Studie Was Ost und West trennt

25 Jahre nach dem Mauerfall nähern sich Ost- und Westdeutsche langsam einander an. Doch die "Mauer in den Köpfen" gibt es noch immer.

(Foto: Ralf Hirschberger/dpa)

Auch nach 25 Jahren schwinden die Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland nur langsam. Es hapert beim Engagement und beim Vermögen.

Von Thomas Öchsner, Berlin

25 Jahre nach der deutschen Einheit schwindet das Gefühl der Fremdheit zwischen West- und Ostdeutschen, aber nur langsam. Das geht aus einer Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung hervor. So sieht die Hälfte der Bundesbürger weiter Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschen. Und unter denjenigen, die solche Differenzen vermuten, hält immerhin ein Drittel der Bürger aus den neuen Bundesländern die Westdeutschen für arrogant. In der Untersuchung heißt es aber: "Wo sich die Menschen gründlicher kennenlernen konnten, sehen sowohl Ost- als auch Westdeutsche die Klischeebilder des ,Besser-Wessis' und des ,Jammer-Ossis' im persönlichen Umgang nicht bestätigt." Viele Unterschiede seien aber "noch erstaunlich groß", sagt Institutsdirektor Reiner Klingholz. In der Studie, in der 25 Themenfelder untersucht wurden, werden dafür etliche Beispiele genannt - ein Überblick in Stichpunkten:

Bevölkerung

Mit dem Mauerfall verloren die fünf ostdeutschen Flächenländer bis 2013 mehr als zwei Millionen ihrer einst 14,5 Millionen Bürger (Grafik). Vor allem junge Erwachsene gingen. Diese Abwanderung ist nicht gestoppt: Ländliche Regionen bluten weiter aus. Nur zehn von 70 Kreisen und 15 der 132 größten Städte in den neuen Bundesländern hätten sich dem Abwärtstrend entziehen können, stellen die Autoren in der Studie fest. Die Folgen sind dramatisch: Durch das Weggehen der Jüngeren wächst der Anteil der Älteren im Osten schneller als im Westen. Die ehemalige DDR wird dadurch teilweise zum Land der Alten: "Im Jahr 2035 könnte in einigen Kreisen wie Suhl oder Elbe-Elster mehr als jeder zweite Einwohner 60 Jahre und älter sein", heißt es in der Untersuchung.

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Kinder

Frauen bekommen in den neuen Ländern wieder mehr Kinder als Frauen im ehemaligen West-Gebiet. Das liegt vor allem daran, dass Kinderlosigkeit in den alten Ländern stärker verbreitet ist als im Gebiet der früheren DDR (Grafik). In der Untersuchung wird dies so begründet: "Ostdeutsche Frauen profitieren offenbar bis heute von dem sozialistischen Frauenbild der DDR, in dem Kinder und berufliche Selbstverwirklichung zusammengehörten." So hat auch nur eine Minderheit der Ostdeutschen das Betreuungsgeld beantragt.

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Bildung

Der Anteil der Abiturienten an den Schulabgängern hat sich mit einer Quote von fast 40 Prozent angeglichen. Auffällig sind jedoch die guten Erfolge der Schulen im Osten bei den Pisa-Tests: Demnach sind an der Spitze des innerdeutschen Rankings fast ausschließlich die neuen Bundesländer zu finden. Besonders gut schneiden deren Schulen in den Naturwissenschaften und Mathematik ab. Die Autoren der Studie führen dies unter anderem auf den geringeren Anteil an Zuwanderern und höhere Bildungsausgaben zurück.

Verdienst

Unmittelbar nach der Wende erhielt ein ostdeutscher Durchschnittsverdiener nicht einmal die Hälfte des vergleichbaren West-Lohnes. Mittlerweile ist der Lohnabstand auf drei Viertel der Gehälter im Westen gesunken. Zuletzt stagnierte aber der Aufholprozess. In der Studie werden dafür viele Gründe genannt: das Fehlen großer Industriebetriebe mit guten Löhnen, die wenig verbreitete Bezahlung nach Tarifverträgen, die vielen atypisch Beschäftigten (Teilzeit, Leiharbeit, befristete Verträge).

Vermögen

Superreiche meiden den Osten. Die Autoren schreiben: "Gerade mal 20 der 500 reichsten Deutschen wohnen östlich der ehemaligen Grenzen, davon 14 in Berlin - zumeist im Westen der Stadt." Die frühere DDR ist nicht, wie einst Altkanzler Helmut Schmidt befürchtete, zu einem "Mezzogiorno ohne Mafia" geworden. Blühende Landschaften und üppiger Wohlstand sind aber eher selten. Im Westen beläuft sich das Pro-Kopf-Vermögen auf 153 200 Euro, wobei Spitzenverdiener den Durchschnitt stark nach oben treiben. Im Osten ist der Wert nicht einmal halb so groß.

Arbeitslose

Im Osten ist die Arbeitslosigkeit zuletzt stärker gesunken als im Westen. Das wird aber vor allem damit begründet, "dass in Ostdeutschland die Zahl der Erwerbspersonen seit 2008 um etwa 400 000 zurückgegangen ist". Dies sei "eine Folge der Abwanderung vor allem junger Menschen sowie des extremen Geburteneinbruchs zu Beginn der 1990er-Jahre".

Unternehmen

Keines der 30 größten Börsen-Unternehmen, das Mitglied im Deutschen Aktienindex (Dax) ist, hat seine Zentrale im Osten. Stattdessen wird Ostdeutschland bestimmt von kleinen und mittleren Firmen. Das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung sieht darin ein Problem: Um die Firmenzentralen seien Vertrieb, Forschung oder Marketing angesiedelt mit vielen hochqualifizierten und gut bezahlten Arbeitskräften. Für die Ost-Ableger bliebe lediglich "die mittlere Führungsebene". Auch Zulieferer siedelten sich so nicht an.

Konsum

Nur wenige Marken-Produkte aus dem Osten haben es in die westdeutschen Supermarktregale geschafft. Aber ob Rotkäppchen-Sekt, Spee-Waschmittel oder Bautz'ner Senf - diese Waren werden im Westen zunehmend beliebter.

Engagement

Beim Einsatz für das Gemeinwohl gibt es einen großen Graben. Im Osten engagiert sich nicht einmal jeder Dritte (30 Prozent) bei der Feuerwehr oder in einem Verein. Im Westen liegt dieser Wert bei 37 Prozent. Die Autoren führen dies auf das Erbe der DDR zurück, in der der Staat fast alles regelte.

Partnerwahl

Die Ost-West-Liebe scheint eher selten zu sein, wobei dies mit amtlichen Daten kaum festzustellen ist. Außerdem verorten sich viele gar nicht mehr so klar als Ossi oder Wessi - das sind für die Forscher schlicht "Wossis".

Ost und West in Zahlen

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