Immer weniger Menschen in Deutschland sind von Armut bedroht. Trotzdem sollte man die Situation nicht beschönigen. Die jüngste Entwicklung zeigt auch: Die Schwierigkeiten verfestigen sich.
Als die Bundesregierung vor einigen Wochen ihren Armutsbericht vorlegte, war bald klar, dass das Werk die Realität nur unzureichend wiedergibt. So verharmlost der Bericht die Wirklichkeit am unteren Rand der Gesellschaft, indem er positive Daten und Entwicklungen herausgreift und lobt, negative Trends aber beschönigt oder umdeutet.
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Dennoch stellt der Bericht die Situation schlimmer dar, als sie derzeit wohl ist, weil er auf den veralteten Zahlen des Jahres 2005 beruht - dem Jahr mit der höchsten Arbeitslosigkeit. Dass seitdem Millionen neuer Jobs entstanden und die Armut zurückging, erwähnen die zentralen Statistiken des Berichts noch nicht.
Die neuen Zahlen, die das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung vorgelegt hat, aktualisieren nun das Bild. So zeigt sich, dass sich die Situation schon zu Beginn des Aufschwungs besserte: Im Jahr 2006 gelang einer Million Menschen der Sprung aus der Armut.
Ein positives Signal, das es in zehn Jahren vorher nicht gegeben hatte. Offensichtlich kam der Aufschwung, der im zweiten Jahr nach den Hartz-Reformen einsetzte, bei vielen Menschen an.
Trotzdem sollte man diese erfreuliche Tatsache nicht erneut dazu benutzen, um die Situation zu beschönigen. Denn die jüngste Entwicklung zeigt auch, dass sich die Schwierigkeiten teilweise verfestigen. Einer wachsenden Zahl von Menschen gelingt es über längere Zeit nicht, sich aus der Armut zu befreien.
Diese Stagnation, die für den Einzelnen grausam perspektivlos wirkt, ist eines der größten Probleme. Unsichere Jobs oder niedrige Löhne sind oft der Anfang des Wegs in die Armut. Wirklich schlimm wird es, wenn es aus dieser Spirale nach unten kein Entrinnen mehr gibt.
Joachim Gauck weiß, dass seine Israel-Reise eine Prüfung ist, persönlich und politisch. Der Bundespräsident besteht auch noch eine kleine Mutprobe. Seite Drei Jetzt lesen ...
(SZ vom 17.09.2008)
Die Ärzte in München
"Dass seitdem Millionen neuer Jobs entstanden und die Armut zurückging.."
Naja, was für Jobs sind das denn, die da entstanden sind? Und Armut ist ja nicht nur eine Frage materieller Güter, sondern auch eine Frage von Würde, einer dem Ausbildungsniveau angemessenen Arbeit und Selbstbestimmung.
Leute mit Hochschulabschlüssen massenweise in Call-Centern fragwürdige Produkte an den Mann bringen, Taxifahren, Burger verkaufen oder Toiletten putzen zu lassen, kann ja wohl nicht die Lösung sein.
Beruf hat was mit Berufung zu tun; Arbeit darf nicht nur daran gemessen werden, dass sie ein Mindesteinkommen sichert. Sonst können alle Beteuerungen, wonach Bildung die Schlüsselfrage zur Lösung der Arbeitzsmarktprobleme sei, als Sonntagsreden in die Tonne getreten werden. Wer viel Zeit und Geld in seine Ausbildung investoiert hat, will dann auch eine entsprechende Arbeit haben.
