Von Michael Tibudd

Jeder achte Deutsche muss mit maximal 850 Euro im Monat auskommen. Damit sind 13 Prozent der Bevölkerung von Armut bedroht. Unter ihnen 1,7 Millionen Kinder. Gespart wird bei Arztbesuchen und der Heizung. Die neuen Zahlen bestätigten einen besorgniserregenden Anstieg.

In Deutschland sind 10,6 Millionen Menschen und damit 13 Prozent der Bevölkerung von Armut bedroht. Unter ihnen befänden sich 1,7 Millionen Kinder, teilte das Statistische Bundesamt am Dienstag in Berlin mit. Als gefährdet gilt, wer mit 856 Euro in Monat auskommen muss.

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Für die Wissenschaftler sind Menschen von Armut bedroht, die mit 60 Prozent des mittleren Nettoeinkommens auskommen müssen. Dieses beträgt 1427 Euro, 60 Prozent entsprechen demnach 856 Euro.

Fehlende Bildung und ihre Folgen

Für eine Familie mit zwei Kindern unter 14 Jahren liege die Armutsgefährdungsgrenze bei 1798 Euro. Bei einer alleinerziehenden Mutter mit einem Kind unter 14 Jahren seien es 1113 Euro.

"Armutsrisiken sind vor allem Arbeitslosigkeit und fehlende Bildungsabschlüsse", sagte Walter Radermacher, Vizepräsident des Statistischen Bundesamts.

So liegt bei den Bundesbürgern ohne abgeschlossene Berufsausbildung der Anteil der Armutsgefährdeten bei 24 Prozent, bei denen mit Ausbildung sind es elf Prozent. Unter den Hochschulabsolventen sind nur acht Prozent von Armut bedroht. Nach Bevölkerungsgruppen aufgegliedert sind junge Alleinlebende bis 24 Jahre mit 53 Prozent am stärksten von Armut bedroht, Vollzeiterwerbstätige ohne oder mit einem Kind am wenigsten.

13.000 Haushalte befragt

Besonders gefährdet sind Menschen in den neuen Bundesländern. Dort liegt der Wert bei 17 Prozent der Menschen, in den alten Ländern bei zwölf Prozent. Das gilt für alle Altersgruppen - mit Ausnahme der Rentner: In den neuen Ländern sind elf Prozent der über 65-Jährigen von Armut bedroht, in der alten Bundesrepublik sind das 16 Prozent.

Die Zahlen sind das Ergebnis der Untersuchung "Leben in Europa", für die Behörden in 14 europäischen Ländern Menschen über ihre Einkommensverhältnissen befragt hatten. Das Statistische Bundesamt befragte 13.000 deutsche Haushalte.

Radermacher betonte, im Vergleich zu anderen europäischen Ländern sei die Gefahr von Armut in Deutschland unter dem Durchschnitt. In Irland, Portugal und der Slowakei liegt dieser Wert bei 21 Prozent, auch in Spanien (20) und in Italien (19) ist er deutlich höher.

Ähnlich wie in Deutschland ist er in Frankreich (14) und Österreich (13), niedriger ist die Armutsgefahr in den Ländern Skandinaviens sowie in Luxemburg (jeweils elf Prozent). Die Zahlen stammen jedoch aus den Jahren 2003 und 2004, bevor die deutschen Arbeitsmarktreformen in Kraft traten. "Wie sich die Hartz-Gesetze auf die Armutsgefahr auswirken, wird sich erst in der nächsten Studie in einem Jahr zeigen", sagte Radermacher.

Leben ohne Arzt

Die Studie untersuchte auch die Folgen der Armutsgefahr auf das Leben der betroffenen Menschen. Mehr als jeder Fünfte aus dieser Gruppe geht demnach aus finanziellen Gründen bei Krankheit nicht zum Arzt, bei den Bessergestellten waren das nur sieben Prozent.

56 Prozent haben das Gefühl, sich keinen Urlaub leisten zu können - bei den Ungefährdeten sind das nur 16 Prozent. 14 Prozent beheizen ihre Wohnung nicht ausreichend, weil sie Geld sparen wollen. Dergleichen tun nur drei Prozent der übrigen Bevölkerung.

Der Paritätische Wohlfahrtsverband bezeichnete die Zunahme von Armut in Deutschland als alarmierend. Die neuen Zahlen des Statistischen Bundesamtes bestätigten einen besorgniserregenden Anstieg, sagte die Verbandsvorsitzende Barbara Stolterfoht in Berlin. Die Armut sei mittlerweile weiter gestiegen.

Bereits Anfang Oktober hatte SPD-Chef Kurt Chef Beck gewarnt, in Deutschland gebe es ein wachsendes "Unterschichten-Problem". Anlass der Äußerung Becks war eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung, die zu dem Ergebnis gekommen war, dass acht Prozent der Deutschen am Rand der Gesellschaft leben.

In Ostdeutschland sollen es mehr als dreimal so viele sein. Beck hatte gesagt, "manche nennen es ,Unterschichten-Problem'". Er löste damit eine Debatte über den von vielen als diskriminierend empfundenen Begriff "Unterschicht" und die Ursachen von Armut aus.

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(SZ vom 6.12.2006)