Das Finanzkonzept der SPD ist vernünftiger als das der CSU: Statt im Wettlauf um die niedrigsten Steuersätze mitzurennen, entlastet es die mittleren und niedrigen Einkommen.
Angst ist ein schlechter Ratgeber. Die CSU ist ihm kürzlich gefolgt, die SPD tut es jetzt nicht. Aus Angst vor einem Debakel bei der Bayern-Wahl im Herbst hat die CSU jüngst Steuergeschenke über 28 Milliarden Euro in Aussicht gestellt. Um nicht als Geizhals dazustehen, kündigte daraufhin auch SPD-Chef Kurt Beck für seine Partei eigene Vorschläge an. Die SPD hechele der CSU hinterher, stichelten die Bayern.
SPD-Finanzminister Peer Steinbrück verspricht für die nächsten Jahre gar nichts - und genau das ist richtig. (© Foto: AP)
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Sie sind nun gründlich widerlegt: Denn die jetzt präsentierten Ideen der SPD haben mit den gut klingenden, aber unrealistischen CSU-Verheißungen nichts zu tun. Die SPD lässt sich nicht auf einen Steuersenkungswettlauf ein. Die Partei verspricht weder Milliarden für Pendler noch für Eltern, ja, für die nächsten Jahre verspricht sie so gut wie gar nichts - und genau das ist richtig.
Statt üppige Steuergeschenke anzukündigen, stellen die Sozialdemokraten die Sanierung der Staatsfinanzen weiter vornan. 2011 soll das Land ohne neue Schulden auskommen. Das klingt nicht so spektakulär wie das CSU-Motto "Mehr Netto für alle", ist bei einer Staatsverschuldung von 1,6 Billionen Euro aber vernünftiger. Und trotz ihrer Sparsamkeit kommen die Genossen nicht mit leeren Händen daher. Für die Zeit nach der Haushaltssanierung hat die SPD Ideen, die zwar unausgereift sind, aber diskutiert werden sollten.
Das gilt vor allem für den Vorschlag, die Bürger künftig lieber über niedrigere Sozialabgaben statt über Steuersenkungen zu entlasten. Das greift ein Problem auf, das viele derjenigen verschweigen, die sonst so gerne über die Mittelschicht und die Leistungsträger unserer Gesellschaft reden.
Vor allem die Menschen mit niedrigen und mittleren Einkommen ächzen hierzulande nämlich nicht unter einer riesigen Steuerlast, sondern unter hohen Abgaben. Ein Beispiel: Eine Verkäuferin mit einem Jahresverdienst von 20.000 Euro zahlt jährlich etwa 2000 Euro Steuern - aber gut 3900 Euro an Abgaben. Ein Einkommensmillionär dagegen zahlt 43,3 Prozent Steuern, aber nur 1,1 Prozent Sozialabgaben. Wer etwas für den Millionär tun will, senkt die Steuern. Wer der Verkäuferin helfen will, senkt die Abgaben. Darüber freut sich noch dazu deren Firma, weil sie auch weniger zahlt. Ausnahmsweise erhält die SPD daher auch ein vorsichtiges Lob von manchem Wirtschaftslobbyisten.
Allerdings bleiben in dem sozialdemokratischen Konzept noch knifflige Fragen offen. Deren wichtigste ist, wie die Abgabensenkungen bezahlt werden können. Ein bisschen mehr Einnahmen aus der Reichensteuer reichen dafür nicht. Sollen also die Abgaben für Besserverdiener steigen? Oder sollen die Steuern für alle höher werden? Und führt das nicht zu neuen Umverteilungsorgien? Die Sozialdemokraten haben noch viel Arbeit vor sich, um diese Fragen zu beantworten. Schon jetzt gebührt ihnen aber Lob, weil sie eine wichtige Diskussion neu anstoßen, statt einfach in dem Wettlauf um die niedrigsten Steuersätze mitzurennen.
(SZ vom 28.05.2008/cag)
Documenta-Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev
Geld ist wichtig, na klar. Jeder hätte gerne mehr davon.
Aber in allen Diskussionen scheint es nur noch darum zu gehen (Kindergeld, KFZ-Steuer, Steuererleichterungen allgemein, Pendler-Pauschale, Abgabensenkung).
Das ist aber kurzfristig und fahrlässig gedacht. So hätte man z.B. bei der Gesundheitsreform statt einer Geldumverteilung eine Umorganisation vornehmen sollen. Das spart letztlich viel mehr Geld.
Auch die Unternehmen haben gesagt, sie möchten statt Ausbildungsförderungen lieber bessere Schulbildung für Azubis haben - komisch, die verzichten sogar auf Geld.
So etwas z.B. dauert natürlich länger als fünf Jahre und macht sich nicht so gut als Bild-Schlagzeile. Damit haben unsere Poliker ein Problem.