Wieviele Haushalte leben eigentlich knapp über Hartz IV. Betrachten wir das Potential allein bei den Aufstockern:
Das für die Bundesregierung arbeitende Institut IAB fordert in seinem Bericht Nr. 11/2008, daß Hartz IV so niedrig wie möglich sein müsse, um Arbeitslose besser zu Niedriglohnarbeit zwingen zu können.
http://www.iab.de/de/informationsservice/presse/presseinformationen/kb1108.aspx
http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,575814,00.html
Eine Erhöhung von Hartz IV auf bescheidene 420 (wodurch lediglich die Inflation der letzten Jahre ausgeglichen würde) würde lt. IAB bedeuten, daß 2 Mio. weitere Haushalte Anspruch auf Hartz IV haben. Das heißt:
2 Mio. Arbeitnehmer (und ihre Familien) leben in Deutschland von einem Einkommen, das um maximal 69 über Hartz IV liegt.
"Glaube nur der Statistik, die Du selbst gefälscht hast"
Für mich ist es ausgemacht, dass diese Zahlen politisch motiviert sind und von interessierter Seite aus Politik und Wirtschaft eingekauft wurden. Ich muss das auch nicht mehr beweisen, dazu ist es zu offensichtlich.
Offensichtlich sind natürlich auch die Motive: 1. Staat und Politik tuen demnach angeblich genug, "um das Prekariat zu bekämpfen" und 2. lässt sich mit so einer gekauften Studie jede Forderung vom Tisch wischen, die "deep pockets" unserer Wirtschaft/Gesellschaft sollten eine angemessene Verantwortung im Staat übernehmen. Denn während Unternehmensgewinne und Boni einer kleinen Wirtschafts-Seilschaft in den vergangenen Jahren förmlich explodierten, veränderte sich deren Belastung nicht signifikant. Und die Studie ist die ihrer Frage voraus eilende Antwort, dass es gänzlich unnötig sei, eben jene (jenseits einiger Almosen) zur Kasse zu bitten, die in der vergangenheit unverschämte bzw. sozial unverträgliche Gewinne eingefahren haben.
Die Message der Studie lautet: "Schaut hin, jeder kann sich aus seiner Armut befreien!" dass das Augenwischerei ist, dass sehen die meisten schon nicht mehr, weil die Mainstream-Medien es kaum mehr schaffen, selbst recherchierte Meldungen zu verbreiten. Und so bekommt das Volk die nahezu identischen, oberflächlichen und aus einer Quelle stammende Meldung. Meinungsvielfalt und eine unabhängige Medienlandschaft & vierte Macht im Staate - nun ja ..
F. Mayer
"Die neuen Zahlen, die das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung vorgelegt hat, "
das deutsche institut für wirtschaftsforschung arbeitetet bekanntlich eng mit der INSM (initiative neue soziale marktwirtschaft) zusammen.
ich denke, das sagt alles.
"Immer weniger Menschen in Deutschland sind von Armut bedroht"?
Richtig ist das Gegenteil.
Im Jahr 2002 definierten EU und Bundesregierung die Armutsgrenze bei 938 monatlich (für einen Single). Wer von nur 940 oder 1.000 leben mußte, war zwar arm, wurde jedoch nicht als arm mitgezählt.
Die Preise steigen Jahr für Jahr. Seit 2002 sind die Preise um 11,6% gestiegen. Also müßte eine korrekte Armutsgrenze ebenfalls um 11,6% gestiegen sein - auf 1.047 . Stattdessen sank die Armutsgrenze auf 781, weil die Einkommen sanken. Und je weiter die Gehälter sinken, desto weiter sinkt die Armutsgrenze. Wie praktisch für die Regierungsparteien, wenn die Löhne sinken.
13% der Deutschen leben unter dem Niveau von Arbeitslosengeld II bzw. Hartz IV, und weitere 13% leben auf Hartz IV-Niveau. Macht zusammen 26% der Bevölkerung, die in Armut leben - und nicht 13%. Sogar die Grünen, die als Regierungspartei für Hartz IV selbst die Verantwortung tragen, bemerken, "daß die angegebene Armutsschwelle für Familien noch unterhalb des durch Hartz IV- Leistungen gewährten Existenzminimums liegt!"
Siehe http://www.strategiepartei.de/armut_in_deutschland.html
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