Von Nico Fried

Versöhnlich im Ton, hart in der Sache: Wolfgang Clement bedauert und beschimpft zugleich - und zeigt außerdem, was der SPD fehlt.

Wolfgang Clement hat ein bemerkenswertes Kunststück hingekriegt: Mit seiner Bonner Erklärung ist er ein Stück auf die SPD zugegangen und zugleich ein Stück von ihr weg. Clement hat sich bemüht, dem Bild eines Sturkopfes entgegenzuwirken, und es zugleich neu lackiert.

Wolfgang Clement, AP

Worte des Bedauerns gegenüber Genossen der Basis und ein Generalangriff auf Kurt Beck: Wolfgang Clement bei seiner Bonner Erklärung. (© Foto: AP)

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Er möchte unbedingt Mitglied einer Partei bleiben, an deren gegenwärtiger Politik er allerhand auszusetzen hat. Manche von denen, die jetzt für Clement sprechen, weil sie eine Blamage der SPD verhindern wollen, werden ganz sicher nicht nur Freude an ihm haben, sollte ihr Wunsch in Erfüllung gehen.

Zwei Botschaften hinterließ Clement vor idyllischer Fluss-Kulisse. Er hat sich, erstens, Worte des Bedauerns gegenüber jenen Genossen vor allem an der Basis abgerungen, denen er in Hessen mit seiner Attacke im Wahlkampf in die Kniekehlen trat. Das war ein sehr kleiner Schritt für die Menschheit, aber ein großer für einen wie Clement.

Er hat diese, nun ja, Entschuldigung allerdings auch gleich wieder abgeschwächt: Nachdem er weiter die Haltung vertritt, er habe gar nicht zum Wahlboykott der SPD aufgerufen, kann sein Bedauern logischerweise nur jenen gelten, die ihn aus seiner Sicht missverstanden haben. Und Andrea Ypsilanti gilt es schon gar nicht.

Generalangriff auf die Parteispitze

Der zweite Teil von Clements Erklärung war freilich für seine Partei noch sehr viel unangenehmer: Seine Bestandsaufnahme der SPD und ihrer politischen Richtung kam einem Generalangriff auf Kurt Beck und den Rest der Parteispitze gleich.

Im Umgang mit der hessischen SPD und ihren Regierungsplänen mit der Linken forderte Clement ein letztgültiges Mitspracherecht der Bundespartei, mithin das glatte Gegenteil von dem, was Beck im Frühjahr beschließen ließ. Clement kritisierte das Zurückdrehen der Agenda 2010, das auch die stellvertretenden Parteivorsitzenden Steinbrück und Steinmeier abnickten. Und die Energiepolitik hält er selbstredend für grundfalsch und nicht mehr zeitgemäß.

Vor allem aber kann ein Parteifreund, der für die Sozialdemokratie eine "neue Grundlage" fordert, schwerlich ein Freund des Parteichefs Kurt Beck sein, der die SPD vor drei Tagen als "die inhaltlich am klarsten aufgestellte Partei in Deutschland" bezeichnet hat. Während Beck im Fall Clement keinen Richtungsstreit sehen will, beharrt dieser darauf, dass es genau darum geht. Der Winkel, in dem Clement zur offiziellen Parteilinie steht, beträgt also exakt 90 Grad.

Sein Auftritt hat aber - und das nicht zuletzt - auch gezeigt, was der SPD derzeit fehlt: Ein unbequemer, eloquenter und temperamentvoller Kopf auf der rechten Seite.

Schröder ist weg, Müntefering nicht da, Steinbrück könnte es sein, stellt aber zu oft Kompromiss vor Konflikt - und Steinmeier wird zwar als Kanzlerkandidat gehandelt, aber nicht, weil man wüsste, was er eigentlich will. Wolfgang Clement hat bei seiner genüsslich zelebrierten Pressekonferenz einen Blick auf den schönen Rhein gewährt - und in ein großes Loch der SPD.

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(SZ vom 08.08.2008/hai)