Der türkische Premier hat die Gründung von mehr türkischen Schulen und Unis in Deutschland vorgeschlagen und damit prompt heftigen Protest ausgelöst. Die Aufregung ist absurd - und dreht sich in Wahrheit gar nicht um Sprache oder Kultur.
Als der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan am vergangenen Freitag im Kanzleramt mit einer Gruppe von deutschen und türkischen Schülern zusammentraf, machte er einen Vorschlag: "In Deutschland sollten Gymnasien gegründet werden können, die in türkischer Sprache unterrichten." Man wolle zu diesem Zweck gerne türkische Lehrer nach Deutschland schicken. Und auch türkischsprachige Universitäten könne es hierzulande geben.
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Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan in Köln (© Foto: dpa)
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Sofort erhob sich heftiger Protest. Ein solches Vorhaben sei Gift für die Integration, erklärte Erwin Huber, der Parteivorsitzende der CSU. Schon der Versuch führe zu "Ghettos und zu einer Klein-Türkei". Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) forderte, Menschen türkischer Abstammung dürften "sich nicht in die eigene türkische Welt zurückziehen". Und sein Parteifreund Wolfgang Bosbach insistierte darauf, die deutsche Sprache sei und bleibe der Schlüssel zur Integration.
Warum diese Aufregung?
Das Problem ist nur: Erdogan hatte das nie in Zweifel gezogen, im Gegenteil. Und er hatte nichts gefordert, sondern etwas vorgeschlagen. Warum dann diese Aufregung? Und vor allem: auf welcher Grundlage diese Aufregung?
Die Bundesrepublik unterhält heute 117 deutsche Schulen in anderen Ländern, eine auch in Istanbul. In der Stadt gibt es eine weitere deutsch-türkische Schule, die das Abitur anbietet. Demnächst soll es gar eine deutschsprachige Universität in Istanbul geben. Das Bundesverwaltungsamt entsendet rund 1700 deutsche Lehrer ins Ausland. Das Auswärtige Amt verwendet fast die Hälfte seines gesamten Kulturhaushalts, mehr als 200 Millionen Euro, auf die Förderung der deutschen Sprache im Ausland.
An einer ganzen Reihe von deutschen Universitäten kann man ein Studium auf Englisch absolvieren, ohne deutsche Sprachprüfung, und keiner wundert sich darüber, dass das (ab der achten Klasse einsprachige) französische Gymnasium in Berlin Wartelisten führt. All diese Unternehmungen gelten als Beförderung der internationalen Verständigung, als Erfolge des Dialogs zwischen den Kulturen. Geht es aber um die Türkei und die Türken, gelten die Regeln nicht mehr.
Die Aufregung wirkt um so absurder, als ein Teil der Vorschläge Erdogans längst realisiert ist. Zwar hält Bundeskanzlerin Angela Merkel die Entsendung türkischer Lehrer nach Deutschland für "schwierig". Tatsächlich arbeiten hierzulande schon mehr als 500 von ihnen, hauptsächlich als Lehrer ihrer Muttersprache. Und auch deutsch-türkische Gymnasien gibt es, in Berlin, in Hannover und in Köln etwa. Sie unterscheiden sich, aus gutem Grund, von anderen Privatschulen nur dadurch, dass Türkisch in ihnen als obligatorische Fremdsprache gilt.
Um gut Deutsch sprechen zu können, müssten die Einwandererkinder zuerst ihre Muttersprache beherrschen, meint Recep Tayyip Erdogan. Das ist zwar eine Übertreibung, die der nationalpolitisch motivierten und in der Praxis nicht haltbaren Entgegensetzung von "Integration" versus "Assimilation" geschuldet ist.
Und doch steckt etwas Wahres darin: Wenn Nobelpreisträger Orhan Pamuk in Deutschland liest, kommen Zehntausende, um ihm zuzuhören, Deutsche wie Türken. Sie tun es auch, weil ihnen in Gestalt dieses Schriftstellers ein großes Wissen über die Türkei, über ihre Geschichte und Kultur entgegentritt.
Was im Verhältnis der Deutschen zu ihrer türkischstämmigen Minderheit fehlt, sind Menschen, die in beiden Welten zu Hause sind und in beiden Welten respektiert werden, Dolmetscher, die nach außen wirken, weil sie türkische Einwanderer und deren Kinder mit deren eigener Kultur vermitteln können.
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"Undercover" bei Paketzusteller GLS
haben bei der Integration überhaupt nichts nachzuholen.
Es sollte an der Zeit sein, festzustellen, daß Integration nicht gegen den Willen des zu Integrierenden funktionieren kann. Alle Traumtänzerei hilft nicht dagegen, wenn jemand sich gegen jede Spur der Teilnahme am alltäglichen Leben in einer Gesellschaft sperrt. Wenn diesem jemand es ach so unangenehm ist, in einem anderen Land zu leben, haben wir meines wissen offene Grenzen. Mich zwingt auch niemand, in Portugal zu leben, wenn es mir dort nicht gefallen sollte. Es ist aber eher nicht zu erwarten, daß sich das gesamte portugiesische Volk selbst geißeln würde, nur weil ich nach 10 Jahren immernoch kein Wort ihrer Sprache gelernt habe, ihre Lebensweise ablehne und nichts als Verachtung für das Land verbreite, das mich beherbergt.
