Stenograf im Bundestag "Es ist in alle Richtungen leidenschaftlicher geworden"

Thomas de Maizière spricht - die Stenografen des Deutschen Bundestages protokollieren.

(Foto: dpa; Bearbeitung SZ)

Stenografen im Bundestag protokollieren nicht nur die Reden. Kein Zwischenruf darf ihnen entgehen, kein Lachen falsch vermerkt werden. Christoph Weemeyer erklärt, wie er das macht - und was sich mit der AfD verändert hat.

Interview von Stefan Braun

Im Parlament arbeiten rund 30 Stenografen, hauptamtlich, full-time. Alle haben ein Studium und dazu eine parlamentsinterne Ausbildung abgeschlossen. Ihre Rolle: Bei äußerster Konzentration äußerste Präzision liefern.

In Zeiten von Live-Stream und TV-Mitschnitten wirkt das für manche Beobachter antiquiert. Aber auch die Technik kann das Fachwissen und die Erfahrung nicht ersetzen. Zu Beginn jeder Legislatur müssen sich die Stenografen des Bundestages wie Klassenlehrer alle Gesichter der Abgeordneten einprägen, zurzeit sind es 709. Nur wer alle kennt, kann Zurufe, Interventionen und Kommentare zuordnen.

Die AfD im Bundestag

Dieser Text ist Teil einer großen Datenrecherche zum ersten halben Jahr der AfD im Bundestag. Lesen Sie hier die digitale Reportage mit den zentralen Ergebnissen und hier alle Texte zum Thema.

Einer von ihnen ist Christoph Weemeyer. Der studierte Sozialwissenschaftler ist 37 Jahre alt und arbeitet seit 2003 als Stenograf für den Bundestag. Seine Schichten an einem normalen Sitzungstag: Fünf Minuten im Saal stenografieren; danach rund sechzig Minuten das Notierte ausschreiben; schließlich ein paar Minuten Pause, bis nach exakt 80 Minuten alles wieder von vorne losgeht. Und das Ganze so lange, bis der amtierende Präsident die Sitzung für den Tag beendet.

SZ: Herr Weemeyer, hat die AfD Ihr Leben verändert?

Christoph Weemeyer: Nein, das hat sie nicht. Warum?

Weil mit der AfD die Debatten im Bundestag heftiger, lauter, auch aggressiver geworden sind. Oder stimmt das gar nicht?

Zunächst einmal ist der Bundestag voller. Es sind mehr Abgeordnete; und es sind mehr Fraktionen. Es ist also völlig klar, dass da mehr los ist. Daher müssen wir vor allem am Anfang der Wahlperiode noch konzentrierter sein, noch genauer hinsehen. Insofern haben Sie recht: Das ist schon eine Veränderung.

Sind die Debatten - salopp ausgedrückt - bleihaltiger geworden?

Es geht oft leidenschaftlicher zu. Mehr Leute und mehr Fraktionen sind im Parlament vertreten. Da sind auch mehr politische Gegensätze spürbar. Und die kommen durch mehr Beifall, mehr Zurufe, mehr Zwischenfragen zum Ausdruck.

Das klingt nach: Ziemlich viel ist anders.

Ja, aber ich erinnere mich noch an Zeiten, als Rot-Grün regierte: Auch damals war vielleicht mehr Leben in den Debatten als während der letzten großen Koalition. Die Präsenz hat sich erhöht, mehr Abgeordnete kommen zu den Debatten, mehr Medien verfolgen die Diskussionen. Da wird es fast automatisch lebhafter.

Gibt es in Ihrem Job Code-Wörter, mit denen Sie Streit, Lachen, Spaß, Aggression beschreiben?

Ein paar gibt es, ja. Wenn Leute nach einem lustigen Satz des Redners lachen müssen, dann umschreiben wir das im Protokoll mit "Heiterkeit". Dieser Begriff umschreibt seit jeher die Reaktion auf etwas Lustiges.

Sie müssen als Stenograf auch jedes Lachen protokollieren. Gibt es im Parlament ein gutes und ein böses Lachen?

