Zehn Ministerpräsidenten der CDU müssen sich immer wieder von einem aus der CSU vorführen lassen. Jetzt dreht Peter Harry Carstensen den Spieß um. Im Steuerstreit vertritt er legitime Interessen.
Horst Seehofer ist bayerischer Ministerpräsident und CSU-Vorsitzender, womit schon etwas darüber gesagt ist, weshalb sich seine CDU-Kollegen von ihm nicht gern belehren lassen: Die CSU ist in der Union der institutionalisierte Separatismus und Seehofer der einzige Ministerpräsident, der in der schwarz-gelben Koalition im Bund mit einer eigenen Partei sitzt.
Das Aufbegehren von Peter Harry Carstensen aus Schleswig-Holstein gegen die Steuerpolitik der Bundesregierung hat einen sympathischen Zug. (© Foto: dpa)
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Der Bayer hatte schon während der Koalitionsverhandlungen die Blockademacht, als CSU-Chef Beschlüsse zu verhindern, die ihm als Ministerpräsident Ärger bereiten könnten. Umgekehrt konnte er Steuervergünstigungen durchsetzen, die politisch ihm nützen, aber von allen bezahlt werden müssen. Kein Wunder, dass er nun besonders laut fordert, dass alles so kommt, wie er es sich zurechtverhandelt hat.
Angesichts dessen hat das Aufbegehren des Christdemokraten Peter Harry Carstensen aus Schleswig-Holstein gegen die Steuerpolitik der Bundesregierung durchaus einen sympathischen Zug. Es offenbart die strukturell unausgeglichene Machtverteilung unter den Ministerpräsidenten der Union, die letztlich darin deutlich wird, dass sich zehn von der CDU immer mal wieder von einem aus der CSU vorführen lassen müssen. Jetzt kommt mal einer aus der CDU und dreht den Spieß um. Carstensen holt in den Verhandlungen über die Steuersenkungen nur nach, was Kollege Seehofer in den Koalitionsverhandlungen erledigt hat: Er vertritt seine Interessen.
Der Ort, an dem die Ministerpräsidenten ihre demokratisch legitimierte Macht ausspielen können, ist der Bundesrat. Dabei kommt Carstensen eine Besonderheit in der aktuellen Stimmenverteilung zugute, die er sich quasi selbst verdankt: Nur weil Carstensen seine Landtagswahlen vorgezogen und dann auch gewonnen hat, verfügt Schwarz-Gelb derzeit über eine Mehrheit in der Länderkammer. Wenn die Bundesregierung mit Schleswig-Holstein über Gegenleistungen für die Zustimmung im Bundesrat verhandeln muss, beklagt sie ein Problem, das in Wirklichkeit ein Luxus ist: Ohne Schwarz-Gelb in Kiel hätte Merkels Regierung irgendwo den Willen einer anderen Landesregierung beugen müssen, in der eine Partei mitregiert, die im Bund in der Opposition sitzt. Das hat es immer wieder gegeben und wäre mit Sicherheit noch teurer geworden.
"Ein Koalitionsvertrag ist rechtlich nicht einklagbar
Ob ein Ministerpräsident, wenn er die Interessen seines Landes wahrt, dem Votum seiner Bundespartei folgt, ist unerheblich. Ein imperatives Mandat gibt es nicht einmal für die Bundestagsabgeordneten einer Koalition und schon gar nicht kann eine Bundespartei einem gewählten Ministerpräsidenten vorschreiben, was er zu tun und zu lassen hat. Auch ein Koalitionsvertrag ist rechtlich nicht einklagbar, er hat lediglich eine politische Bindewirkung.
Im Übrigen übersehen jene, die gerade mit Blick auf den Koalitionsvertrag im Bund das Ja Schleswig-Holsteins zu Steuersenkungen einfordern, dass im selben Papier jedes Regierungsvorhaben unter Finanzierungsvorbehalt gestellt wurde. Darauf kann sich jetzt auch Peter Harry Carstensen berufen, wenn er gegen Steuersenkungen opponiert, die Angela Merkel sich von FDP und CSU in einem Ausmaß abverhandeln ließ, von dem im Wahlkampf keine Rede war.
Aber hätte Carstensen nicht wenigstens früher sagen können, dass ihm das Geld fehlt? Schleswig-Holstein hat bereits in den Verhandlungen über die Schuldenbremse Zuschüsse versprochen bekommen. In seiner Regierungserklärung Ende Oktober hat Carstensen außerdem Kürzungen im sozialen Bereich angekündigt, einen Stellenabbau im öffentlichen Dienst und ein Ende der Neuverschuldung. Deutlicher als er hat noch selten ein Regierungschef eingestanden, dass er pleite ist. Es hat nur außerhalb von Schleswig-Holstein kaum jemand wahrgenommen. Jetzt präsentiert Carstensen eine Rechnung, die niemanden überraschen muss.
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(SZ vom 01.12.2009/segi)
Bundespräsident Gauck
Carstensen - in S-H "Lügen-Harry" genannt, zeichnet sich normalerweise als politisches Weichei aus, das lieber Schützen- und Heimatfeste besucht, als sich aktiv um die Interessen seines Landes zu bemühen. Er ist im Grunde nie aus seinem typisch S-H CDU-Bürgermeister-Image mit Bauernhof hinausgekommen.
