Streitkultur Was hinter den deutschen Debatten steht

Hinter der Sexismus-Debatte steht ein Ruck im Kampf um Gleichberechtigung.

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Rassismus, Antisemitismus, Sexismus - Deutschland streitet auf allen traditionellen und neuen Medienkanälen. Leider fehlt oft das Feingefühl, dafür gibt es viel Empörung und Dünkel. Dabei verbirgt sich hinter allen drei Debatten viel mehr als in Talkshows und Kommentaren verhandelt wird.

Ein Kommentar von Andrian Kreye

Es gibt gerade einen auffälligen Debattenstau in Deutschland. Da geht es um Antisemitismus, um Rassismus und Sexismus. Gestritten wird auf allen traditionellen und neuen Medienkanälen. Nun könnte man die drei Diskurse jeden für sich mit einer einfachen Grundregel der Höflichkeit beiseitefegen: Es geht nie darum, wie man Ressentiments definiert, sondern wie sie empfunden werden.

Da mangelt es in Deutschland oft an Feingefühl. Einer der Höhepunkte war die Verlautbarung der ARD, mit der sie einen Auftritt ihres Literaturkritikers Denis Scheck verteidigte, der schwarz geschminkt und mit weißen Handschuhen gegen die Tilgung rassistischer Wörter aus Kinderbuchklassikern argumentierte. So ein Aufzug steht in der Tradition des "Blackface", einer rassistischen Tölpelei aus dem amerikanischen Revuetheater des 19. Jahrhunderts. Da gibt es nichts schönzureden. Da hilft auch der Verweis der ARD auf die "Othello"-Inszenierung von 1976 nicht, bei der Ulrich Wildgruber in Hamburg schwarz geschminkt auftrat.

Doch Empörung und Dünkel sind publizistische Anabolika, die jede Debatte verzerren. Dabei verbirgt sich hinter allen drei Debatten viel mehr als in Talkshows und Kommentaren verhandelt wird.

"Die kleine Hexe" ist Synonym für eine innere Leitkultur

Das gilt für die Antisemitismus-Debatte, die mit dem Streit um Günter Grass' israel-kritisches Gedicht in dieser Zeitung begann, die sich durch den Streit um das Beschneidungsurteil von Köln zog und in der Verwunderung über die Platzierung von Jakob Augsteins Spiegel-Online-Kolumnen auf der Liste der schlimmsten antisemitischen Zitate des Jahres 2012 gipfelte. Dahinter steht die Verteidigung ressentimentgeladener Gedankenlosigkeit genau jener gebildeter Stände, die den pädagogischen Antifaschismus so verinnerlicht haben, dass sie glauben, gegen Ausrutscher immun zu sein.

Hinter dem Streit um die rassistischen Wörter in Kinderbuchklassikern steht der Widerwille, mit dem Demografiewandel Deutschlands umzugehen. Immerhin sind inzwischen schon 20 Prozent aller Bewohner nicht mehr deutscher Herkunft. Otfried Preußlers "Die kleine Hexe" ist da Synonym für eine innere Leitkultur, die nicht auf Veränderungen reagieren will.

Hinter der Sexismus-Debatte wiederum steht ein Ruck im Kampf um Gleichberechtigung. Jeder Bürgerrechtskampf verläuft in drei Phasen. Zunächst muss sich die Mehrheit der Gesellschaft einig sein, dass sie eine Diskriminierung nicht mehr duldet. Das zwingt die Politik, die rechtlichen Grundlagen für Gleichberechtigung zu schaffen. Danach beginnt die schwierigste Phase - der Kampf um die wirtschaftliche Gleichberechtigung.