Der Bruch des Versprechens, in Hessen keine Regierungsbildung mit Hilfe der Linken zu billigen, wird sich für Parteichef Beck und seine Genossen nicht lohnen. Denn mit einer Annäherung an die Linke wird sich der Abwärtstrend der SPD nicht stoppen lassen.
Die Lebenserfahrung lehrt, dass es verschiedene Phasen der Lüge und ihrer Verarbeitung gibt. Zuerst sagt man, leichthin oder mit voller Absicht, die Unwahrheit. Nach der Aufdeckung der Lüge erklärt man sie möglichst rational und zeigt sich in Maßen schuldbewusst.
SPD-Parteichef Kurt Beck will dynamisch vorwärts streben, wirkt dabei aber eher unentschlossen. (© Foto: Reuters)
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Bald allerdings geht man dazu über, die Lüge offensiv als einzige Handlungsmöglichkeit angesichts der veränderten Gesamtlage zu verteidigen. Dazu gehört auch, dass man Widerredner als Moralapostel angreift und darauf hinweist, dass alle anderen ja auch lügen würden.
Was die Haltung der SPD zur Linkspartei angeht, befindet sich der SPD-Vorstand seit Montag zwischen der vorletzten und der letzten Phase. Die Lüge besteht darin, dass Parteichef Beck und die hessische Spitzenkandidatin vor der Wahl jedwede Kooperation oder auch nur Duldung durch die Linke vehement und immer wieder in Abrede gestellt haben.
Jetzt aber sieht es so aus, dass sich Andrea Ypsilanti, wenn die FDP nicht noch umfällt, wohl im April mit den entscheidenden Stimmen der Linken zur Ministerpräsidentin wird wählen lassen. Der Berliner Parteivorstand hat ihr dies "freigestellt", auch um Kurt Beck nicht noch mehr zu beschädigen, als es Beck ohnehin schon selbst getan hat. Die Parteispitze heißt mit ihrem Beckschutzbeschluss auch die Wählertäuschung gut.
Fleisch vom SPD-Fleisch
Jeder Bürger mag selbst entscheiden, was er in Zukunft glauben möchte, wenn Beck vor einer Wahl ein Versprechen abgibt. Kontraproduktiv für die SPD ist der Prozess allemal - auch und vor allem im Hinblick auf den Umgang mit der Linken.
Diese Partei ist, zumindest im Westen, Fleisch vom Fleisch der SPD. Im Osten Deutschlands besteht die Linkspartei immer noch aus der Regionalpartei PDS, einer Art sozialistischen CSU für die ehemalige DDR. Sie ist dort vielerorts stärker als die SPD.
Im Westen sammelt sich einerseits die nicht SPD-affine, disparate Protestlinke in der Partei. Andererseits gibt es aber auch die Schröder-Enttäuschten aus DGB und SPD, angeführt vom Egosozialisten Lafontaine.
Der politische Hauptgegner dieses lautstarken Teils der Linkspartei ist die SPD. Der Abwärtstrend der SPD ist sicher nicht durch eine Annäherung an die Linkspartei zu stoppen. Im Bund ist die SPD unter 30 Prozent gefallen, in den Ländern versucht man zweitschlechteste Ergebnisse als Siege zu verkaufen. Die Wählerwanderungen hin zur Linkspartei oder zu den Nichtwählern sprechen Bände.
Nein, solange die SPD im Bund in Regierungsverantwortung ist, wird sich die Linkspartei im Westen auf Kosten der SPD stabilisieren - egal welche Kapriolen dem Pfälzer Großstrategen an der Parteispitze einfallen. Die SPD kann nicht zugleich Regierungs- und Oppositionspartei sein.
Kurt Beck versucht genau dies und das wird dann "Linksruck" genannt. In Wirklichkeit ist es nicht mehr als ein ratloses Hin-und-her-Springen, ein Torkeln, das Beck als dynamisches Vorwärtsstreben zu verkaufen sucht.
