Stuttgart 21 Bezahltes Gezwitscher?

Mit der gleichen Argumentation wehrt sich die Agentur PR-Spezialisten gegen Astroturfing-Vorwürfe. Über den Firmenaccount hatten Mitarbeiter bitterböse Kommentare zu den Ausschreitungen am vergangenen Donnerstag getwittert: "S21: Robin Wood, Park-Stasi und Öko-Taliban treten die Demokratie in Stuttgart mit Füßen. Bitte spülen & räumen!"

Im Interview mit dem Internet-Sender on3radio des Bayerischen Rundfunks wies Geschäftsführer André Paris Vorwürfe zurück, für diese Posts bezahlt worden zu sein: "Wir werden selbstverständlich nicht bezahlt", so der Werbefachmann. "Wenn wir dafür bezahlt werden würden, würden wir zu ganz anderen Mitteln greifen, das nicht so transparent und über unseren Firmen-Twitter machen."

Verdächtigungen, die bei Metronaut gegen die Werbefirma Scholz & Friends erhoben werden, scheinen ebenso ins Leere zu laufen - auch wenn die Domain Das neue Herz Europas, eine Seite der Projektträger, noch immer auf den Namen der Agentur eingetragen ist. Seit eineinhalb Jahren habe man nichts mehr mit Stuttgart 21 zu tun, heißt es in der Hamburger Zentrale der Kreativfirma. Auch die Behauptung, die Agentur direktzu, Betreiber der Tochter-Plattform direktzustuttgart21, agiere im Auftrag von Scholz & Friends, wird dort entschieden zurückgewiesen.

Das Hautproblem von Astroturfing ist auch der Grund, warum Branchenverbände wie der Deutsche Rat für Public Relations solche Undercover-PR ablehnen: Sie ist kaum nachweisbar und nur sehr schwierig zu belegen.

"Es gibt nur anekdotische Beweise", sagt Ulrich Müller, Vorstand der lobbykritischen Initiative Lobby Control. "Einschätzungen aus der PR-Branche zufolge sind solche Praktiken aber durchaus verbreitet. Im Straßenbau etwa werden genuine Bürgerinitiativen für Umgehungsstraßen im Hintergrund von der Asphalt- und Baulobby unterstützt", berichtet Müller: "Deren Lobbyorganisation übernimmt dann zum Beispiel Druckkosten oder vermittelt Kontakte in die Ämter."

PR-Skandal bei der Bahn

Zum Astroturfing gehören verdeckte Geldströme. Erst im vergangenen Jahr wurde bekannt, dass auch die Deutsche Bahn solche Dunkelfinanzen genutzt hatte. Wie der Konzern nach Recherchen von Lobby Control nachträglich zugab, führte die Bahn 2007 verdeckte PR-Strategien durch: Sie versuchte, mit scheinbar echten Leserbriefen, Forenbeiträgen und Zeitungsartikeln für das Unternehmen gute Stimmung zu machen.

Der Etat für diese sogenannten No-Badge-Aktivitäten belief sich auf 1,3 Millionen Euro. Der verantwortliche Marketing-Mann musste gehen, Bahnchef Rüdiger Grube versicherte, von solchen zweifelhaften Strategien in Zukunft Abstand zu nehmen. "Diese Form der PR-Maßnahmen lehne ich entschieden ab", sagte er.

Die Affäre war einer der seltenen Fälle, in denen unlautere, verdeckte PR-Strategien nachgewiesen wurden. "Im Fall von Stuttgart 21 sehe dafür im Moment keine eindeutigen Belege", so die Einschätzung des Transparenz-Aktivisten Müller. "Aber man tut gut daran, die Sache im Auge zu behalten." Interessant sei schon, dass einige der Pro-Stuttgart 21-Aktivisten aus dem PR-Umfeld kämen.

PR-Profis gibt es nicht nur auf der Befürworterseite: Hinter der Kampagne K21 etwa steht die Event-Agentur rbw von Rainer Benz. Gemeinsam mit seinem Team hat er das lindgrüne Logo der Pro-Kopfbahnhof-Bewegung gestaltet, organisiert Proteste und bewirbt Kundgebungen. Auch er stand bereits unter dem Verdacht, für seinen Einsatz bezahlt zu werden.

Es fließe aber kein Honorar, beteuerte der Stuttgarter PR-Profi im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. "Das ist für uns selbstverständlich. Die anderen sitzen vor dem Bahnhof, wir leisten unseren Beitrag in der Agentur."

Sicher wird sich kaum sagen lassen, wo genau die Grenzen zwischen Bezahlung und Spenden verlaufen, wo der Unterschied zwischen Eigeninteresse und Engagement für das Gemeinwohl zu ziehen ist. Sicher nur: Die Vorwürfe zeigen, dass in Stuttgart mit zunehmend härteren Bandagen gekämpft wird - auch virtuell.

Deutschland, einig Protestiererland

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