Studie zu Nazi-Funktionären Braune Vergangenheit des Vertriebenen-Bundes

Das Ergebnis wird nur den erstaunen, der an das staatstragende Märchen vom radikalen Neuanfang glauben wollte: Das Münchner Institut für Zeitgeschichte dokumentiert in einer Studie, dass zehn der 13 Mitglieder im ersten Präsidium des Bundes der Vertriebenen Nazis waren.

Von Willi Winkler

Im Jahr 1951 versammelten sich fünfzigtausend Demonstranten auf dem Bonner Marktplatz und forderten einen Lastenausgleich. Sie hatten ihre Heimat jenseits der Oder-Neiße-Linie verlassen müssen, hatten Hab und Gut verloren und wurden in der Bundesrepublik als Eindringliche betrachtet. Die alten Reflexe aber funktionierten noch: "Kather befiehl, wir folgen!", stand auf den Transparenten.

Der Vertriebenenfunktionär Linus Kather gehört zu den schillernden Gestalten, die in der am Mittwoch herausgekommen Studie "Funktionäre mit Vergangenheit" vorgestellt werden. Sie wurde vom Münchner Institut für Zeitgeschichte erarbeitet, geht aber auf einen Forschungsauftrag von Erika Steinbach zurück, der heutigen Präsidentin des Bundes der Vertriebenen (BdV).

Eine erste, 2010 bekannt gemachte Fassung, die der damalige Institutsvorstand Horst Möller zu verantworten hatte, zeigte eine auffallende Neigung zur Weißwaschung. Das ist in der neuen Version anders. Sie weist nach, dass im ersten Präsidium des 1958 gegründeten BdV zehn der dreizehn Mitglieder der SA, SS und/oder der NSDAP angehört hatten.

Frau Steinbach zeigte sich "wenig überrascht" vom Ergebnis, das nur den erstaunen wird, der an das staatstragende Märchen vom radikalen Neuanfang glauben wollte. Bundeskanzler Konrad Adenauer, obwohl selber alles andere als ein Nazi, scheute sich nicht, Menschen mit einer Nazi-Vergangenheit zu beschäftigen. Nach diesem Grundsatz wurde das Außenministerium, das Bundeskriminalamt, wurde überhaupt die Bundesrepublik neu mit den alten Kräften aufgebaut.

Sie setzten ihre Industriellen- oder Funktionärskarriere fort, traten einer der demokratischen Parteien bei und starben, wohlversehen mit Pensionen als ehrengeachtete Bürger. Sie forderten nicht nur einen Lastenausgleich, sondern aus naheliegenden Gründen auch ein Ende der Entnazifizierung.

Unter Ludwig Erhard brachte es der BdV-Vorsitzende Hans Krüger sogar zum Minister für Vertriebene und Flüchtlinge, musste allerdings bereits nach drei Monaten zurücktreten. Anders als in den Jahren zuvor konnte der Vorwurf der Kontinuität nicht mehr als DDR-Propaganda abgetan werden, wie die Studie zeigt.

Antikommunistische Staatsräson

Krüger renommierte mit der Teilnahme am Hitler-Putsch. Im Zweiten Weltkrieg wirkte er an Sondergerichten in Westpreußen und dabei möglicherweise auch an Todesurteilen mit. Nach dem Krieg ließ er sich als Rechtsanwalt nieder, zog als CDU-Abgeordneter in den Bundestag ein und stritt sich im BdV-Vorstand mit Kather, der ihm unablässig seine NS-Vergangenheit vorwarf. Ein Ermittlungsverfahren wurde eingeleitet, doch Krüger starb noch vor dem Abschluss.

Für die bayerischen Ministerpräsidenten war es ebenso selbstverständlich wie für CDU-Bundeskanzler, die Heimattreffen der Vertriebenen regelmäßig mit ihrer Anwesenheit zu beehren und damit zu bekräftigen, was im Hintergrund auf die Fahne geschrieben war: "Schlesien bleibt unser!" Schlesien war aber wie Ostpreußen, wie Pommern und das Sudetenland, seit 1945 nicht mehr deutsch.

Dafür hatten jedoch nicht die bösen Russen gesorgt, wie es die hartnäckig verbreitete Legende wollte, sondern das Expansionsgelüst des Deutschen Reiches, das gar nicht großdeutsch genug sein konnte. Doch die antikommunistische Staatsräson der Bundesrepublik erlaubte das Fortwesen der Illusion, dass der Osten noch nicht verloren sei.

Die Studie übergeht auch nicht das Wirken des Sozialdemokraten Wenzel Jaksch, der 1939 aus der besetzten Tschechoslowakei nach England floh. Der Krüger-Kritiker Kather, der selber Gestapo-Haft erlitten hatte, gründete mit anderen 1945 die Hamburger CDU, zog ebenfalls in den Bundestag, wechselte 1954 zur Splitterpartei GB/BHE und kandidierte bei der Bundestagswahl 1969 ohne Erfolg für die rechtsradikale NPD.