Strafen für Drogendelikte in den USA Ohne Gnade

Die Gefangenen des Drogenkrieges erzählen: Tausende Amerikaner sitzen absurd hohe Haftstrafen fürs Dealen ab - obwohl die entsprechenden Gesetze mittlerweile geächtet sind. Die lange Haft, die Gewalt hinter Gittern bedeuten Verzweiflung. Obama zeigt kein Erbarmen mit den Sträflingen.

Von Jannis Brühl, New York

Einmal haben die Wachen Lawrence Garrison für drei Monate ins Loch gesperrt, weil er angeblich das Internet benutzt hatte. In der Gefängnisfabrik in Ohio, in der er für 24 Cent die Stunde Computer recycelte, hatten sie auf einer Festplatte Filme gefunden. "Während der Untersuchung der Festplatte saß ich 90 Tage in Isolationshaft. Dann fanden die Wärter heraus, dass die Daten schon vorher drauf waren. Wir konnten mit dem Computer gar nicht ins Netz."

Den Launen der Gefängnisoberen war Garrison elf Jahre und acht Monate ausgesetzt. Ursprünglich war er gar zu mehr als 15 Jahren verurteilt worden - weil der mutmaßliche Chef eines Drogenrings aussagte, dass Garrison, sein Zwillingsbruder Lamont und zwölf andere Crack verkauften. Heute sind die Brüder 40. Sie sagen, dass sie unschuldig sind. Mehr als ein Viertel ihres Lebens haben sie im Gefängnis verbracht.

In verschiedenen Varianten hat sich Garrisons Geschichte in den vergangenen Jahrzehnten hunderttausendmal in Amerika abgespielt: Ein Drogenverkäufer wird gefasst, sagt als Teil eines Deals mit Staatsanwälten gegen Bekannte aus. Die trifft das Gesetz hart.

Zehntausende Menschen sitzen einer Zählung der US-Behörde für Strafbemessung (USSC) zufolge mandatory sentences ab - jene absurd hohen Mindeststrafen für Drogendelikte, die Amerikas Gefängnisse gefüllt haben. Sie schreiben bestimmte lange Strafen bei Drogendelikten vor. Mindestens 5000 von ihnen sind gewaltlose Kleindealer ohne Verbindungen zu organisierten Banden. Sie büßen, als wären sie Kartellbosse.

Seit den Siebzigern hat sich die Zahl der Gefangenen mehr als verfünffacht - auf mehr als eineinhalb Millionen Menschen. In den USA leben fünf Prozent der Weltbevölkerung, aber ein Viertel aller weltweit Inhaftierten sitzen im "Land der Freien", das die Nationalhymne beschwört, ein. Fast ein Fünftel von ihnen wurde für Drogenvergehen bestraft.

Die Männer (und wenigen Frauen) haben Marihuana, Kokain oder Crack - mit Backpulver vermischtes und erhitztes Kokain - verkauft. Aber sind Strafen wie "15 Jahre bis lebenslänglich", einst Mördern und Vergewaltigern vorbehalten, angemessen für einen einzigen Drogendeal? Dass diese Männer zu hart bestraft wurden, glaubt mittlerweile die Mehrheit der Juristen und Politiker. Frei kommen sie trotzdem nicht. Der Mann, der ihnen helfen könnte, sitzt im Weißen Haus.

Aktivisten fordern eine Massenamnestie vom Präsidenten. Doch Barack Obama hat bisher weniger Menschen begnadigt als seine Vorgänger der vergangenen Jahrzehnte.

Mandatory sentencing hat junge Männer oft für mehr als ein Jahrzehnt aus ihren Familien gerissen - ohne dass sie Gewalttaten begangen hätten. Der Begriff steht für zwingende Mindeststrafen, die Richter stur nach Tabellen verhängen müssen: Wer mehr als fünf Gramm Crack verkaufte, musste bis 2010 für fünf bis 40 Jahre ins Gefängnis, auch wenn es sein erstes Verbrechen war. Bei mehr als 50 Gramm waren Richter verpflichtet, zehn Jahre bis lebenslänglich zu verhängen, selbst wenn sie persönlich die Strafe für zu hart hielten.