Sterbehilfe Suche nach dem guten Tod

Strenges Verbot oder kontrollierte Freigabe? Der Bundestag debattiert über die Sterbehilfe. Schon die Diskussion zeigt heilsame Wirkung.

Kommentar von Matthias Drobinski

Manchmal betrifft eine Debatte nur vergleichsweise wenige Menschen, und doch behandelt sie Grundsätzliches. Man hätte zum Beispiel auch die Pflegeversicherung zum Anlass nehmen können, um übers Sterben und den Tod zu reden. Sie betrifft Millionen Bürger, es geht um Milliarden Euro, auch sie spiegelt das Verhältnis einer Gesellschaft zur letzten Phase des Lebens. Einen assistierten Suizid streben nur wenige tausend Menschen an. Und dennoch ist die Frage, wer wem wann beim Sterben helfen darf, zur großen Debatte über den guten Tod im Zeitalter der Intensivmedizin geworden.

An diesem Donnerstag berät der Deutsche Bundestag in erster Lesung vier Gesetzentwürfe, die den assistierten Suizid regeln sollen, sie reichen vom strengen Verbot bis zur kontrollierten Freigabe. Wahrscheinlich wird jener Entwurf die meisten Stimmen erhalten, der die organisierte Beihilfe verbietet, die Hilfe im Einzelfall aber straffrei lässt. Kommt das Gesetz, dürfte die juristische Debatte vorerst zu Ende sein.

Schmerzen kennen keine Altersgrenze

Wendy Bax ist unheilbar krank. Wenn die Qualen zu groß werden, will sie selbst über ihr Ende entscheiden. Als sie merkte, dass niemand sie damit ernst nimmt, gründete sie die erste Sterbehilfe-Vereinigung für junge Menschen. mehr ... jetzt.de

Der Tod ist kein Tabuthema mehr in Deutschland

Die politische und gesellschaftliche aber wird erst beginnen. Der Tod ist kein Tabuthema mehr in Deutschland, dazu hat auch diese Sterbehilfedebatte beigetragen. Schon Ende 2012 hatte die ARD-Themenwoche "Leben mit dem Tod" hohe Einschaltquoten. Die angekündigten Suizide des Schriftstellers Wolfgang Herrndorf oder des ehemaligen MDR-Intendanten Udo Reiter fanden großes Verständnis: Der selbstgewählte Tod erscheint nicht mehr als Sünde oder Ausdruck des Seelenkranken, sondern als heroischer, letzter Akt des autonomen Menschen - so sehr, dass sich viele Therapeuten Sorgen machen.

Die Bundestagsabgeordneten wiederum debattierten bereits im vergangenen Jahr so ernsthaft und tiefgründig, wie mit dem Wunsch nach Hilfe zum Sterben umzugehen sei, dass man sich wünschte, es würde häufiger solche Debatten geben.

Der Tod ist unfassbar für die Menschen, die ultimative Kränkung seines Lebenswillens. Zu allen Zeiten haben deshalb die Menschen Vorstellungen vom guten Sterben entwickelt, um die Angst zu lindern, dem Ende einen Sinn zu geben. Sie haben den Tod als höhnisch grinsenden Sensenmann beschrieben und als guten Freund, sie haben ihn in furchtbarer Weise zum großen Unterscheider zwischen lebenswertem und lebensunwertem Leben gemacht. Hinter der aktuellen Sterbehilfedebatte steckt auch die Suche nach neuen Leitbildern vom guten Tod.

Die Intensivmedizin hat die Grenzen zwischen Leben und Tod unscharf werden lassen. Sie hat das Sterben nach hinten geschoben und schmerzarm gemacht wie nie - und ist doch in die Sackgasse geraten. Die Angst vor dem schrecklichen Sterben als vereinsamtes Objekt ist die Folge.