Studie über sexuelle Gewalt an Bildungseinrichtungen Alarmierend viele Verdachtsfälle in Deutschland

Zum ersten Mal liegen Zahlen vor, die eine Vorstellung von der Verbreitung sexueller Gewalt in deutschen Bildungseinrichtungen vermitteln. Die Studie des Jugendinstituts zeigt, dass in den vergangenen Jahren an fast jeder zweiten deutschen Schule ein Missbrauchsverdacht bekannt wurde. Noch viel dramatischer sieht es in Internaten und Heimen aus.

Von Lilith Volkert

Ein blondes Mädchen reißt ängstlich die Augen auf, ein Mann, der nur schemenhaft zu erkennen ist, presst ihr von hinten die Hand auf den Mund. Erst als erwachsene Frau schafft sie es, sich aus seinem Klammergriff zu befreien. Die Szene stammt aus einem kurzen Film, mit dem die Bundesregierung Missbrauchsopfer dazu ermutigen möchte, von ihren Erfahrungen zu berichten. Der Slogan: "Sprechen hilft".

Doch wenn man vermeiden möchte, dass weiterhin viele Kinder Opfer sexueller Gewalt werden, hilft nur Hinsehen - und Nachdenken: Wo findet Missbrauch statt? Wie kann man dagegen vorgehen? Nachdem Anfang 2010 die Misshandlung von Schülern in Heimen und kirchlichen Einrichtungen bekanntgeworden waren, hatte die Bundesregierung eine Studie zu sexueller Gewalt in Institutionen in Auftrag gegeben, die an diesem Mittwoch in Berlin vorgestellt wird. Zum ersten Mal liegen damit Zahlen vor, die eine Vorstellung von der Verbreitung sexueller Gewalt in Institutionen vermitteln.

Demnach ist in den vergangenen drei Jahren an fast jeder zweiten deutschen Schule mindestens ein Missbrauchsverdacht bekannt geworden. Betreuungseinrichtungen für Kinder und Jugendliche sind noch stärker betroffen: 82 Prozent der Heime und 69 Prozent der Internate hatten im selben Zeitraum mit mindestens einem Verdachtsfall zu tun. Unter den Betroffenen waren zu mehr als 70 Prozent Mädchen. Die Hälfte der Opfer war unter 14 Jahre alt.

Das zeigt eine Umfrage des Deutschen Jugendinstituts im Rahmen des Projekts "Sexuelle Gewalt gegen Mädchen und Jungen in Institutionen". Es ist die erste empirische Untersuchung, die sich detailliert mit sexueller Gewalt in deutschen Institutionen auseinandersetzt. Vor allem für Schulen gab es vorher keine Daten.

In mehr als 1100 Schulen, 100 Internaten und 300 Heimen befragte das Jugendinstitut Lehrer, Schul- und Heimleiter sowie die Mitglieder der Schülervertretungen in Internaten. Ausführliche Erfahrungen von Kindern und Jugendlichen wurden - bisher - jedoch außen vor gelassen.

Genau untersucht wurden die mutmaßlichen Täter: vier Prozent der Schulen, drei Prozent der Internate und zehn Prozent der Heime meldeten Übergriffe durch das Personal. Deutlich größer war der Anteil des Missbrauchs von Jugendlichen untereinander - bei 17 Prozent der Schulen standen Gleichaltrige unter Verdacht, in Internaten und Heimen waren es sogar 27 bzw. 38 Prozent. Die bedeutendste Rolle spielte jedoch sexuelle Gewalt außerhalb der Institution, also in der Familie oder dem Bekanntenkreis: Etwa ein Drittel der Schulen und Internate und fast die Hälfte der Heime hatten in diesem Zusammenhang einen Verdacht.

Dass in Heimen insgesamt deutlich mehr Verdachtsfälle gemeldet wurden als in Schulen und Internaten, führt das DJI auf die belastende Vorerfahrungen und Familienverhältnisse der Betroffenen sowie auf die intimere Atmosphäre zurück, in der Nähe leichter missbraucht werden kann.

Täglich rufen viele Betroffene an

Aufmerken lassen die Konsequenzen, die in der Regel aus den Verdachtsfällen gezogen wurde: In ungefähr der Hälfte der Fälle wurden Jugendamt oder Polizei eingeschaltet - allerdings nur, wenn der mutmaßliche Täter von außen kam. Wurde ein Lehrer oder Betreuer des Missbrauchs verdächtigt, hatte dies nur in knapp einem Drittel arbeits- oder strafrechtliche Konsequenzen für ihn.

Die meisten Übergriffe waren dadurch bekanntgeworden, dass sich das Opfer an einen Lehrer gewandt hat. Daher fordert das DJI, Pädagogen in Zukunft so zu schulen, dass sie Kindern das Signal aussenden, wirklich zu ihnen kommen zu können - und sie dann auch wissen, wie sie richtig auf Missbrauchsverdacht reagieren beziehungsweise wo sie sich professionellen Rat einholen können.

Die ehemalige Familienministerin Christine Bergmann (SPD), die sich seit März 2010 mit der Aufarbeitung der Fälle sexuellen Missbrauchs befasst, hat bei der Vorstellung der Studie mehr Wachsamkeit und besseren Schutz für Kinder gefordert. "Missbrauch ist kein Thema der Vergangenheit", sagte sie. Seit März 2010 haben sich mehr als 15.000 Betroffene bei der telefonischen Anlaufstelle der Missbrauchsbeauftragten gemeldet. Auch wenn Bergmanns Auftrag im Oktober offiziell endet, bleibt noch viel Arbeit. Täglich rufen weitere Opfer an. Weil: Sprechen hilft.