Ein Kommentar von Stefan Braun

In der Krise wirkt das Gezeter von Union und SPD wie ein Ritual aus vergangenen Zeiten. Wer soll der Koalition glauben, wenn sich die Partner dermaßen schlechtmachen?

In New York gibt es eine neue Redensart. Sie drückt aus, wie sehr sich die Welt verändert hat nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers. Vor dem Ende der US-Investmentbank im September 2008 - dem Beginn der Weltfinanzkrise - blühte das Edle und Teure. Wer in der Luxuswelt der Wall Street etwas sein wollte, zeigte ungehemmt seinen Reichtum. Nach dem Crash ist davon nicht viel geblieben. Selbst wer einen Rolls Royce in der Garage hat, zeigt sich nur noch mit spritsparendem Kleinwagen. Das ist keine Kleinigkeit, es ist ein Kulturbruch.

Bild vergrößern

Durchhalten bis zum Schluss - die Frage ist nur, wie: Angela Merkel und Franz Müntefering. (© Foto: AP)

Anzeige

Wer sich nicht an die Bescheidenheit hält, dem wird zugerufen, "it's so August", was er da treibe, er sei aus einer Zeit vor dem September, überholt und von gestern. Schaut man auf das Gezeter der letzten Tage in der Koalition, muss man Union und SPD das Gleiche vorwerfen. "It's so August", was die machen, um zu punkten. In einer großen Koalition ist ein solches Verhalten stets gefährlich. In einer Weltwirtschaftskrise - die Regierung selbst spricht von der schwersten in den letzten Jahrzehnten - trägt es die Züge eines versuchten politischen Selbstmords.

Eine Koalition, die sich beharkt, während sie vorgibt, in größter Gewissenhaftigkeit Enteignungsgesetze, staatliche Bürgschaften und mögliche Beteiligungen abzuwägen, verspielt die wichtigsten Qualitäten, die sie in der Krise zu bieten hat: Glaubwürdigkeit und Vertrauen. Wer soll ihr glauben, wer ihr vertrauen, wenn sich die Partner selbst dermaßen schlechtmachen?

Während sich Union und SPD kaum noch ertragen, müssen sie in den nächsten Monaten gemeinsam immer schwierigere Entscheidungen treffen - sei es bei Opel, Schaeffler oder bei der Rettung weiterer Banken. Das verlangt nach Kooperationsbereitschaft, nicht Streitlust. Man kann den Menschen nicht sagen, dass die Krise viel Anpassungsfähigkeit erfordert, wenn man nicht selbst zu Änderungen bereit ist.

Erschreckend dabei ist, wie die Regierungsparteien das Offensichtliche ignorieren. Ein Konflikt in der Koalition könnte sich nur lohnen, wenn eine Volkspartei von der Schwäche der anderen profitieren würde. Das aber ist seit Jahren nicht mehr der Fall. Es war nicht so in Hessen, es war nicht so in Bayern. Es ist seit Beginn der Koalition nicht so beim Blick auf die Meinungsumfragen. Sich gegenseitig schlechtzumachen, ist deshalb die beste Strategie, um alle anderen Parteien zu stärken.

Zurzeit wird dadurch mit der FDP ausgerechnet jene Partei befördert, die noch immer die alte reine Lehre vertritt, als habe die Wirtschaftskrise gar nichts verändert. So entsteht die absurde Situation, dass eine Koalition, die sich von alten Ritualen nicht lösen mag, eine Partei befördert, die nur verstaubte Rezepte bietet. Die Kanzlerin immerhin hat das verstanden. Wenn ihr Auftritt bei Anne Will am Sonntagabend eine Botschaft hatte, dann diese. Zum Vorteil aber wird das erst, wenn es auch ihre Leute kapieren. Der Waffenstillstand vom Montag ist nicht mehr als ein Anfang.

Leser empfehlen 

(SZ vom 24.03.2009/akh)