Ein Kommentar von Frank Nienhuysen

Im Streit um den geplanten Raketenschild steuerten die USA und Russland im atemberaubendem Tempo auf eine Konfrontation zu, die jetzt erst einmal entschärft ist. Putins Vorschlag einer gemeinsamen Raketenabwehr ist zwar noch nicht ausgereift, führt aber endlich zu rhetorischer Abrüstung.

Wladimir Putin kann sich auf ein schönes Wochenende freuen. Daheim in Russland dürften seine Anhänger stolz miterlebt haben, wie ihr Präsident die Welt mit einem pfiffigen Vorschlag zum Raketenabwehrsystem überrascht hat. Und auch für den serbischen Präsidenten Vojislav Kostunica, den der Kremlchef nun in St.Petersburg treffen will, hat Putin noch ein hübsches Mitbringsel dabei. Denn eine schnelle Abstimmung im UN-Sicherheitsrat über eine Unabhängigkeit des Kosovo wird es wohl nicht geben. Das hat Russlands Präsident mit einer Veto-Drohung den G-8-Kollegen abgerungen. Nach einer Phase galliger Tiraden bewies Putin nun also auch einmal sein diplomatisches Geschick. Und die Welt ist wieder deutlich entspannter.

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In atemberaubendem Tempo steuerten zuletzt Russland und Amerika gleichzeitig auf zwei Konfrontationen zu, die jetzt erst einmal entschärft sind. Russland hatte sich in der Kosovo-Frage seit langem schon zum Schutzpatron der Serben erklärt. Wer deshalb gegen Moskaus Willen im UN-Sicherheitsrat eine vorschnelle Abstimmung für die Unabhängigkeit des Kosovo erzwingt, der muss mit einem russischen Veto rechnen - ein unnötiger Akt von Brachialpolitik, der niemandem hilft. Auch der Raketenstreit wurde zunehmend mit scharfer rhetorischer Munition geführt; vor allem Moskaus finstere Drohungen, mit Raketen demnächst auf Europa zu zielen, erschreckte die Welt. Aber Druck erzeugt Gegendruck, so läuft in den Augen des Kremls nun mal das realpolitische Geschäft. Russland jedenfalls hat damit klar gemacht, dass seine Großmacht-Ambitionen auf drei Säulen beruhen: der Energiepolitik, seiner Macht als Vetostaat im UN-Sicherheitsrat und der atomaren Abschreckung.

Gegen den Willen Moskaus können selbst die USA keine Politik machen. Dies ist eine der zentralen Botschaften, die Russland vermitteln wollte, nach vielen Demütigungen in den vergangenen Jahren. Und diese Kreml-Psychologie scheint der Westen inzwischen zu verstehen. Wohlwollend reagierte Washington auf Putins Raketenvorschläge, und die Europäer signalisierten eine Verschiebung in der Kosovo-Frage. Durchgesetzt hat sich Moskau damit noch nicht. Irgendwann muss auch der unhaltbare Status der Albaner-Provinz Kosovo geklärt werden - und über den Raketenschild wird man auch in Zukunft hartnäckig debattieren. Nur, der Konflikt zwischen Russland, den Europäern und Amerika wird versachlicht, die Regierenden reden wieder miteinander, statt einander zu drohen. Nichts symbolisiert dies mehr als jene Gipfel-Szene, als der Franzose Nicolas Sarkozy beim Spaziergang in Heiligendamm Putin mitten im Gespräch sein Handy reichte.

Insbesondere die Europäer können angesichts der neuen russisch-amerikanischen Diplomatie fürs Erste erleichtert sein. Für oder gegen die US-Raketenpläne, für oder gegen Appeasement in der Russland-Politik - dies waren zuletzt für viele EU-Staaten die unangenehmen Alternativen gewesen, und sie bargen gefährliches innereuropäisches Spaltpotential. Nun können die Europäer im Schatten eines Dialogs zwischen Washington und Moskau in Ruhe ihre vermittelnden diplomatischen Stärken ausspielen.

Vor allem das Thema Raketenabwehr ist bei genauem Hinsehen den Rückfall in den Kalten Krieg nicht wert. Putin hatte der Regierung in Washington vorgeworfen, ihren Einflussbereich immer weiter in die russische Nachbarschaft auszudehnen. Nun aber lädt der russische Präsident mit seinem Vorschlag einer gemeinsamen Radaranlage in Aserbaidschan die Amerikaner quasi selber in die eigene Nachbarschaft ein. Auch dass von Iran tatsächlich eine Gefahr ausgehen könnte, erkennt Putin damit an und widerspricht so seiner eigenen Argumentation aus den vergangenen Wochen. Die USA sollten die Chance eines neuen Dialogs ergreifen - und den Aserbaidschan-Vorschlag ernsthaft prüfen.

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