Streit um Kirchner-Erbe Argentiniens Präsident stört der Hype um den Kirchner-Clan

Mitte Oktober 2013 vor den Wahlen sind T-Shirts mit dem Konterfei Kirchners beliebt. Der aktuelle argentinische Präsident Mauricio Macri will Schluss machen mit dem Hype um den Kirchner-Clan. Mittlerweile sind mehr als 1300 öffentliche Gebäude und Orte nach Néstor Kirchner benannt.

(Foto: David Fernández/dpa)

Cristina Kirchner hat das halbe Land nach ihrem Liebsten Néstor Kirchner benannt. Ihr Nachfolger, Mauricio Macri, plant nun ein Umtauf-Gesetz.

Von Boris Herrmann

Wenn Mauricio Macri aus dem Fenster des argentinischen Präsidentenpalasts Casa Rosada schaut, dann sieht er einen neoklassizistischen Prachtbau. An der Fassade steht in großen Buchstaben der Name eines seiner Vorgänger: "Centro Cultural Kirchner", benannt nach dem Linksperonisten Néstor Kirchner. Das Nachbarhaus hat eine Nutzfläche von mehr als 100 000 Quadratmetern, es gilt als das größte Kulturzentrum Lateinamerikas. Kritiker sagen, in Wahrheit sei es eine von den Steuerzahlern finanzierte Ruhmeshalle für den Kirchner-Clan. Einer dieser Kritiker ist Präsident Macri selbst.

In der Tat hat der frisch renovierte Kulturpalast für Macris rechtskonservative Regierung zentrale Bedeutung. Er hat dort US-Präsident Barack Obama empfangen. Außerdem hat er ein Investitionsforum ausgerichtet, das sich damit beschäftigte, die Politik eben dieses Néstor Kirchner zu revidieren, nämlich die wirtschaftliche Abschottung Argentiniens, die der linke Präsident und später seine Witwe Cristina betrieben hatten. Klar, dass Macri der Name des ideologischen Gegners an der Fassade nicht gefiel. Jetzt soll das Gebäude in "Palast der Zweihundertjahresfeier" umbenannt werden. Argentinien ist seit 200 Jahren unabhängig.

Es geht um die Korrektuer eines Systems

Damit geht der Kulturkampf zwischen dem seit elf Monaten regierenden Macri und seiner Vorgängerin Cristina Kirchner in die nächste Runde. Als Präsidentin hatte sie das Gebäude erst im Mai 2015 nach ihrem verstorbenen Ehemann benannt. Zuvor trug es den unverfänglichen Namen "Correo Central", Hauptpost.

Für Macri geht es nicht um einen Einzelfall, sondern um die Korrektur eines Systems. Die Witwe Kirchner hat in ihrer achtjährigen Amtszeit ganze Arbeit geleistet. Das halbe Land taufte sie auf ihren Liebsten, der 2010 einem Herzinfarkt erlegen war. Laut der aktuellen Regierung gibt es 1300 öffentliche Gebäude und Orte, die Néstor Kirchner gewidmet sind, darunter Krankenhäuser, Straßen, Schulen, Kreisverkehre und ein Atomkraftwerk. Dagegen will Macri per Gesetz vorgehen. Demnach müssen Menschen künftig 20 Jahre tot sein, damit man Dinge nach ihnen benennen kann. Kirchner-Straßen wären bis 2030 gesetzeswidrig. Laut Plan können Namen rückwirkend geändert werden.

Atomkraftwerke und Kreisverkehre sollen wieder alle einen

In Deutschland sind Straßenbenennungen nach Verstorbenen kein derart staatstragendes Thema, Städte und Gemeinden können die Regeln dafür selbst bestimmen. Tot muss man allerdings gewöhnlich sein, um so geehrt zu werden. Außer in Köln und Umgebung. Dort gibt es in Bergheim einen Lukas-Podolski-Sportpark. Aber der ist nicht öffentlich finanziert, und außerdem es gibt nur einen Podolski-Platz und nicht 1300.

In Argentinien geht es Präsident Macri bei der Umtaufaktion angeblich darum, das gespaltene Land zu einen. Es soll wieder Kreisverkehre und Atomkraftwerke geben, mit denen sich alle identifizieren können. Kirchner-Fans, von denen es sehr viele gibt, sprechen von "Revanchismus". Macri hat in der Casa Rosada bereits die Lieblingsgemälde seiner Vorgängerin entfernen lassen, Porträts von Che Guevara und Hugo Chávez und natürlich das von Néstor Kirchner. Bis das unabhängige Argentinien auch ein vereintes Argentinien ist, müssen wohl 200 weitere Jahre vergehen.