Ja, so kann man das sagen. Das gute Lachen habe ich gerade beschrieben. Bei uns ist das die "Heiterkeit". Daneben verzeichnen wir im Protokoll das "Lachen", das anders gemeint ist - eher abfällig, abwertend, verlachend.

Hat dieses "Lachen" mit der AfD zugenommen?

Ich würde sagen: Es ist in alle Richtungen leidenschaftlicher geworden. Keine Frage.

Sind Zwischenrufe für Sie Stress, weil Sie sehr genau aufpassen müssen? Oder machen gerade die Ihre Arbeit interessanter?

Als Stress würde ich es nicht bezeichnen. Es macht unsere Arbeit auf jeden Fall interessant, lebendig, aber manchmal auch sehr anspruchsvoll. Denn wenn es hoch hergeht, kommen Zwischenrufe häufig gleichzeitig aus verschiedenen Richtungen. Und wir sollten ja nicht nur den Wortlaut voll erfassen, sondern auch, von wem der Zuruf kam. Man möchte sich auf keinen Fall verhören. Also ist in den Momenten noch mehr Konzentration angesagt.

So gesagt im Bundestag?

Was haben Abgeordnete im Parlament wirklich dazwischengerufen? Waren die Mettbrötchen wirklich Thema? Machen Sie mit bei unserem Quiz. mehr ...

Könnte das eine Kamera nicht besser aufzeichnen? Es läuft ja ohnehin eine mit.

Ganz im Gegenteil. Gerade wenn viel los ist, ist es sehr wichtig, jeden einzelnen Abgeordneten, der klatscht oder dazwischenruft, schnell zu erkennen. Mit Kameras ist das auf die Schnelle gar nicht zu schaffen. Gerade bei den aktiven Zwischenrufern kann es auch helfen, wenn man gleich die Stimme identifizieren kann. Wenn man einfach nur ein Mikrofon hinstellen würde, bekäme man einen Tonbrei, würde wenig verstehen und könnte die Zurufe auch nicht richtig zuordnen.

Bleiben Sie beim Mitschreiben immer ganz kalt, um Abstand zu wahren? Oder reißt Sie manchmal eine Debatte selbst mit?

Es gibt natürlich spannendere und weniger spannende Diskussionen. Manchmal hat man schon das Gefühl, dass gerade etwas Historisches passiert. Das spüren natürlich auch die Stenografen. Aber ich glaube nicht, dass wir das nach außen zeigen sollten. Wir sind alle politisch interessiert, und trotzdem haben wir nur ein Ziel: ein gutes Protokoll zu machen.

Anders gefragt: Segeln Sie gedanklich mal mit, wenn etwas besonders spannend ist?

Ich würde sogar sagen: Wir müssen mitsegeln. Wir können eine Rede nur dann gut protokollieren, wenn wir sie schon im Plenarsaal sehr aufmerksam verfolgen. Wenn wir nicht gleich im Thema wären, würden die 60 Minuten danach kaum reichen, um ein authentisches, gut lesbares Protokoll zu erstellen. Die Zeit würde dann einfach nicht reichen.

Gibt es Momente des Mitleids? Wenn am Pult ein Redner steht, der sich gerade verliert? Oder der durch Zwischenrufe aus dem Konzept kommt?

Wir müssen gedanklich mitgehen, und wenn der Kopf mitgeht, sind auch Emotionen dabei. Aber es gibt gar keinen Grund für Mitleid. Die Abgeordneten bekommen das meistens ziemlich gut hin.

Sie haben noch nie mitgelitten?

Nicht wirklich. Für unsere Arbeit spielt das, ehrlich gesagt, keine Rolle.

Gibt es insgeheim mal das Gegenteil? Nach dem Motto: Gib's ihm? Oder verbietet das der Anstand?

Es geht hier nicht um Anstand. Es geht um Professionalität. Wir wollen den Inhalt wiedergeben und ihn nicht bewerten. Das könnten wir uns schon rein zeitlich nicht leisten. Wir nutzen die Zeit lieber, um das, was gesagt wurde, authentisch und gut lesbar abzubilden.