Von Peter Münch

Wer hier ganz oben steht, ist eigentlich ganz unten: Auf der Liste der gefährlichsten Staaten der Welt kommt Afghanistan gleich nach den Palästinensergebieten und Somalia. Die Schuld daran trägt der Westen.

Es gibt eine neue Rangliste für gescheiterte und gefährliche Staaten, und wer dort gewinnt, der ist wohl verloren. Die Sicherheitsexperten der britischen Jane's Information Group haben in diesem "Länder-Risiko-Rating" die chronischen Unruheherde Somalia und Palästinensergebiete an die Spitze gestellt. Doch das erstaunlichste Ergebnis ist, dass von den Kriegsgebieten Afghanistan auf dem dritten Platz deutlich vor dem Irak liegt - und dies, wo doch nach landläufiger Meinung die ganze Welt in die Stabilisierung am Hindukusch investiert, während die USA einen verlorenen Kampf im Zweistromland führen.

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US-Soldaten in Afghanistan (© Foto: Reuters)

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Aber wer nach einer Erklärung für das Afghanistan-Desaster sucht, der kann sie vielleicht auch in einer zeitgleich veröffentlichten Untersuchung internationaler Hilfsorganisationen finden. Dort wird angeprangert, dass der Westen einen beträchtlichen Teil der versprochenen Hilfsgelder nicht auszahlt und damit seine eigene Aufbaupolitik untergräbt.

Zwei Hauptgründe geben die Experten von Jane's dafür an, dass der kriegsgeschüttelte Irak mittlerweile stabiler eingeschätzt wird als Afghanistan: die höhere Anzahl an fremden Soldaten pro Kopf der Bevölkerung und eine wirtschaftliche Perspektive dank des teuren Öls. Afghanistans Ökonomie beruhe dagegen zu großen Teilen allein auf dem illegalen Opiumanbau.

Die irakische Regierung könne überall im Land agieren, die afghanische halte nur die Kontrolle über einen Teil des Staatsgebiets. Und während zwischen Kundus, Kabul und Kandahar die Gewalt seit zwei Jahren kontinuierlich steige, sei im Irak seit der US-Truppenverstärkung im vorigen Sommer ein Rückgang um 60 Prozent zu verzeichnen.

Im Westen könnten diese Ergebnisse die Diskussion um eine von den USA geforderte Verstärkung der Nato-Truppen am Hindukusch befeuern. Während im Irak mit seinen 27 Millionen Einwohnern mehr als 160.000 US-Soldaten stationiert sind, sind es bei der Afghanistan-Truppe Isaf nur 43.000 Soldaten bei einer Einwohnerzahl von etwa 32 Millionen. Doch das Militär allein wird Afghanistan nicht sicherer machen.

Genauso wichtig wie die Zahlen der Soldaten sind die Zahlungen für Aufbauprojekte. Und hier wird dem Westen nun von der Dachorganisation Acbar, die 94 in Afghanistan tätige Hilfsorganisationen vertritt, vorgerechnet, dass seit 2001 von versprochenen 25 Milliarden Dollar erst 15 Milliarden ausgegeben worden sind. Und von diesem Geld seien 40 Prozent als Unternehmensgewinne und Gehälter in die Geberländer zurückgeflossen.

Allein die Vereinigten Staaten als größter Spender hätten bislang erst die Hälfte der zugesagten 10,4 Milliarden Dollar bereitgestellt. Auch von der Europäischen Union und Deutschland seien weniger als zwei Drittel der versprochenen Summen ausgezahlt worden, von Indien und der Asiatischen Entwicklungsbank nur ein Drittel.

In einer ersten Reaktion haben die EU-Kommission und die Bundesregierung die Vorwürfe scharf zurückgewiesen und von "falschen Berechnungen" gesprochen. Nachzuprüfen ist das im Zahlengestrüpp der Pläne und Projekte kaum. Die afghanische Führung allerdings bläst seit längerem ins gleiche Horn wie die Helfer. Und für Theo Riedke von der Deutschen Welthungerhilfe, die zu Acbar gehört, ergeben sich aus dieser Untersuchung klare Forderungen: mehr Mittel für den zivilen Aufbau und mehr regionale Gerechtigkeit innerhalb des Landes. Auch das kann Afghanistans Sicherheit erhöhen.

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(SZ vom 26.03.2008/bavo)