- Regierungsbildung in Hessen Ypsilantis vergeblicher Flirt 26.02.2008
- Pro Die linke Mehrheit existiert 26.02.2008
- Contra Ein Linksrückchen - mehr nicht 26.02.2008
(SZ vom 27.02.2008/gal)
Szene München
Interessant, wie in diesem Kommentar die Rolle der FDP interpretiert wird: pragmatische Dialogbereitschaft in Richtung einer Ampelkoalition würde ihr als "Umfallen" ausgelegt. Man kann das Verhalten der FDP in dieser Frage eigentlich nur als starrsinnig bezeichnen. Aus wahltaktischen Überlegungen heraus, nämlich die SPD zu dieser von den Medien mit Argusaugen beobachteten Entscheidung zu zwingen und somit Zweifel an deren Wählbarkeit zu erzeugen, ist der Starrsinn der FDP in gewisser Weise verständlich. Nur ist es eben absolut destruktiv, sich jedem Gespräch über eine Regierungsbildung zu verweigern.
Daneben ist interessant zu beobachten, wie versucht wird, die SPD seit Beginn der großen Koalition totzuschreiben. In der Regierung mit der CDU sei ihr Profil nicht erkennbar, orientiert sie sich zu den "Egosozialisten" (das tut sie ja in Hessen nicht einmal aktiv), kann sie angeblich gleich ihr eigenes Grab schaufeln.
Fakt ist, dass die Bürger wegen der immer perverseren Entwicklungen bei Einkommen aus Kapital und Vermögen (Schlagworte: Liechtenstein / BMW / NOKIA / Siemens) auf der einen Seite und sinkenden Realeinkommen der Lohnempfänger wegen hoher Preissteigerungen für Alltagsgüter und -dienstleistungen (z.B. Brot, Bier, Energie, Verkehr...) auf der anderen sich schon fragen, ob der "Aufschwung angekommen" (A. Merkel) ist.
Vielleicht schaut der Wähler eben doch eher auf solche Entwicklungen als auf ein medial aufgebauschtes Koalitions- / Duldungsgeplänkel in EINEM Bundesland, ehe er sein Kreuzchen macht. Wünschenswert wäre es auf jeden Fall und scheint auch so zu sein.
Wenn da jemand denkt, dass diese Entscheidung der SPD schaden könnte, der ist schief gewickelt und sollte noch einmal anfangen mit dem Denken.
Alle SPD-Wähler, die einen Linkskurs in diesem Land wollen, werden sicherlich Die Linken wählen, wenn die SPD kaum noch von der CDU zu unterscheiden ist.
Hat man aber einen mehrheitlich linken Block, wie rosa-grün-rot es in Hessen und Hamburg aufzeigen, dann sind die moderaten unter den Linkswählern wieder eher geneigt, über die Wahl der SPD diesen moderaten Linkskurs zu erreichen. Ergo wird die SPD eher dazu gewinnen, wenn sie sich auf solch einen Block einlässt. Die Linken selbst werden, um etwas bewegen zu können, anfangs zu Kompromissen zu bewegen sein, wie man ja (leider) in Berlin sieht. Ein Thilo Sarrazin (Finanzsenator, SPD), der sich in nichts von einem geist- und gefühllosen CDU-Apparatschik unterscheidet, müsste eigentlich in Berlin aus der Landesregierung gegangen werden, aber die Linke toleriert seine Unverschämtheiten weiterhin anstatt mit der Aufkündigung der Koalition zu drohen.
Festzustellen ist aber, das Deutschland auf Grund der Maßlosigkeit der des unmoralischen Teils unserer "Elite" (man wird da an die Zustände der Zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts erinnert) nach Links gerückt ist, und ein Pofalla kann mit seinen verbalen Verbiegungen allenfalls noch ein mitleidiges Lächeln auslösen ... der hält diesen Trend nicht auf, gerade der nicht!!
