bereits im März beim Bahnvorstand für diese Position geworben.
Die Bahn hat die Schweizer Firma SMA beauftragt nachzuweisen, dass in dem vorgesehenen unterirdischen Tiefbahnhof in Spitzenzeiten mit guter Betriebsqualität 30 Prozent mehr Züge verkehren können. Geißler sagte, zwischen Bahn und Stuttgart-21-Gegnern müsse vor allem Konsens über Zugfolgen, Haltezeiten und Fahrzeiten erzielt werden. Es sei kein Fehler gewesen, die Beteiligung der Kritiker nicht ausdrücklich im Schlichterspruch festgehalten zu haben. "Selbstverständlichkeiten muss man nicht formulieren", betonte der CDU-Veteran.
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(dpa/odg/woja)
Reiseknigge: Türkei
Es gibt nicht nur Bahnhöfe im Ländle und Bürgerentscheide sollten auch auf der kommunalen Ebene eine Chance haben.
Da hat man eben in der Lokalpresse wieder einmal das "Desinteresse der sogenannten mündigen Bürger" beklagt, weil vier Fünftel der Wahlberechtigten bei der Oberbürgermeisterwahl in Ludwigsburg ihr Kreuz nicht gemacht haben. So ist das halt mit der Bürgerbeteiligung, die unisono immer wieder, insbesondere vor Wahlen, beschworen wird. Dann ist bei allen Parteien von mehr Bürgerbeteiligung und sogar von direkter Demokratie die Rede. Auch der neue Ministerpräsident hat in seiner Antrittsrede der Bürgerbeteiligung bemerkenswert viel Platz eingeräumt. Die Wirklichkeit sieht anders aus.
Die Grundsätze für die demokratische Legitimität sind höchst unterschiedlich. Was bei einer Oberbürgermeisterwahl noch durchgeht, wird dem Bürger mit kaum überwindbaren Hürden verweigert. Die in Baden-Württemberg geltenden Regeln für Bürgerbegehren und Bürgerentscheide auf der Gemeindeebene können nicht mehr als demokratisch bezeichnet werden. Kürzeste Fristen und ein Zustimmungsquorum von 25 Prozent machen den Bürger geradezu unmündig. Würde die in Baden-Württemberg geltende Latte für kommunale Bürgerentscheide angelegt, wäre Werner Spec kein Oberbürgermeister. Nur knapp mehr als 15 Prozent der Wahlberechtigten haben ihn gewählt. Damit wäre die Hürde des Bürgerentscheids weit gerissen. Dass ein Bürgerentscheid in der Nachbarstadt gegen die Eingliederung des Eishallenbetriebs in die Stadtwerke und damit gegen den Bau einer zusätzlichen neuen Eisarena für den Profisport (Steelers) unter diesen undemokratischen Bedingungen aussichtslos war, wird an diesem Beispiel deutlich. Dem mündigen Bürger sollte man bei Aussichtslosigkeit aber kein Desinteresse unterstellen. Vielleicht muss dieser erst Pirat werden, um die Bedingungen zu entern (ändern). Wenigstens hatten die Piraten bei der Oberbürgermeisterwahl in Ludwigsburg im Gegensatz zu den anderen Parteien einen Gegenkandidaten gestellt.