Streit um die EM 2012 Von der Ministerpräsidentin zur Gefangenen

Spätestens seit 2010 allerdings wäre Zeit gewesen, die Entscheidung noch einmal zu überdenken. Im März siegte Viktor Janukowitsch bei der Präsidentenwahl gegen Julia Timoschenko - ab Mai ermittelte die Staatsanwaltschaft gegen die ehemalige Ministerpräsidentin, im August 2011 kam sie in Untersuchungshaft. Schon im Oktober 2011 wurde sie wegen Amtsmissbrauch zu sieben Jahren Haft verurteilt und in ein Straflager geschickt.

Der Westen kritisierte den Prozess als politisch motiviert. Bereits zu dieser Zeit hätten Politiker und Vertreter der Uefa Druck auf Janukowitsch ausüben können. Zumal der Umgang mit Timoschenko nur die Spitze des Eisbergs darstellte. Die Opposition wurde zunehmend unter Druck gesetzt, etliche ehemalige Regierungsmitglieder sitzen inzwischen in Haft oder U-Haft, die Presse- und Meinungsfreiheit wurde nach und nach aufgehoben. Die Sportfunktionäre interessierten sich jedoch nur dafür, ob die Infrastruktur im Land eine erfolgreiche EM gewährleisten würde.

Kurz bevor Mitte April 2012 ein zweiter Prozess gegen Julia Timoschenko beginnen sollte, trat die schwer kranke Politikerin aus Protest gegen Misshandlungen und die Haftbedingungen in einen Hungerstreik. Doch erst seit der Entscheidung des Bundespräsidenten Joachim Gauck, die Ukraine nicht zu besuchen, äußern sich Politiker und Sportfunktionäre zu der Frage, ob man auf einen Besuch der Spiele dort verzichten oder gar die ganze Veranstaltung boykottieren sollte.

Selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel erwägt offenbar, die Spiele in der Ukraine nicht zu besuchen - etwas, das auch SPD-Chef Sigmar Gabriel, Grünen-Chefin Claudia Roth und sogar der Geschäftsführer des Bundesligisten Borussia Dortmund, Hans-Joachim Watzke, fordern.

Davon, die EM in der Ukraine ganz abzublasen, spricht kaum jemand. Uefa-Chef Platini schon gar nicht. Er sieht nicht den Fußballverband in der Pflicht, sondern die Politik. Doch Fußball ist keine unpolitische Sache, stellt etwa Reinhard Rauball, Präsident der Deutschen Fußball-Liga, fest. Und DFB-Präsident Wolfgang Niersbach verkündete: Der Fußball muss sich an die Seite der Politik stellen, wenn es um Grundwerte im menschlichen Miteinander geht."

In der Sportlerszene sind solche Statements allerdings nicht unumstritten. "Der Sport darf nicht zum Knüppel der Politik werden", erklärte etwa Thomas Bach, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes, der Nachrichtenagentur dpa. Genauso wenig darf allerdings eine Regierung, die Politik mit dem Knüppel betreibt, die Gelegenheit bekommen, Sport als PR-Instrument zu missbrauchen.

Das hätte die Uefa in den vergangenen zwei Jahren berücksichtigen müssen.