Studie über NS-Lager "Die Deutschen konnten sehen: Hier passieren schreckliche Dinge"

42.500 deutsche Gefangenenlager im Einflussbereich der Nazis - und damit deutlich mehr als bislang bekannt: Im Interview erklärt der Historiker Hartmut Berghoff, wie diese Zahl des United States Holocaust Memorial Museum zustande gekommen ist und warum in Zukunft noch weitere Lager entdeckt werden.

Von Oliver Das Gupta

Der Vernichtungsapparat der Nazis war viel größer als heute bekannt. Zu diesem Ergebnis kommt das Washingtoner Holocaust Memorial Museum in einer aktuellen Studie: 42.500 Lager gab es demnach im Einflussbereich der Nazis, mehr als bislang angenommen.

Hartmut Berghoff haben diese Ergebnisse genauso überrascht wie die Forscher selbst. Der 52-Jährige leitet das Deutsche Historische Institut in Washington D.C. Immer wieder widmet sich der Professor Themen des Nationalsozialismus. Momentan forscht er zu der Konsumgeschichte der braunen Diktatur. Berghoff schrieb schon im Jahr 2000 über das "lokale Erinnern" historischer Begebenheiten (Fritz K. Ein deutsches Leben im 20. Jahrhundert. DVA).

SZ.de: Ihre Kollegen vom United States Holocaust Memorial Museum kamen auf 42.500 deutsche Gefangenenlager - eine Zahl, die alles in der Forschung bislang Bekannte übersteigt. Hat all die Jahrzehnte vorher niemand nachgezählt?

Hartmut Berghoff: Es gibt inzwischen mehr Quellen, wie das Archiv des Internationalen Suchdienstes des Roten Kreuzes in Bad Arolsen, dessen Bestände erst seit 2008 eingehend ausgewertet werden. Dazu kommt noch die Art, wie man zählt. In diesem Fall greift eine sehr weite Definition von Lager.

Lager bedeutet in diesem Fall nicht Konzentrationslager.

Richtig. Von den KZs gab es etwa 980. Für die Enzyklopädie haben die Kollegen auch andere Lager mit einbezogen: Außenkommandos, Erziehungslager, Zwangsarbeitslager, Zigeunerlager, Durchgangslager und so weiter. Teilweise waren diese Lager relativ klein und bestanden nicht sehr lange. Manchmal existierten sie nur wenige Monate.

Inwiefern muss die Geschichte des Holocausts nun umgeschrieben werden?

Die große Anzahl der Lager hat uns alle überrascht, aber das Grauen der NS-Zeit wird dadurch nicht größer. Die Zahl der Opfer ändert sich ja nicht mit der Frage, ob sie in einem großen Lager oder mehreren kleinen Lagern gelitten haben. Was sich aber verändert hat, ist ein anderer Aspekt: Das Netz des braunen Terrors war viel enger geflochten, als wir bislang wussten. Die Deutschen implementierten ihr Lagersystem flächendeckend. Das ist ein wichtiger Befund.

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Ist die nach dem Krieg oft zur Schau gestellte Unwissenheit der Deutschen damit entlarvt?

1944 wird es in Deutschland kaum einen Ort gegeben haben, wo es nicht irgendeine Art von Lager gab. Das bedeutet aber nicht, dass alle Deutschen von der systematischen Vernichtung von Menschen in Auschwitz wussten. Übersehen werden konnten die NS-Opfer vor Ort aber nicht. Die Häftlinge gehörten zum deutschen Alltag.