Lieber Kister, ich schätze Ihre feinsinnigen Kommentare sehr, nicht jedoch, wenn Sie Begriffe wählen, die, dem Mainstream gemäß, bestimmte Personen diffamieren. Ich meine Ihren Ausdruck "Egosozialist Lafontaine"! Darum ein Vorschlag: Als vom Bundesverfassungsgericht die Vermögenssteuer zur Korrektur "freigegeben" wurde, hat ein gewisser Brüderle von der FDP öffentlich die Abschaffung dieser Steuer verlangt. Und so ist es ja auch gekommen. Er sagte damals zur Begründung: "Diese Steuer bringt im Jahr nur ungefähr sieben bis neun Milliarden ein, wovon die Verwaltung allein drei bis vier Milliarden schluckt, das lohnt sich gar nicht!" ( die Verwaltung heißt im Klartext allerdings auch Arbeitsplätze!). - Lieber Kister, ich schlage Ihnen vor, in Anbetracht der "Steuerhinterzieherklientel besserverdienender FDP-Wähler", den Herrn Brüderle als "Bundesreichtumsbewahrer" oder "Egokapitalist" zu bezeichnen.
Nach dem Fall der Vermögenssteuer hat man angefangen - sozusagen als Ausgleich - die Renten zu besteuern, dies hatte für manchen kleinen Pensionär, dessen Ehefrau eine Rente bezieht, verheerende finanzielee Einbußen zur Folge gehabt! Die Behauptung, O.L. könne seine Vorstellungen nicht bezahlen, verbreiten Sie ebenso unbewiesen wie ein gewisser Prof. Sinn! Wenn nun auch noch die Erbschaftssteuer fällt, dann trifft Ihre Aussage zu. Aber genau das will O.L.vermeiden, dann hat er das Geld und Sie wissen das auch!
Die Frage ist doch, wie sieht die Alternative aus?
Eine CDU/FDP Minderheitsregierung, die keine Vorlage mehr durchbringt?
Eine große Koalition? Inhaltlich undenkbar auch ohne Koch.
Jamaika - bei der Landes CDU können die Grünen sich gleich auflösen.
Ampel - geht nicht mit Hahn.
Andererseits, wenn die Linken eine SPD/Grüne Minderheitsregierung torpedieren, sind sie auch weg vom Fenster. Dann machen sie sich in den Augen der eigenen Wähler unmöglich.
im Gegensatz zu Herrn Kisters Meinung zeigt eine Umfrage der Frankfurter Rundschau , dass 75% der Leser eine SPD/Grüne Minderheitsregierung und die Wahl mit Hilfe der LInken akzeptieren würden.
Also nur zu. Es kann in Hessen eigentlich nur besser werden.
... das die Politiker dieses Landes - egal wie fähig oder unfähig sie im Einzelnen sind - die Probleme dieses Landes nicht lösen können.
Jahrhundertelang fand (Volks-)Wirtschaft primär im regionalen und nationalen Kontext statt und konnte dort reguliert werden. Durch die Globalisierung können sich global aufgestellte Konzerne diesen Regulierungen nun nach Belieben entziehen und so Länder gegeneinander ausspielen. Linke Parteien wollen das mit mehr nationaler Regulierung und mehr nationalen Steuern bekämpfen. Das ist der Versuch Feuer mit Petroleum zu löschen.
Wirklich lösen lassen sich die Probleme nur auf globaler Ebene, indem ein Gegengewicht zu global aufgestellten Konzernen geschaffen wird. Die gute Nachricht: Dafür gibt es gleich 3 Optionen. Das kann auf politischer Ebene, durch global aufgestellte Gewerkschaften oder global organisierte Konsumenten erreicht werden. Die schlechte Nachricht: Mindestens noch 10-20 Jahre sind alle 3 Optionen völlig unrealistisch. Der Egoismus ist einfach zu groß.
Jeder der von der Politik Lösungen für die großen Probleme erwartet, ist ein Illusionist. Politik kann nur noch Folgen abmildern oder verschlimmern. Ob Kurt Beck nun lügt und betrügt oder nicht, ist eigentlich irrelevant. Da interessieren mich eher seine Qualifikationen als Politiker. Beck ist ein bräsiger Verwalter mit Machtinstinkt und etwas Bauernschläue. Inhaltlich und konzeptionell ist er völlig unbedarft. Er ist eines der größten Unglücke, dass der SPD in der aktuellen Situation passieren konnte. Ich finde es nach wie vor sehr traurig, dass Platzeck so schnell abgetreten ist. Der hatte inhaltlich etwas anzubieten.
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