Wenn die rosa Brille zu dicht ist, mag man ja ein verklärtes Lächeln im Gesicht tragen, aber man erkennt kein Stück mehr von der Realität.
Diejenigen, die sich integrieren WOLLEN, haben dies längst getan-nur sie sind es nicht, um die es geht, wenn es um Probleme geht. Man sollte nicht vergessen, daß man stets von der selben Minderheit spricht, die Vorteile zwar sehr gerne zu akzeptieren weiß, mit der deutschen Unart der Selbstgeißelung wunderbar Kapital zu schlagen imstande ist, jegliche Pflichten und Werte einer Gesellschaft jedoch als Zumutung empfindet. Auf das verklärte Gesäusel kann man sich hierzulande eben verlassen, das geht nirgendwo besser. Genau so funktioniert keine Gesellschaft, da können WIR noch so viel "integrieren". Integrieren heißt nicht kaufen und schon gar nicht sich gleich selbst verleugnen.
...auch kurdische Lehrer für deutsch-kurdische Schulen in Deutschland UND der Türkei auszubilden und sie auch dort einzusetzen. Ich glaube, da wäre ein immenser Bedarf.
Sehr geehrte/r SchreiberIn:
assimilieren bedeutet angleichen, anpassen.
Menschenrechtsfeindliche, frauenfeindliche, demokratiefeindliche Gesellschafts- und Lebensformen sind in eine Demokratie westlichen Zuschnitts nicht zu integrieren.
assimilieren wiederum würde bedeuten : am Lernen wachsen. Es ist eine Chance sich menschlich, emotional, geistig weiterzuentwickeln. Herr Erdogan geht hanebüchern davon aus, dass jeder Fortschritt, jede Weiterentwicklung eine Gefahr für die Identität eines Türken wäre. Tja, an diesem Punkt waren wir etwa 1789. Danke nein!
...Wir haben bei der Integration viel nachzuholen und noch viel zu lernen.
Herrn Erdogans Tipps befremden dann aber doch. Die Türkei ist unbedingt das Finnland der Integrationspolitik. Soll also Herr Erdogan erstmal vor der eigenen Haustüre kehren, bevor er den Menschen in Deutschland Tipps gibt.
Die Frage, ob nun Herr Erdogang türkische Lehranstalten gefordert oder vorgeschlagen hat, hat allenfalls diplomatische Qualitäten. Denn in der öffentlichen Wirkung kommt dieser Vorschlag einer Forderung gleich. Die "türkische" Öffentlichkeit in Deutschland wird das als Symbol für ihre Anerkennung in Deutschland sehen. Die "deutsche" Öffentlichkeit fühlt sich entsprechend im Rechtfertigungsdruck. Welchen Sinn solche Bildungseinrichtungen erfüllen sollen und können, darüber diskutiert niemand. Wie damit Integration gelingen soll, bleibt mir unklar. Mit dieser Unschärfe spielt Erdogan ganz bewusst, um sich als Vorkämpfer der Türken in Deutschland aufspielen zu können (denn auch Türken im Ausland können an den heimischen Wahlen teilnehmen ;-) ).
Auch unser Kommentator geht ihm wunderbar auf den Leim und gibt sich pseudo-aufgeklärt. Wenn Deutschland viel Geld für deutsche Sprache und Kultur im Ausland ausgibt, verfolgt das erstmal einen anderen Zweck als die Integration Deutscher im Ausland. Dabei geht es darum, die deutsche Kultur den Menschen in anderen Ländern näherzubringen oder Werbung für Deutschland zu machen.
Wenn Deutsche im Ausland auf deutsche Schulen gehen, dann meist weil es Kinder von im Ausland vorübergehend tätigen Eltern sind. Diese müssen natürlich Wissen entsprechend deutscher Lehrpläne erwerben, um nach Rückkehr der Eltern nach Deutschland den Anschluss nicht zu verlieren. Der Aufenthalt der meisten Türken ist wohl auf Dauer angelegt.
Letztlich sind englische oder französische Schulen in Deutschland deswegen sinnvoll, weil dabei gleichzeitig Weltsprachen erworben werden. Das kann man vom Türkischen (wohl auch vom Deutschen) nicht behaupten.
Erdogans Polemik von der Assimilierung als Menschenrechtsverletzung spielt ebenfalls mit Unschärfen. Erstens muss es Türken auch erlaubt sein, sich (freiwillig) zu assimilieren. Angepasste Türken werden so indirekt zu Verrätern gestempelt. Zweitens vermittelt er das Gefühl, dass die Integrationsansprüche in Deutschland überzogen seien. Denn indirekt sagt er: "Das was von Euch verlangt wird ist Assimilierung und nicht Integration. Damit spricht er vielen (zu Recht) frustrierten Türken aus der Seele und hat wieder ein paar Wähler auf seine Seite gezogen.
Wir haben bei der Integration viel nachzuhole
Paging