Bundeskanzlerin Merkel sieht die Tür zum Postmindestlohn "noch nicht endgültig geschlossen." Trotzdem muss sie herbe Kritik vom Koalitionspartner einstecken, der sie als unzuverlässig beschimpft.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hält den umstrittenen Postmindestlohn noch nicht für gescheitert. "Die Tür ist in der Tat noch nicht endgültig geschlossen", sagte ihr Sprecher Thomas Steg.

Bundeskanzlerin Merkel sieht die Tür zum Postmindestlohn noch nicht endgültig geschlossen, Getty Bild vergrößern

"Außerordentlich unzuverlässig": Kanzlerin Merkel muss vom Koalitionspartner herbe Kritik einstecken (© Foto: Getty)

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Allerdings ließ er offen, ob die Regelung noch wie geplant in diesem Jahr und damit vor Ende des Briefmonopols vereinbart werden könne. Merkel sieht die Voraussetzung nicht erfüllt, dass mindestens 50 Prozent der Beschäftigten einer Branche von dem ausgehandelten Tarifvertrag erfasst sein müssen, wie der Regierungssprecher sagte.

Hier bestehe ein Dissens mit der SPD, die diese Bedingung sehr wohl gegeben sieht. "Wenn dieser Dissens ausgeräumt werden kann, ist ein Postmindestlohn möglich", sagte Steg. Eine Möglichkeit wäre, den Tarifvertrag für Postbedienstete zu ändern.

Steg schloss nicht aus, dass dies bei der nächsten Koalitionsrunde am 10. Dezember noch einmal "aufgerufen" werde. Über die Tagesordnung müssten sich die Koalitionsparteien einigen.

Die SPD hatte zuvor mit scharfer Kritik an der Union auf die Machtverschiebungen durch Münteferings Rückzug und auf das Scheitern der Gespräche zum Postmindestlohn am Montagabend im Streit reagiert. "Die Union weiß, dass hier eine rote Linie markiert ist und dass sie sich das in Zukunft nicht mehr leisten kann", sagte SPD-Generalsekretär Hubertus Heil.

Er griff auch Merkel persönlich an und warf ihr vor, Überzeugungen wie das Hemd zu wechseln. "Es ist eine Sauerei, was da passiert ist."

Merkel habe sich bei den Abmachungen mit der SPD als "außerordentlich unzuverlässig" erwiesen. Durch das Einschwenken der Kanzlerin auf reine Lobbyinteressen und Positionen des CDU-Wirtschaftsflügels sei Vertrauen in der Koalition verspielt worden.

Heil: CDU ist "Partei der Lohndrücker"

Merkel müsse jetzt den Menschen ins Gesicht sagen, warum sich die CDU als "Partei der Lohndrücker" betätige. "Die CDU hat jede ordnungspolitische Orientierung verloren", kritisierte Heil. Sie vertrete nur noch die Anliegen von Lobbyisten.

Es gebe kein einziges "originäres Reformprojekt", das mit der Union verknüpft werde. Heil kündigte an, dass die SPD die Beschlüsse ihres Hamburger Parteitags mit dem Ziel in die Koalition einbringen werde, diese auch durchzusetzen.

Auch Fraktionsvize Ludwig Stiegler sieht die Koalition in heftigen Turbulenzen. "Das Vertrauen zur Union ist nachhaltig gestört", sagte er dem Rheinischen Merkur.

"Frau Merkel (hat) dem Druck von bestimmten Lobbyisten nachgegeben", sagte Fraktionschef Peter Struck im Deutschlandfunk. "Ich weiß genau, es wird immer wieder Ärger geben mit der Kanzlerin, mit der CDU/CSU-Fraktion."

Die stellvertretende SPD-Vorsitzende Andrea Nahles sagte im Deutschlandradio Kultur, die Union werde sich darauf einstellen müssen, dass die SPD "hartleibig" weiter für den Mindestlohn kämpfen werde. "Ich glaube, dass die Schonfrist für Frau Merkel wirklich vorbei ist."

Kein Machtvakuum in der SPD

Beim Postmindestlohn geht es um die Aufnahme der Postdienstleister ins Entsendegesetz. Damit könnte der vom Post-Arbeitgeberverband und den Arbeitnehmern ausgehandelte Tarifvertrag für alle Briefzusteller in Deutschland für verbindlich erklärt werden. Die Konkurrenten der ehemals staatlichen Deutschen Post versuchen dies zu verhindern, weil der Ex-Monopolist den Arbeitgeberverband dominiert.

SPD-Generalsekretär Heil betonte, dank der schnellen Nachfolgeregelung für Müntefering gebe es kein Machtvakuum in der SPD und in der Koalition. Beck, der sich gegen einen Wechsel ins Kabinett entschieden hatte, werde sich künftig noch stärker an der Koordination der SPD in der Bundespolitik beteiligen. Er bilde mit der Fraktion und den Ministern ein "eisernes Dreieck". Im täglichen Regierungsgeschäft sei Steinmeier der Partner Merkels.

Beide trafen bereits Absprachen über ihre Zusammenarbeit an der Koalitionsspitze. Sie kamen nach der regulären Sitzung des Kabinetts zu einem Vorbereitungsgespräch zusammen, teilte Steg mit. Voraussichtlich werde Merkel auch mit Steinmeier regelmäßig vor den Kabinettsrunden unter vier Augen wichtige Fragen klären, wie sie es bisher mit Müntefering getan hatte.

Die SPD will nach Heils Worten erreichen, dass der designierte neue Arbeitsminister Olaf Scholz regelmäßig an den Koalitionstreffen teilnimmt, so dass die Sozialdemokraten einen Vertreter mehr entsenden würden.

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(Reuters/AP/dpa/bavo/bica)