Nur mit "Sozialabgaben für alle" werden Sie allenfalls kurzfristige Effekte haben. Gleichzeitig mit den Einnahmen schaffen Sie auch Leistungsempfänger, die Geld haben wollen. Das kann sofort wirken (KV) oder mit einiger Zeit Verzögerung (RV), aber das Problem wird früher oder später zurückschlagen.
Das Schweizer Modell sieht insgesamt etwas anders aus, leider werden hier immer nur Bruchstücke davon präsentiert. Nämlich die, die gerade in die aktuelle Diskussion passen.
Bin weitgehend Ihrer Meinung, nur Vorsicht bei den Aufrufen "Sozialabgaben runter", dann gibts mehr Netto vom Brutto. Dieses trojanische Pferd der Arbeitgeber erhöht zwar Ihr Netto, den Renten- und Krankenkassen fehlt aber der doppelte !!! Betrag, da ja der Arbeitgeber auch entsprechend weniger zahlt, also seine Gewinne steigert.
Richtig wäre: Mehr Brutto, also auch mehr Netto und für die Geringverdiener Erstattung der Sozialabgaben aus Steuermitteln (nicht den AG-Anteil).
Dafür Sozialabgaben für Alle (Schweizer Modell). Dann könnte die Rentenversicherung vielleicht auf unter 15% gesenkt werden.
Man kann es drehen und wenden wie man will: Wahlstrategisch hat die SPD mit ihrem Steuerkonzept schlechte Karten. Zunächst müsse der Haushalt in Ordnung gebracht gebracht werden, dann könne man über Entlastungen nachdenken, sagen Beck und Steinbrück. Im Gegensatz zu den steuerpolitischen Schallmeien der CSU klingt das natürlich nicht attraktiv. Die Hubers und Becksteins locken mit 28 Milliarden EUR Steuerleichterungen schon ab 2009.
Wer's glaubt, wird selig.
Richtig ist im Moment, dass die Steuereinnahmen auch deshalb so üppig sprudeln, weil beinahe jede (noch so bescheidene) Lohnerhöhung überproportional besteuert wird. In dem Punkt mag die CSU recht haben.
Wer allerdings die wachsende Schere zwischen Arm und Reich beklagt, der darf sich nicht wie die CSU auf eine Senkung des Eingangssteuersatzes fokussieren.
Die daraus resultierende Entlastung setzt sich nämlich bis in die Spitzeneinkommen fort.
Da lob' ich mir das ehrlichere Konzept der SPD: Wer wenig verdient, zahlt mittlerweile gar keine Steuern mehr, wohl aber ständig steigende Sozialbeiträge.
Die also müssen runter und die Spitzensteuersätze (Reichensteuer) müssen wieder hoch, damit "in diesem unserem Lande" (Kohl) endlich wieder mehr Steuer- und Abgabengerechtigkeit herrscht und die Arbeitnehmer wirklich wieder "mehr Netto für Brutto" (Orginalton CSU) in der Tasche haben...
wurde ja auch immer der "Arbeitgeberanteil" erhöht - das haben die Menschen vor ein paar Jahren richtig toll gefunden. Nur ist der Arbeitgeberanteil der Teil an den Sozialabgaben, den sich der Arbeitgeber mit dem Arbeitnehmer teilt.
Summa summarum stieg eben auch der Arbeitnehmeranteil! Das haben die meisten Beschäftigten jetzt auch langsam verstanden...
Nun muss, wie immer wenn Regierungsparteien keine intelligenten Lösungen einfallen und man den wissenschaftlichen Rat zu einer General-Steuer-Reform ignoriert, wieder etwas Populäres her - mehr Netto für alle. Ähnlich wie - 20% auf Alles (außer Tiernahrung). Und ziehen wir noch die Brutto-Netto-Schwäche der CDU-Chefin und Kanzlerin hinzu - kann also nichts herauskommen, also nichts Positives.
So unkompliziert will es die SPD sowieso nicht machen, es sollen, ähnlich wie bei den erhöhten Arbeitgeberanteilen, erst einmal Konzepte her, die richtig gut klingen, die aber spätestens nach ein, zwei Legistativen doch wieder nur als BE- und nicht als ENTlastung der Steuerzahler enttarnt werden.
Ich finde, man sollte irgendetwas koppeln oder binden - wie den Gaspreis an den Ölpreis. Das ist mittlerweile gängige Praxis und niemand reibt sich an diesem Paradox.
Eine pfiffige Idee wäre - die Steuersätze dynamisch an den Milchpreis zu koppeln. Oder besser noch an den Dieselpreis. Oder an die Teuerungsrate. Oder an die Diäten. Oder an die Armutsstatisik.
Steigerungen im zweistelligen Bereich garantiert...
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