Dänemark hatte noch eigenmächtig beschlossen, wieder Kontrollen an den Grenzen einzuführen. Jetzt will die EU-Kommission den Mitgliedstaaten diese Entscheidungshoheit entziehen. In der Bundesregierung hegt man offene Sympathien für die Pläne aus Brüssel. Nur Bundesinnenminister Friedrich ist empört - und kündigt Widerstand an.
Die Reformpläne für die Kontrolle des Grenzverkehrs in der Europäischen Union liegen noch nicht auf dem Tisch, da scheinen sie schon Makulatur zu sein. Denn der deutsche Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) lehnt rundweg ab, was die für die europäische Innenpolitik verantwortliche Brüsseler Kommissarin Cecilia Malmström am kommenden Freitag vorlegen will. Der seit Tagen zirkulierende Entwurf Malmströms läuft faktisch darauf hinaus, dass die Mitgliedsländer ihr bisheriges Recht an die Kommission abtreten sollen, im Schengen-Raum unter bestimmten Bedingungen zeitweise wieder Grenzkontrollen einführen zu dürfen.
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Bisher entscheidet jeder Staat selbst, wenn er das Schengen-Abkommen kurzzeitig aussetzen will. Das will die EU-Kommission jetzt ändern. (© Rolf Haid)
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Man werde daran festhalten, dass dieses Recht "national" bleibt und es auf keinen Fall "an die Kommission abgeben", hieß es am Montag im Innenministerium in Berlin dazu. Friedrich hatte sich am Wochenende in Interviews scharf gegen die Brüsseler Pläne gewandt. Die "Frage der Sicherheit sei eine Kernaufgabe des Staates" und die werde er "weder auf andere übertragen noch eine Aushöhlung unserer Kompetenzen akzeptieren", sagte er der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
Konflikt im Auswärtigen Amt
Damit steuert Friedrich auf einen offenen Konflikt in der Bundesregierung zu. Denn im Auswärtigen Amt gibt es offensichtlich Sympathien für die Vorschläge der Kommission. Staatsminister Werner Hoyer (FDP) etwa begrüßte die Pläne, kaum dass sie in der vergangenen Woche bekannt geworden waren. Die Kommission zeichne einen "guten Weg vor, wie wir den Vertrag von Schengen schützen und stärken können".
Unterstützer findet Malmström vor allem im Europäischen Parlament. So bezeichnete der stellvertretende Vorsitzende der EVP-Fraktion Manfred Weber (CSU) die Vorschläge als "sinnvoll". Das von der Kommissarin vorgeschlagene Modell sei "differenziert genug, um den praktischen Notwendigkeiten der Mitgliedstaaten Rechnung zu tragen". Auch Brigitte Sippel von der SPD glaubt, dass die Kommission "in die richtige Richtung" geht.
Mit dem barschen Nein des deutschen Innenministers sind die Chancen allerdings stark gesunken, dass Malmström die Pläne in ihrer derzeitigen Form durchbringt. Um die Schengen-Regeln zu ändern, bedarf es im Rat der Innen- und Justizminister zwar nur einer qualifizierten Mehrheit. Aber europäische Diplomaten gehen davon aus, dass neben Deutschland auch Frankreich sowie etliche andere Länder Einspruch erheben werden.
Kontrolle bei Großereignissen
Denn Malmström will nicht weniger, als dass künftig die Kommission darüber entscheidet, ob ein Mitgliedsland temporäre Grenzkontrollen wieder einführen darf. Nach geltenden Regeln ist es so, dass jedes Land, wenn es eine Bedrohung für seine öffentliche Ordnung und innere Sicherheit befürchtet, zeitweise wieder Grenzkontrollen einführen kann. Diese Regel wird vor allem bei sportlichen Großereignissen wie etwa Weltmeisterschaften angewandt, um gewalttätige Hooligans schon an der Grenze abzufangen. Oder bei internationalen Gipfeltreffen, für die erhöhte Sicherheit gilt.
Nachdem Frankreich diese Regel im Frühjahr auch benutzt hatte, um tunesische Flüchtlinge an seiner Grenze nach Italien abzufangen, die Rom entgegen den Schengen-Regeln nach Norden weiterschicken wollte, und nachdem Dänemark regelmäßige Grenzkontrollen eingeführt hatte, hatten die Staats- und Regierungschefs die Kommission mit einem Reformvorschlag beauftragt, um die Regeln zu präzisieren und ein Höchstmaß an kontrollfreiem Reisen zu ermöglichen.
Sonderregelungen bei Terroranschlägen
Der Vorschlag der Kommission sieht im Kern folgendermaßen aus: Ein Mitgliedsland, das Kontrollen durchführen will, bittet die Kommission um Zustimmung. Lehnt die Kommission ab, ist der Fall erledigt. Stimmt sie zu, dann bedarf es noch einer qualifizierten Mehrheit in einem "Prüfausschuss", der von den Mitgliedsstaaten besetzt wird. In der Regel müssen Kontrollen 60 Tage vor dem Ereignis beantragt werden. In Ausnahmefällen kann diese Frist aber verkürzt werden.
Um den Mitgliedsstaaten entgegenzukommen, hat Malmström eine Ausnahme eingefügt: In Notfällen dürfen sie ohne Genehmigung Brüssels ihre Grenzen kontrollieren, aber nur höchstens fünf Tage lang. Unter Notfälle zählt man in Brüssel Terroranschläge, aber auch Naturkatastrophen oder Atomunfälle, die größere Fluchtbewegungen auslösen könnten. Im Übrigen möchte die Kommission zukünftig auch mit "unangemeldeten Kontrollen" in den Mitgliedsstaaten sicherstellen, dass sich alle an die Regeln von Schengen halten.
