Stimmen zu TTIP Wappentier des Chlorchors

Chlorhuhn oder nicht? Jedenfalls ist das nicht die entscheidende Frage.

(Foto: dpa)

Berechtigte Angst vor einer "Orgie der Mächtigen" oder eine gesteuerte Debatte um "vordergründige Reizthemen"? Die Diskussion um das Freihandelsabkommen TTIP verläuft entlang einer hart umkämpften Front - auch unter SZ-Lesern.

Von Sabrina Ebitsch

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

vor kurzem erreichte uns die Botschaft eines Lesers "Bin über TTIP ausreichend informiert. Resultat: TTIP in den Schredder!". Der Kommentator dürfte vielen aus der Seele sprechen. Wobei natürlich offen bleibt, ob er wirklich ausreichend informiert ist oder sich nur so fühlt. Immerhin hat er trotz des erreichten Informationsgrades auf die Seiten der TTIP-Recherche gefunden.

Und so dürfte es vielen gehen: Wir gehen davon aus, dass viele der 70 Prozent SZ-Leser, die für das neue Recherche-Thema TTIP gestimmt haben, Vorbehalte und ein gewisses Unwohlsein mit dem geplanten Freihandelsabkommen motiviert haben. Wir gehen aber auch davon aus, dass diese Vorbehalte wiederum für ein anhaltendes Interesse sorgen. Seit der Abstimmung haben uns Dutzende Mails erreicht, und trotz der immer dichter werdenden Berichterstattung auch in der SZ scheinen sich viele Leser noch immer nicht umfassend informiert zu fühlen.

Die aktuell laufende TTIP-Recherche soll dort ansetzen. Bis wir im August die Ergebnisse veröffentlichen, halten wir Sie in Rechercheblogs wie diesem über Zwischenstände auf dem Laufenden und lassen Sie zu Wort kommen. Viele Leser schreiben uns ihre Meinung; sie wollen Unklarheiten beseitigt haben, haben ein großes Informationsbedürfnis, wollen es genauer wissen.

Verstehen Sie TTIP?

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Sie sind empört darüber, dass "hier über ein Abkommen geredet wird, das alle Bürger betrifft, aber geheim gehalten wird". Sie warnen, dass das, "was den Menschen in Europa als 'Freihandelsabkommen' verkauft wird, sich schnell als Orgie der Mächtigen gegen in vielen Jahren errungene Rechte herausstellen kann".

Andere haben Zweifel oder ziehen in Zweifel, was ihnen als Wahrheit verkauft wird - selbst von denen, auf deren Seite sie womöglich stehen. Das mittlerweile zum Wappentier der Anti-TTIP-Bewegung gewordene Chlorhuhn beispielsweise hat für viele mittlerweile lächerliche Züge erreicht. "Schon vom Babyalter an baden unsere Kinder in gechlortem Wasser, von dem einiges verschluckt wird. Ich vermute, dass dieser Chlorinput deutlich höher ist als der beim Essen von sogenannten Chlorhühnern", schreibt ein Leser und zielt damit in die Richtung, die hier ein Hygieniker erklärt.

Lobbyisten und Aktivisten

Natürlich wenden sich auch Lobbyisten wie Anti-TTIP-Aktivisten an die SZ-Redaktion und werben um "Mitstreiter". Die Mehrheit aber weigert sich, sich in den Chlorchor einzureihen. "Ich habe die Wahrnehmung, dass die Debatte um TTIP gesteuert um vordergründige Reizthemen wie Chlorhühnchen geführt wird, um die wirklich bahnbrechenden Änderungen im Zusammenhang mit Ceta und Tisa (Anm. d. Red.: das europäisch-kanadische Freihandelsabkommen Comprehensive Economic and Trade Agreement und das Dienstleistungsabkommen Trade in Services Agreement) nicht anzusprechen. Dabei scheinen dort die Tarifautonomie der Gewerkschaften und die Finanzierung öffentlicher Güter wie Kranken- oder Wasserversorgung aufgeweicht zu werden, was ich als viel wichtiger erachte als das Angebot im Kühlregal", schreibt ein Leser.

TTIP im Faktencheck

Fünf aus zwölf: Sie haben entschieden, welche Themen durch den Realitätscheck der TTIP-Recherche sollen. Es geht nicht nur um gechlortes Geflügel. Von Sabrina Ebitsch mehr ... Die Recherche

Wir sind ähnlicher Meinung und wollen deswegen in unserem Dossier, wie von mehreren Lesern gewünscht, auch auf diese Abkommen und den Freihandel im Allgemeinen eingehen. Wir planen in den insgesamt etwa 20 Beiträgen außerdem einen umfassenden Faktencheck zu von Ihnen ausgewählten TTIP-Kapiteln (näheres dazu hier).

Noch in der Pipeline: ein Bericht unseres USA-Korrespondenten Johannes Kuhn, der erklärt, warum TTIP in den Vereinigten Staaten mitnichten von einer Welle der Begeisterung getragen wird. Außerdem ein Blick in Richtung China und eine Analyse, die sich tatsächlich mit dem Chlorhuhn beschäftigen wird - allerdings mit seiner Wirkmacht als Symbol und seiner Instrumentalisierung. Und einiges mehr, von dem an dieser Stelle noch zu lesen sein wird.

Außerdem interessiert uns Ihre Meinung: Schreiben Sie uns, neben weiteren Fragen oder Recherchehinweisen, wie Ihr Standpunkt in Sachen TTIP ist - was Sie warum kritisch oder wo Sie mögliche Vorteile sehen. Eine Zusammenschau kluger und kundiger Leserkommentare wollen wir demnächst hier veröffentlichen.

Bis dahin,

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Sabrina Ebitsch, Team Die Recherche