Von Michael Bauchmüller

Der Castor-Transport ist am Ziel, das Problem bleibt: Seit dreißig Jahren soll in Gorleben ein Endlager entstehen, doch noch jede Regierung hat die Entscheidung zwischengelagert.

Deutschlands Suche nach einem Endlager für hochradioaktiven Atommüll hat gewisse Ähnlichkeiten mit Weihnachten. Einmal im Jahr sind alle drauf fixiert. Dann steht eine ganze Region Kopf, weil wieder die Castoren rollen ins Zwischenlager Gorleben. Davor und danach ist Ruhe. Nur ab und an flammt die Endlager-Debatte auf, das Interesse erlischt aber stets schnell. Und passiert ist seit Jahren nichts mehr.

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Einmal im Jahr schauen alle auf Gorleben - das Interesse erlischt aber stets schnell (© Foto: AP)

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Der Streit reicht mehr als 30 Jahre zurück. Damals entschied sich die niedersächsische Landesregierung, Gorleben zum "nuklearen Entsorgungszentrum" aufzurüsten. Nicht nur ein Endlager sollte dorthin kommen, sondern auch das gesamte Drumherum, samt Anlagen für die Bearbeitung der Abfälle und zur Wiederaufarbeitung.

Die Region schien ideal dafür zu sein; sie war schwach besiedelt und litt unter der Nähe zur Zonengrenze. Zwar wurde das Projekt später kleiner und kleiner, im Wesentlichen blieb nur das Endlager. Doch der Widerstand wuchs und wuchs. Und die Zweifel mehrten sich. Wurde Gorleben einst nur wegen der Grenznähe ausgesucht? Ist der Salzstock dort tatsächlich geeignet für die Lagerung des Atommülls? Oder wird auch dort eines Tages Wasser in das Lager eintreten, so wie in der Asse bei Wolfenbüttel?

Jahrelang scherten sich die Verantwortlichen in Land und Bund nicht weiter um die Zweifel. Gorleben wurde erkundet - zu deutsch: In das Salz wurden Stollen getrieben, breit wie Landstraßen. Ein erster Teil ist inzwischen ausgehoben, eine weiterer hätte schon folgen können - hätte der Atomkonsens im Jahr 2000 die Erkundung nicht gestoppt. Seitdem passiert unter Tage so gut wie nichts mehr. Die Stollen werden nur noch "offengehalten"; denn Salz neigt dazu, mit den Jahren zuzuwachsen.

Rund 1,4 Milliarden Euro haben die deutschen Kernkraft-Betreiber hier schon vergraben - für die Gorleben-Befürworter ein starkes Argument, den Salzstock auszubauen. Auch wollen die Energiekonzerne die Kernkraft länger nutzen, als die Gesetze es derzeit vorsehen. Ein Endlager in Reichweite würde ihre Chancen erhöhen. Und so gilt auch: Wer in Gorleben demonstriert, will nicht nur das Endlager verhindern - sondern die weitere Nutzung der Kernkraft schlechthin.

Wann es so weit ist, ob es so weit kommt und Gorleben Endlager wird, weiß kein Mensch. Regierung um Regierung kapituliert vor einer Antwort. Nach Grünen-Umweltminister Jürgen Trittin schlug auch Amtsnachfolger Sigmar Gabriel (SPD) vor, erst Alternativen zu testen. Schließlich ließe sich Atommüll genauso in Ton lagern (wie die Schweizer es vorhaben) oder in Granit (wie Finnland es plant). Die Bundesregierung dürfe sich erst auf Gorleben festlegen, wenn sich kein besserer Standort finde, fordert Gabriel - schon der Rechtssicherheit wegen. Viele Experten sehen das ähnlich.

"Gabriels Vorschlag würde die Lösung bis mindestens 2050 verzögern"

Die große Koalition, die das Thema eigentlich zügig lösen wollte, tritt dennoch auf der Stelle. Bleibt die Frage der Endlagerung ungelöst, besteht auch ein zentrales Anti-Atom-Argument fort. Die atomfreundliche Union will auch deshalb so schnell wie möglich die Erkundung von Gorleben wieder aufnehmen.

Dann, sagt Unions-Energiepolitiker Joachim Pfeiffer, könnte Gorleben 2030 in Betrieb gehen. Und nur dann. "Gabriels Vorschlag würde die Lösung bis mindestens 2050 verzögern", warnt Pfeiffer. Das zuständige Bundesamt für Strahlenschutz erwartet dagegen nur sechs Jahre Aufschub durch eine Suche. Die Schweizer, die vorige Woche den Startschuss für die Endlagersuche gaben, rechnen mit zehn Jahren Suchzeit. Erst dann sollen die Vorbereitungen für den Endlager-Bau beginnen.

Noch drängt die Zeit allerdings nicht. Schließlich soll Gorleben jenen Atommüll aufnehmen, der besonders viel Wärme entwickelt - und der muss über Jahrzehnte in der Nähe der Kernkraftwerke abklingen, ehe er unterirdisch gelagert werden kann. Dann allerdings richtig lang: Experten fordern einen sicheren Abschluss des radioaktiven Abfalls für grob gerechnet eine Million Jahre. Zumindest mal rein theoretisch.

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(SZ vom 11.11.2008/ihe)