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(SZ vom 13.09.2011/fka/hai)
Szene München
Mit Verlaub, der Innenminister ist ein Depp.
Es gibt so viele Grenzübertrittsmöglichkeiten und so wenig Grenzer, dass die Idee einer souveränen Grenze einfach Unfug ist.
Und was soll denn eigentlich eine nationale Bedrohung sein, die nicht auch unsere Nachbarn betrifft?
Man muss wohl Bayer sein, um so provinziell zu denken.
Seit die Schweiz das Schengener-Abkommen mitunterzeichnet hat, ist hier die Kriminalität statistisch nachweisbar erheblich gestiegen – vor allem im Bereich organisiertes Verbrechen.
Dies liegt daran, dass Kriminelle, bei weitem nicht nur, aber doch überwiegend, aus nicht europäischen Ländern in den Euroraum eindringen können, wie Wasser durch ein Sieb - üblicherweise als Touristen, nicht selten aber auch als Asylanten. Und sind sie einmal auf Euro-Territorium, können sie sich - im Gegensatz zu früher, als sie z.B. für den Eintritt in die Schweiz noch ein Visum brauchten - aus Italien, Spanien und den ehemaligen Ostblockländern her kommend, ungehindert im gesamten Euroraum bewegen und ihr Unwesen treiben.
Kommt hinzu, dass sie, wenn sie denn erwischt werden, bei uns auf Kosten der Steuerzahler zuerst eine Ewigkeit sitzen, weil das Dublin-Abkommen von denselben Brüsseler-Beamten nicht durchgesetzt wird, bevor sie dann wieder freikommen und am nächsten Tag bereits wieder einen Einbruch begehen.
Die Politiker, damals, vor dem Ankommen, in der EU wie auch in der Schweiz, haben uns mit dem Beitritt zum Schengen-Abkommen mehr Sicherheit versprochen. Heute wissen wir, dass genau das Gegenteil stattgefunden hat – das gilt ohne den geringsten Zweifel auch für die EU.
Ich gratuliere deshalb den pragmatischen Dänen und kann die Deutschen nur ermutigen, ihre Politiker aufzufordern, ihren primären Auftrag wahrzunehmen: Nämlich die Interessen der eigenen Bevölkerung und nicht die eines undurchsichtigen, unkontrollierten, überteuerten, und letztendlich utopischen Molochs namens Vereinigte Staaten von Europa.
Querschläger: "Die EU-Führung ist nicht demokratisch legitimiert"
Wirklich ?
Ich dachte immer, bei der Europawahl würde das EU-Parlament gewählt, und auch alle anderen Positionen würden durch die von uns gewählten Volksvertreter in Absprache miteinander besetzt.
Oder meinen Sie mit "demokratisch", dass man nur Sie persönlich fragt ?
@pedrico: "an die deutsch-tschechische Grenze fahren und sich mit den Bewohnern über [...] Rauschgifthandel informieren"
Tschechien könnte ja trotzdem bei der EU beantragen, seine Grenzen zu Bayern stärker zu kontrollieren, um den Drogenhandel zu erschweren.
Es könnte es eben nur nicht mehr rein aus populistischen Gründen ...
dww
"Dänemark hatte noch eigenmächtig beschlossen, wieder Kontrollen an den Grenzen einzuführen. Jetzt will die EU-Kommission den Mitgliedstaaten diese Entscheidungshoheit entziehen."
Lieber Herr Winter,
mit dieser Formulierung tragen Sie das Ihre zur Wahrnehmungsverzerrung im Hinblick auf die EU und die Kompetenzen der europäischen Institutionen bei.
Sie sollten es als Brüssel-Korrespondent wissen, dass die Kommission rein gar nichts "entziehen" kann. Und das Beschneiden von Entscheidungshoheiten der Mitgliedstaaten ist überhaupt nicht möglich.
Die Kommission hat lediglich das Vorschlagsrecht und kann damit Initiative ergreifen und Änderungsvorschläge auf die Agenda setzen.
Jeder von diesen Initiativen muss allerdings von den Mitgliedstaaten bzw. von dem Rat, in dem die Vertreter der Regierungen sitzen, zugestimmt werden: mit einfachen, qualifizierten Mehrheiten oder einstimmig - je nach dem in welchem politischen Bereich. Der Prozess der Konsensfindung beginnt schon auf der untersten Ebene in den sogenannten Komitologie-Ausschüssen.
Und wenn es um eine Änderung der geltenden EU-Verträge geht, und das wäre hier der Fall, müssen alle Mitgliedstaaten einverstanden sein - hier gilt das Einstimmigkeitsprinzip.
Mit der Formulierung: "Jetzt will die EU-Kommission den Mitgliedstaaten diese Entscheidungshoheit entziehen" erweckt die SZ, wer auch immer in der SZ-Redaktion die Schlagzeilen schreibt, den Eindruck, es wird in Brüssel über die Interessen der Nationalstaaten hinweg entschieden, was aber NICHT stimmt.
Und da viele Leser sich nur die Schlagzeilen einprägen, weil sie keine Zeit oder keine Lust haben, den ganzen Artikel zu lesen, trägt die SZ dazu bei, dass die Einstellung der Bevölkerung gegenüber der europäischen Integration immer negativer wird.
Friedrich darf doch noch nach Dänemark. Also ab !
Paging