Sein für die CDU schlechtestes Wahlergebnis nach 1948 hat dafür gesorgt, daß er Parteiintern nur 2 jahre Gnadenfrist als MP zugebilligt bekam.
Es ist also nicht auszuschließen, daß er nun vorher noch einmal einen großen Auftritt in den Medien hat - als ohnehin Totgesagter.
Es ist ebenso bei ihm eher wahrscheinlich, daß er - bereits jetzt eingeplant - letztendlich zustimmt.
Etwas Wesentliches wird zu dem Thema von der Politik und den Medien ohnehin fast verschwiegen - nämlich, daß die Ministerpräsidentinnen und MP´s nicht im Geringsten ihrer Bundespartei Gefolgschaft zu leisten haben, sondern auf ihre jeweiligen Landesverfassungen vereidigt wurden.
Leider ist auch der Bürger meist zu unaufgeklärt, um das zu erkennen.
Em Ende wird Lügen-Harry zustimmen.
Übrigens in S-H wird soetwas veröffentlicht, weil es nachgewiesen ist, daß er das Landesparlament belogen hat.
"Der Sued-Kasper spricht ja nun schon von "Wortbruch" : als habe jemand vor der Wahl den Waehlern versprochen, den Gewinn der Hoteliers zu steigern und sei deshalb gewaehlt worden. "
... bezieht sich Seehofer (den meinten Sie wohl?) auf die Absprachen bzw. Vereinbarungen während der Koalitionsverhandlungen und der Verabschiedung des Koalitionsvertrags.
Ich würde es an seiner Stelle auch seltsam finden, wenn ein anderer Ministerpräsident zuerst die Beschlüsse abnickt und dann nicht einmal einen Monat später medienwirksam deklamiert, er könne diese Beschlüsse aus Sorge um "sein" Land nicht mittragen. Die Finanznot in SH existiert doch wohl nicht erst seit letztem Wochenende?!
Vielleicht war die HSH Nordbank ja auch bei Dubai World investiert und knabbert jetzt an den Zahlungsausfällen ;-) ...
Liebe Kinderlein, wir haben doch all die Jahre gelernt, die Roten können nicht mit Geld umgehen. Nur überall wo Union und FDP regieren, gehts den Menschen auch wirtschaftlich besser. Und das mit Grund! Ausnahmslos. Das ist einfach naturgesetzlich so.
"Carstensen holt in den Verhandlungen über die Steuersenkungen nur nach, was Kollege Seehofer in den Koalitionsverhandlungen erledigt hat: Er vertritt seine Interessen."
So kann man es auch sehen. Seehofer hat allerdings wenigstens schon während der Koalitionsverhandlungen sein Maul aufgemacht. Carstensen hat dagegen zuerst alles brav abgenickt und jetzt - offenbar völlig überrascht - festgestellt, dass die Beschlüsse "sein" Bundesland Geld kosten.
Das ist - ebenso wie die finanzielle Malaise in Kiel - unbestreitbar richtig. Nur warum hat er erst jetzt aufgemuckt - und nicht schon während der Verhandlungen auf den Tisch gehauen?
Ich habe so den leisen Verdacht, er möchte sich als lautstarker Kämpfer für Schleswig-Holsteiner Interessen profilieren, was natürlich während der Koalitionsverhandlungen etwas im "Grundrauschen" untergegangen wäre. Jetzt, wo er quasi die Bühne für sich alleine hat, ist wohl der Aufmerksamkeitsfaktor ungleich höher. Ein Schelm, wer Gutes dabei denkt...
Aber wie heisst es so schön: Feind, Erzfeind, Parteifreund...
"Das mag daran liegen, dass massenweise Investoren aus dem Ausland zuzogen und damit Arbeitsplätze schafften. In einem derart industrialisierten Land wie unserem funktioniert das aber sicher nicht! Also bitte nicht Äpfel mit Bananen vergleichen..."
Nun ja, man kann auch im Dienstleistungsbereich Arbeitsplätze schaffen, wo der Kapitalbedarf um einiges geringer als im verarbeitenden Gewerbe ist. In Slowenien werden 2/3 der Wirtschaftsleistung in diesem Sektor erwirtschaftet, der 56% der Arbeitsplätze stellt. Es muss ja nicht gleich jeder eine Autofabrik hinstellen...
Gerade im Dienstleistungsbereich ist die hohe Belastung durch Steuern und Sozialabgaben ein grosses Problem, da viele Tätigkeiten dadurch in den Bereich der Schattenwirtschaft abwandern. Steuer- und Abgabensenkungen könnten hier durchaus helfen, einen Teil dieser Wirtschaftsleitung wieder in den legalen Bereich zurückzuholen.
Ob sich das Ganze dann selbst trägt, also die Steuersenkungen durch Mehreinnahmen aus dem generierten Wirtschaftswachsum bzw. gesparten Sozialausgaben kompensiert werden, wage ich allerdings zu bezweifeln.
Paging