Streit um Integration Sarrazin streicht die Genetik

Bereits wenige Tage nach dem Erscheinen seines Buches hat Thilo Sarrazin dessen Inhalt verändert. Mit dem angedrohten Parteiausschluss habe das nichts zu tun, versichert er. Doch die Korrekturen sind erheblich.

Von Malte Conradi

Thilo Sarrazin hätte es sich in den vergangenen Wochen oft leicht machen können. In der erhitzten Diskussion um sein umstrittenes Buch Deutschland schafft sich ab tauchten einige wenige Zitate aus seinem Buch immer wieder auf. Vor Fernsehkameras und in Zeitungsartikeln wurden sie von seinen Gegnern vorgebracht, um seine undemokratische Gesinnung zu belegen.

Besonders oft zitiert wurde ein Satz von Seite 370: "So spielen bei Migranten aus dem Nahen Osten auch genetische Belastungen - bedingt durch die dort übliche Heirat zwischen Verwandten - eine erhebliche Rolle und sorgen für einen überdurchschnittlich hohen Anteil an verschiedenen Erbkrankheiten." Mit einem einfachen "Das steht nicht mehr im Buch" hätte Sarrazin sich verteidigen können.

Denn der ehemalige Bundesbanker hat kurz nach dem Erscheinen einige Änderungen an seinem Bestseller vorgenommen - und dabei den umstrittenen Satz kurzerhand gestrichen. An seiner Stelle steht nun, was sich zuvor in den Fußnoten verbarg: "Die für die Einwanderung nach Deutschland relevanten Herkunftsgebiete - Türkei, Nah- und Mittelost, Nordafrika - weisen sowohl bei den Pisa-Studien als auch bei den TiMSS-Studien (International Mathematics an Science Study) sehr niedrige Werte aus, die zur Schulleistung der entsprechenden Migrantengruppen in den Beziehungsländern passen."

Ein entscheidender Unterschied: Die Einwanderer aus dem Nahen Osten werden demnach nicht mehr als genetisch belastet bezeichnet, sondern einfach nur als schlecht in der Schule. Aber statt auf die Streichung hinzuweisen, ließ Sarrazin sich die Passage weiterhin vorhalten.

Eine weitere Veränderung betrifft eine Passage über die Gebärfreude muslimischer Frauen: "Demographisch stellt die enorme Fruchtbarkeit der muslimischen Migranten eine Bedrohung für das kulturelle und zivilisatorische Gleichgewicht im alternden Europa dar", hieß es ursprünglich auf Seite 267. Diese Behauptung hat Sarrazin in der überarbeiteten Fassung mit einem eingefügten "auf lange Sicht" relativiert.

Sarrazins Verlag, die Deutsche Verlags-Anstalt (DVA), will den Änderungen keine große Bedeutung beimessen. "Wir sind wie bei jedem Buch vorgegangen und haben nach dem Erscheinen Tippfehler und Änderungswünsche gesammelt und sie dann nach einiger Zeit umgesetzt", sagt ein Verlagssprecher. Inhaltlich habe sich dadurch an dem Buch nichts geändert. Im Übrigen seien die Änderungen keinesfalls klammheimlich vorgenommen worden. Im Impressum stünde unmissverständlich: "Durchgesehene Auflage".

Auch der Erfolgsautor selbst will von seinen Thesen nichts zurücknehmen. Er habe zwar "einige minimale Änderungen" vorgenommen, nicht jedoch inhaltliche Korrekturen, lässt Sarrazin die Bild-Zeitung wissen. Die Aussage mit dem sensiblen Wortpaar "genetische Belastung" habe er nur aus einem Grund getilgt: "Sie gab denjenigen Munition, die zu Unrecht behaupten, dass ich die Probleme muslimischer Migranten auf genetische Ursachen schiebe." Falsch sei der Satz nicht.

Und doch muss es Sarrazin ein wichtiges Anliegen gewesen sein, den Satz zu streichen. Im Vorwort der neuesten Auflage von Deutschland schafft sich ab heißt es: "Bei der Wiedergabe meiner Thesen in den Medien ist es teilweise jedoch zu Verkürzungen gekommen, durch die meine Ansichten geradezu ins Gegenteil verkehrt wurden. An keiner Stelle des Buches behaupte ich, bestimmte ethnische Gruppen seien genetisch bedingt dümmer als andere." Als dümmer hat Sarrazin die Migranten aus dem Nahen Osten tatsächlich nicht bezeichnet, als genetisch belastet aber sehr wohl. Das aktuelle Vorwort konnte er erst schreiben, als er den entscheidenden Satz gestrichen hatte.

Dass die Abschwächung von Sarrazins Thesen etwas mit dem Parteiordnungsverfahren der Berliner SPD zu tun haben könnte, weist der Verlag auf Nachfrage von sueddeutsche.de zurück. Zeitlich jedenfalls ist ein Zusammenhang nicht auszuschließen: Der Berliner SPD-Landesverband fasste am 6. September den Beschluss, ein Verfahren gegen Sarrazin einzuleiten. Die Entscheidung darüber sei allerdings schon einige Tage zuvor gefallen, heißt es aus der Berliner SPD. Die Änderungen in Sarrazins Buch tauchten erstmals in der elften Auflage auf, die am 14. September an die Buchhändler ausgeliefert wurde. Um den 10. September seien die Korrekturen eingearbeitet worden, sagte der DVA-Sprecher. Erschienen ist Deutschland schafft sich ab nur wenige Tage zuvor, am 30. August.

Bei der Berliner SPD will man sich nicht dazu äußern, ob das Zurückrudern Sarrazins Einfluss auf das Ausschlussverfahren haben könnte. Der frühere Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) hat unterdessen das Verhalten seiner Partei in der Causa Sarrazin kritisiert. "Ich bin gegen einen Parteiausschluss. Die SPD vermittelt dadurch dem breiten Publikum den falschen Eindruck, sie wolle die Debatte loswerden", sage Steinbrück der Bild-Zeitung. Abgesehen von den letzten Kapiteln könne man Sarrazins Analyse kaum widersprechen.

SPD-Chef Sigmar Gabriel hingegen sieht keinen Anlass, das laufende Verfahren gegen Sarrazin zu stoppen, nur weil dieser einige seiner umstrittenen Thesen entschärft hat. Das Verfahren sei allein Sache der SPD-Schiedskommission, sagte Gabriel. Sarrazin war in der vergangenen Woche der Ausschlussantrag zugesandt worden. Er hat nun sechs Wochen Zeit, darauf zu antworten. Bis eine Entscheidung über Sarrazins Verbleib in der SPD fällt, dürfte es sogar noch einige Monate dauern.

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